Much loved

Prostitution. Tägliche Realität überall auf der Welt, und doch ein Tabu überall auf der Welt. Kreuzzüge gegen die Prostitution und die in ihr Beschäftigten gibt es in allen Gesellschaften, ob angeblich „liberal“ wie in Schweden oder religiös-fundamentalistisch geprägt. Wer mit dieser Realität normal umgehen will, sie weder verheimlichen noch verbieten noch glorifizieren will, hat es schwer.

Der erfolgreiche marokkanische Regisseur Nabil Ayouch musste das jetzt wieder erfahren. Sein Film Much Loved über Prostituierte in Marokko machte ihn in Marokko zum Geächteten, seine Schauspielerinnen ebenfalls, und der Film wurde in Marokko umgehend verboten. Für seinen Film Much Loved interviewte Regisseur Nabil Ayouch eigenen Angaben zufolge hunderte von Prostituierten, bevor er sein Drehbuch verfasste. Der Film klagt sie nicht an, sondern behandelt sie als Menschen.

Much Loved dreht sich um vier Frauen in Marrakesh, die sich ihren Lebensunterhalt als sogenannte „Edelprostituierte“ vorwiegend im Kundensegment „reiche ausländische Touristen“ verdienen. Zum Beispiel, wen wundert es, reiche Saudis. Genau das macht den Film besonders brisant: jeder weiß, wie bigott und verlogen die fundamentalistischen Saudis sind. Es ist ein offenes Geheimnis, dass gerade die unantastbaren Prinzen hemmungslos und ungestraft Drogen, Alkohol und käuflichen Sex konsumieren, wenn nicht zuhause, dann doch zumindest im Ausland.

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Nach der Premiere in Cannes im Mai erhielt der Regisseur Morddrohungen, die Hauptdarsteller Yousseff el-Idrissi und Loubna Abidar ebenfalls. Beide wurden zusammengeschlagen und verletzt, Loubna war so mutig und postete Bilder ihrer Verletzungen auf sozialen Medien und flüchteten dann aber nach Frankreich.

Erst jetzt wurde der Film in einem arabischen Land gezeigt, natürlich in Tunesien, beim Carthage Film Festival. Terrordrohungen hatten keine Wirkung, unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen steig die Besucherzahl des Filmfestivals auf die Rekordzahl von 200,000. Much Loved war rasch ausverkauft.Tolle Reaktion des tunesischen Publikums.

Warum die Menschheit überall auf der Welt so schlecht, so verkrampft damit umgeht, dass es eine nicht versiegende Nachfrage nach kommerziellen erotischen Dienstleistungen gibt, und dass viele Frauen damit ihren Lebensunterhalt verdienen, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Es könnte allen besser gehen, wenn wir damit unverkrampft umgehen würden. Den Beschäftigten in der Branche, weil sie bessere Arbeitsbedingungen hätten und nicht mehr stigmatisiert und an den Rand der Gesellschaft gedrängt würden. Den Kunden, weil sie offen mit ihren Bedürfnissen umgehen könnten. Dem Rest der Welt, weil er ein Thema weniger hätte, worüber er sich aufregen müsste, denn davon gibt es wahrhaftig genug andere.

Mein Respekt für Nabil Ayouch, Loubna Abidar und alle anderen, die an diesem Film mitgewirkt haben. Hoffentlich kann ich ihn bald irgendwo sehen.

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Über sunflower22a

I am a mystery.
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3 Antworten zu Much loved

  1. westendstorie schreibt:

    Bin sehr gespannt drauf !

  2. finbarsgift schreibt:

    Ein not much loved Thema in unserer Gesellschaft, furchtbar!

    Lieber reden die Leute den ganzen Tag über Terroristen und Krieg

  3. Andi Latte schreibt:

    Läuft gerade in Frankfurt-Höchst!
    http://www.filmforum-höchst.com/html/programm.html
    Wird natürlich regelmäßig von mir in unserem Veranstaltungsmagazin „X wie raus!“ bei Radio-X angekündigt!

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