Mehr Menschen

Bruxelles, Aéroport National. Noch ahnt niemand etwas vom Ausnahmezustand, der bald verhängt wird. Im Gegensatz zu den Berlinern wissen die Belgier nicht nur, wie man Flughäfen baut, sondern auch wie man sie immer schicker und effizienter macht. Das gilt auch für den in den Flughafen integrierten Bahnhof. Leider, leider: die Sache hat einen Nachteil. Der scheint aber kaum jemand aufzufallen.

Ich brauche ein Bahnticket für den Zug in die Stadt. Wie traumhaft, 5 Schalter sind geöffnet, 3 davon haben keinen einzigen Menschen davor stehen. Jetzt möchte ich zu dem freundlichsten Menschen hinter dem Panzerglasschalter gehen. Gar nicht so einfach. Alle schauen so in die Luft, alles würden sie am liebsten für den Rest des Tages keine Kunden mehr bekommen wollen.

„Downtown Brussels, return ticket please, for today.”

“You can buy a ticket at the machine outside.”

Wie bitte?

Abgesehen davon, dass vor diesen blöden und wie überall auf der Welt völlig unverständlichen Geräten eine Schlange steht – so etwas mache ich nicht. Ich erkläre der mürrischen Lady, dass ich das nicht tun werde, da ich ihren Arbeitsplatz gerne erhalten würde. Wenn alle zu der Maschine gehen, werde sie bald wegrationalisiert. Ich boykottiere die Maschine. Sie scheint das nicht zu verstehen.

„Look, I don’t want to talk to machines, I want to talk to human beings, to friendly human beings like you.”

Mürrischer Blick, keine Antwort. €17. Ich zahle mit Bargeld statt eine Plastikkarte in einen Schlitz zu stecken. Jetzt muss sie auch noch Kleingeld herausgeben, welche Zumutung.

„Thank you, have a nice day.“ Ich kann noch so freundlich sein, es nützt nichts. Sie sagt gar nichts.

Es geht weiter. Der Zugang zu den Bahnsteigen ist jetzt durch elektronische Zugangssperren versperrt. Du musst dein soeben erworbenes Ticket mit dem QR-Code auf einen Scanner legen, der aber fehleranfällig ist. Also kommst du nicht durch. Ein Bahn-Mitarbeiter kommt, will helfen. Der ist wenigstens von erlesener Freundlichkeit.

Ich sage ihm, er solle das doch alles boykottieren. Dieses ganze System werde seinen Arbeitsplatz beseitigen, sobald es perfekt funktioniere. Er schaut mir tief in die Augen, gibt mir recht. Was könne man schon machen. Er müsse jetzt eben den Kunden helfen. Meinen Vorschlag, das ganze Ding systematisch zu sabotieren, lehnt er entrüstet ab. Das würde zu Lasten der Kunden gehen.

Ja, er hat recht. Das wäre so. Da grummeln schon zwei Dutzend vernehmlich, die ich mit meinem Gemecker aufhalte. Aber dennoch wäre es besser. Auch im Flughafen kontrolliert niemand mehr die boarding passes. Das machen jetzt Scanner.

Furchtbar. Nur noch menschenleere Hallen, ohne Personal. Menschen- und vor allem frauenfeindliche Angsträume. Arbeitsplatzvernichtung.

Wenn all diese kapitalintensive Technologie wirklich billiger ist als lebende Menschen, die bestimmt nicht viel verdienen, ist alles falsch gelaufen. Gewerkschaften, die geschlafen haben. Mitarbeiter, die nicht einmal erkennen, dass lebende Kunden, die eine Dienstleistung von ihnen wollen, ihre beste Arbeitsplatzgarantie sind. Regierungen, die Maschinen, Kapital , Energie kaum besteuern aber mit absurden Lohnnebenkostensystemen die menschliche Arbeit enorm verteuern ohne dass die Arbeitnehmer etwas davon haben. Kunden, die sich lieber vor diese doofen Maschinen stellen und herumrätseln, wie sie funktionieren, statt an einen Schalter mit zugegeben unfreundlichen Mitarbeitern zu gehen.

Ich sabotiere diesen Automatisierungswahn wo ich nur kann. Rufe Mitarbeiter, weil ich behaupte, den Automaten nicht zu verstehen. Ich will ihn überhaupt nicht verstehen. Kaufe Tickets bei einem Menschen in der Bahn, statt an einem Automaten am  Bahnhof. Freue mich, wenn meine Begründung, dass ich Automaten und Onlinebuchungen hasse und Arbeitsplätze erhalten will, von der Zugbegleiterin als Härtefall anerkannt wird und die Nachlösegebühr entfällt. Stelle mich doof an, wenn der Scanner nicht scannt. Ja, das nervt viele andere Kunden, die wegen der dummen Tussie auch warten müssen. Aber wir sollten das alle tun. Boykottieren wir die Automaten wo es nur geht. Gegen renitente Kunden sind sie am Ende doch machtlos.

0538AS (157) - Kopie

This machine is acceptable…

Über sunflower22a

I am a mystery.
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7 Antworten zu Mehr Menschen

  1. Mordred schreibt:

    du sprichst mir aus der seele.
    aber das passiert nicht nur dort in interaktion mit den endkunden.
    letztens auf ner it-tagung mit schwerpunkt hr: lohnbuchhaltung, vertragsmanagement, personaleinsatzplanung (!)… werden immer mehr automatisiert und/oder komplett (!) outgesourced nach osteuropa und fernost. die arbeitsplatzvernichtung wird in den nächsten 10 jahren gigantische ausmaße annehmen.

  2. bjoernstarkimarm schreibt:

    Einerseits hast du Recht. Andererseits mag ich keine Menschen…

  3. Vox Populist schreibt:

    Irgendeine Studie kam jüngst zu dem Ergebnis, dass bis 2050 jeder zweite Beruf durch den technischen Fortschritt bedroht ist.

    Ich denke dabei nur exemplarisch an einen Job: Supermarktkassiererin. Mit diesem Beruf finanzieren sich hunderttausende Frauen aus der unteren Mittelschicht ihre Existenz und bringen ihre Kinder durch. Er wird in absehbarer Zeit nicht mehr existieren, nämlich sobald die automatischen Abrechnungssysteme z.B. über RFID-Chips eine Marktreife erreicht haben, bei der sie billiger sind als die Gehälter der Kassiererinnen.

    Die Logik des Systems gewinnt am Ende immer, das werden die Kassiererinnen ebenso lernen, wie die Weber vor 170 Jahren.

    Der Kapitalismus in seiner heutigen Form wird sich deshalb irgendwan selbst zerstören, weil einer immer geringeren Zahl an durch Arbeitsplätze ruhiggestellten Mittelschichtsbürgern eine immer größere Zahl an Arbeitslosen und Frustrierten mit entsprechendem revolutionären Potenzial gegenüber stehen wird. Heute steht bereits ein nicht-arbeitender Bürger (Arbeitslose, Kinder, Alte) einem arbeitenden Bürger gegenüber. Bald wird das Verhältnis zwei zu eins sein, dann drei zu eins. Wie lange lässt sich dieses System dann noch aufrechterhalten?

    Selbst Keynes, nicht eben ein Kommunist, ging schon vor fast hundert Jahren davon aus, dass in der heutigen Zeit eine 20 Stunden-Woche realisiert wäre. Stattdessen leiden wir mittlerweile an Massenarbeitslosigkeit auf der einen Seite und Arbeitsverdichtung auf der anderen Seite. Zwei Arbeitnehmer die je 20 Stunden arbeiten sind für einen Arbeitgeber eben deutlich teurer als Einer, der 40 Stunden arbeitet. Im Kapitalismus setzt sich die individuelle Gier des Kapitalbesitzers immer durch, auch wenn die Gesellschaft insgesamt dadurch den Bach heruntergeht, weil immer mehr gerade junge Menschen keine Perspektive haben. Dieses System kann daher auch keine dem System selbst innewohnenden Lösungen anbieten. Daran ist die soziale Marktwirtschaft gescheitert und wird auch niemals wiederkommen, egal wie sehr sich manche alte Sozialdemokraten in den etablierten Parteien die 70er Jahre zurückwünschen. Dieser kurze Burgfrieden zwischen Wohlstandsbesitzern und Wohlstandserzeugern wurde schon lange aufgekündigt.

    Im Grunde bietet sich der Menschheit eine irrwitzige Entwicklungschance durch die Befreiung von stupider und repetitiver händischer Arbeit. Wer nicht mehr den Rücken krumm machen muss, weil sein Job von einem Roboter gemacht wird, der hat Zeit und Muße für Mozart und Einstein. Unsere Nachfahren werden leben können wie die Menschen in „Star Trek“ und ihre Schaffenskraft nicht mehr für die Sicherung der eigenen Existenz aufwenden müssen, sondern für die Verfeinerung der eigenen Persönlichkeit und der Menschheit an sich. Ebenso ist es möglich, dass die meisten von ihnen in einer Dystopie à la „Judge Dredd“ oder „Hunger Games“ darben müssen, wenn der Entwicklungssprung heraus aus der kapitalistischen Logik nicht gelingt.

  4. kalypso schreibt:

    @ vox populist

    vor zwei jahren habe ich in der weihnachstszeit einer guten bekannten in ihrem kleinen laden ausgeholfen. mindestlohn 8,50
    nach einer 46 stunden woche – kurz vor dem fest – weil ja alle immer auf…….ach es ist schon weihnachten……komisch…..ist jedes jahr am 24.12. – auf den letzten drücker einkaufen müssen….
    war ich total platt. kunden empfangen, sie fragen was sie wollen……naja….eh geschenk für die oma, opa, mama, papa…………aber eigentlich habe ich keinen plan…..machen sie mal……
    gut….dann holt man den kunden da ab wo er ist – oder vielmehr gesagt – da wo er nicht ist…..
    weil er weiß ja nicht mal, was seine „lieben“ bedürfen.
    nach dem „ganzen weihnachtszauber“ hatte ich dann einen kleinen bandscheibenvorfall…..
    sprich: ich konnte mich kaum noch bewegen…..
    ein gespräch mit der chefin…………….he, cheffe……habe da fette körperliche probleme…..
    hust, prust…..ja, die zeit nagt auch an mir….werde bald fuffzig…..also chefin…. wie wäre es denn, wenn wir dann zwei für die weihnachtszeit nehmen – und ich einfach nur 25 stunden arbeite?

    antwort: neeeee………des geht net, das kann sich mein lädele nicht leisten.

    danke fürs gespräch. und dies von einer dame, die nicht wirklich arbeiten muß, sondern aufgrund ihres sozialen background (mann ist fetter unternehmer mit richtig asche) den laden betreibt, damit ihr es zuhause nicht langweilig wird.

    etwaige einwendungen meinerseits – naja, vielleicht deckungsbeitrag – sprich break even point erhöhen – oder fürs tolle einpacken in folie mit schicki-micki und goldflaum etc. – etwas berechnen…..nööööö. geht auch nicht. hallot??? klar – geht alles. ein euro für liebevoll eingepackt mit echt herz – nein, das kann ich nicht verlangen.

    ja, aber du verlangst. das ich eine 46 stunden woche hinkriege, dem letzten depp, der kurz vor knapp noch super beraten wird, und seine 6,- ware dann auch noch ganz tolli in folie mit herz und
    goldstaub hingezaubert……ja, das soll alles gehen.

    gehts noch?

  5. Ronald.Z schreibt:

    Berlin, BVG – nur am Kiosk kaufen, nie am Automaten, geht ohne Probleme

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