Taking pictures of me

Eine Vernissage. Ich mag Vernissagen. Du triffst die unterschiedlichsten Leute. Blasierte eingebildete Kunst-Eliten, Bohémiens, Hipster, gealterte 68er, junge Neugierige. Vielfalt. Und die Kunst, auch die ist manchmal sehenswert, aber sicher nicht immer. Du trinkst Wein aus Plastikbechern, manchmal plauderst du mit der Künstlerin, und die Preise für die Werke findest du natürlich unbezahlbar.

Am spannendsten ist es, wenn eine neue Galerie eröffnet. Dann geben sie sich besonders viel Mühe. Dann werden Reden gehalten. Es wird fotografiert. Die Eröffnung muss dokumentiert werden für die Nachwelt.

Ich höre der Rede zu, ab und zu schweift mein Blick über das Publikum. Der Photograph arbeitet hart, macht ein Bild nach dem anderen. Vor allem von mir. Jedes zweite Bild bin ich, so scheint es. Er geht weiter weg, sein Teleobjektiv fixiert mich, fast wie ein Penis. Er kommt wieder näher. Immer ich. Was macht er mit all den Bildern von mir? Soll ich ihn darauf ansprechen? Nein. Ich lasse mich gerne photographieren. Vielleicht ist er ein einsamer Single und hängt sich die Bilder als Plakate übers Bett. Why not. Vielleicht erscheine ich in 10 Jahren in der Dokumentation über die berühmteste Galerie der Stadt als Kundin der ersten Stunde. Nice idea.

Er steht direkt vor mir, und er schaut mir fast verliebt und bewundernd in die Augen. Sein Gesicht ist leider unter einem wuchernden Pelz versteckt, furchtbar. Ein Bär. Pferdeschwanz. Hipster. Anyway. Auch Hipster sind Menschen. Wahrscheinlich lächelt er mich an, aber  niemand kann das sehen. Noch ein Bild. Smile. Cheese. Klick, klick. Ich strecke ihm die Zunge raus, mache Grimassen. Klick, klick.

„So, jetzt reicht es aber langsam. Da sind noch mehr Menschen. Die wollen auch mal Bilder von sich.“

„Sie sind die Schönste von allen.“

„Danke, danke.“

Ich gebe zu, er schmeichelt mich.

„Aber das stimmt nicht. Schauen Sie, so schöne Ladies hier.“

„Ja, aber Sie sind die Schönste.“

Ich glaube, bald fragt er mich ob er eine Session Aktaufnahmen von mir machen kann.

„Danke, bärtiger Herr, thank you so much. Sie haben bestimmt schon 100 Bilder von mir. Das muss reichen.“

„Okay, Sie haben recht. Entschuldigen Sie.“

„Oh bitte, it was a pleasure.“

Er kümmert sich jetzt um die anderen Schönheiten.

Als ich nach Hause gehe, sagt mir der Kopf, du bist dumm, du hättest ihn viel früher stoppen müssen. Was wird er mit all den Bildern machen. Und der Bauch sagt mir, freu dich, du bist nicht mehr die Jüngste, und doch findet er dich die Schönste. Immer wenn er von einer schönen Frau träumt, sieht er dein Bild.

Whatever. Eines ist sicher, wenn ich von schönen Männern träume, sehen sie anders aus als dieser Hipster mit Gesichtspelz.

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Another way to be center stage at an art exhibition

Über sunflower22a

I am a mystery.
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7 Antworten zu Taking pictures of me

  1. MT schreibt:

    Fotografen sind seltsame Menschen, ich habe noch keinen getroffen, der nicht seltsam war. Einmal bin ich mit meiner Schwester zum Fotografen, um Portraitaufnahmen machen zu lassen. Bevor wir überhaupt etwas sagen konnten, wieso wir zu ihm gekommen sind, hat er als allererstes, als er uns gesehen hat, gefragt: „Aktbilder?“ Wir haben uns angeschaut und gelacht, aber es war schon etwas seltsam. Er war im Grunde später auch sehr nett und hat super Fotos gemacht, aber der erste Eindruck blieb eines etwas seltsames Kauzes. Der fand uns aber anscheinend sehr toll, haben wir die ganze Zeit gemerkt. Etwas geschmeichelt haben wir uns auch gefühlt. Trotzdem war es seltsam. Er war ein professioneller Fotograf.

  2. Provinzei schreibt:

    Volldeppen halt.
    Also beide.
    Der vom Post wie der vom Kommentar.

  3. kalypso schreibt:

    @ provinzei

    manche einer zückt den auto-schlüssel mit der promi-marke……..ein anderer den fotoapparat.

    kommt immer darauf an, wer anbeißt.

    klare strategie

  4. Provinzei schreibt:

    Verstehe.
    Trotzdem armselig.

    • kalypso schreibt:

      ach leben und leben lassen…….

      jedem tierchen sein plaisierchen.

      wäre doch langweilig – wenn wir alle gleich ticken würden.

  5. kormoranflug schreibt:

    Bestimm stand er neben Dir….. Wein aus Pappbecher geht gar nicht auch nicht in der Kunst.

    • kalypso schreibt:

      was ist schon kunst?

      wein aus pappbechern oder aus kleinen gläsern…… hat was.

      ist auch ne form von ausruck.

      im endeffekt – du kannst kannst teuren sprit trinken – ist es doch – meistens so, wer steht neben einem……kannst du genießen?

      letzte woche war ich ganz spontan in der stadt unterwegs……ja, kleinstadt hat auch was…..manchmal laufen einem frühere bekannte über den weg.

      also ich wollte nur in meiner weinhandlung was kaufen……traf ich im sträßle einen uraltbekannten……laber fasel…..was geht ab…..och, ich tippel jetzt noch mal zu…..
      ach…..schön…..ich geh mal mit…….vor dem geschäft……ach, vielleicht sollte ich auch mal mit rein…..oh ja…… drinnen…..großes hallo……….also …..wir gucken mal….. dann der liebe bekannte………….also willste mal so einen richtigen burner? ja….klar….als eingefleischter trinker…………tippel, tippel zum weinregal…… bekannter zog – fachmännisch, er wusste ja was er wollte, eine pulle raus. ich guck auf den preis.
      19.95. öhhhhh…….
      ich lad dich ein, wir trinken hier ein gläschen, den rest nimmste mit heim.
      o.k. klare ansage.
      wir stellen uns ans weinfaß……korken gehoben………….schlürf…..schlürf…. ein gutes wort gibt das andere…………….ach, naja……den trinken wir jetzt aus.
      jawohlll ja!!!!
      schöne 1 1/2 std. verlebt………herrlich gelacht…..gläser waren o.k. darauf kam es aber überhaupt nicht an…….ein pappbecher wäre genauso gut gewesen.
      als die pulle sich dem ende neigte……es war an einem mittwoch……16h……der stoff war vom feinsten…….14,5 umdrehungen…….hmh……ich gehe jetzt mal heim…….zur frau…..
      mal gucken ob sie es merkt. der gute ist 65 – ehemaliger erfolgreicher geschäftsmann….. ich: ha…..wir müssen uns ne strategie ausdenken…….olle ist zuhause, du kommst angesoffen heim……………….
      nein, nein, ich tu jetzt mal so, ob als gar nix wäre…..
      oh – du mein unschuldiger……………..
      nach dem letzten schluck ……ich überreichte ihm mein glas, wo noch was drin war…..
      lächelte er mich an…………….ich: den letzten schluck dem gönner!
      danach er: oh……ich muß jetzt dringend eine rauchen……also raus….wir leben hier in bayern……nix mit drinnen rauchen uns so…….
      nach der kippe: ach, wie war es doch mal wieder schön!!!!

      also es kommt nicht so sehr darauf an, was wir in welchen becher trinken….sondern mit wem wir den kelch teilen!

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