Doom and gloom

Deutschland im Herbst 2015. Europa-Pessimismus allenthalben. Düstere Gesichter. Verhaltene Stimmung. Putschgerüchte. Wie länge hält sie noch durch, wer wagt es den Brutus zu spielen? Die EU zerfällt, Schengenland zerfällt, die Rückkehr zum westeuropäischen Klein-Europa als Lösung. Deutschlands Wirtschaft ist in Gefahr, China übernimmt die Welt. Die Amerikaner verlassen uns, sie wenden sich Asien zu. Nazis ziehen durch die Straßen, die nächste Kristallnacht droht. VW am Ende, damit die ganze deutsche Wirtschaft am Abgrund. Und Kaiser Franz entpuppt sich als korrupter Betrüger. Lufthansa mutiert zu Streikhansa. Deutschland am Ende.

Das sind die Elemente der Diskussionen, die gerade geführt werden in den Kreisen derer, die einflussreich sind oder glauben es zu sein. In Deutschland, in Berlin, auch in Brüssel. Nirgendwo in der Welt verfällt die Politik, die Eliten, die Öffentlichkeit, die öffentliche Stimmung turnusmäßig immer wieder in solch ausgeprägte Depressionen wie in Deutschland. Die Eliten von Staat und Wirtschaft genauso wie der progressive, linke Teil der Gesellschaft. Warum das so ist, kann niemand erklären.

Ich bin normalerweise sehr resistent gegen solche Stimmungen, aber du kannst dich auf der Dauer nicht entziehen. Es färbt ab. Ja, auch ich glaube langsam nicht mehr daran, dass das unentwirrbare Problembündel entwirrt werden kann, vor dem die EU steht. Aber nicht weil das objektiv so sein muss, sondern weil die Eliten Europas ihrem Job nicht gewachsen sind.

Deutschlands Wirtschaft steht blendend da, verglichen mit der Welt. Rekordüberschüsse im Außenhandel, wettbewerbsfähig mit allen Teilen der Welt, deutsche Unternehmen überall im Geschäft. Ein nahezu ausgeglichener Staatshaushalt, die Banken geben dem Finanzminister sogar noch Geld wenn er noch einige wenige Kredite aufnimmt. Die große Gefahr China dagegen in der größten Wirtschafts- und Börsenkrise seit vielen Jahren. Happiness everywhere? No way.

Was soll das doom and gloom? Sicher, VW hat ein Problem, aber das hättet ihr schon lange wissen können, siehe hier, und das wird alles halb so wild. Auch das wird ausgesessen. Der US-Markt war doch nie wirklich wichtig für VW. Alle anderen Länder Europas, der Welt, beneiden euch für eure starke Wirtschaft. Ihr seid dem Untergang geweiht, China hilflos ausgeliefert, wenn sich die USA nicht erbarmen und ein TTIP-Abkommen mit euch machen? Lächerlich. Sorgt euch lieber darum, dass eure gigantischen Exportüberschüsse leider automatisch die Defizite in anderen Ländern sind, und sie dort zu Armut führen, aber sorgt euch nicht darum, diese Überschüsse noch weiter zu steigern. Wie wäre es nicht nur mit einem ausgeglichenen Staatshaushalt, sondern auch einer ausgeglichenen Handelsbilanz?

Dass die Wirtschaftseliten so eine Weltuntergangsstimmung verbreiten, ist mir völlig unverständlich. Die Politik-Eliten haben dafür vielleicht etwas mehr Grund. Sie haben wirklich Probleme, die sind zu lösen nicht einfach. Die Völkerwanderungen Richtung Europa sind aber keine wirkliche Überraschung. Um ein Haar wäre die Ukraine vor zwei Jahren zusammengebrochen und Millionen wären westwärts geströmt. Aber die Katastrophe im Nahen Osten, in Nordafrika ist doch nicht neu. Auch die wollten sie aussitzen. Nicht einmal für eine Handvoll Millionen für den UNHCR hat es gereicht, damit wenigstens die Flüchtlings-Lager in Jordanien, Libanon, Türkei angemessen finanziert sind.

Fluchtursachen wollen sie bekämpfen. Lächerlich. Jetzt reden sie wieder mit den ekligsten Diktatoren, damit sie die Leute mit Gewalt im Land halten. Ein Gipfel mit Afrikas Potentaten. 1.8 Milliarden sollen sie bekommen, der größte Teil nur Gelder die sowieso eingeplant waren. Afrika bekommt aber mehr Geld aus den Überweisungen derjenigen Afrikaner, die es erfolgreich nach Europa geschafft haben, als aus der Entwicklungshilfe. Eure egoistische Handelspolitik kostet Afrika weit mehr als das, was ihr an Charity jemals zurückzahlen könnt. Ganze Wirtschaftsbranchen habt ihr damit ruiniert in Afrika, vor allem diejenigen mit richtig vielen Arbeitsplätzen.

Ein junger Mann auf dem Dorf im Sahel hat keine Perspektive in der einzigen Branche, die es auf dem Dorf gibt: die Landwirtschaft. Sie wurde von den Europäern globalisiert, gegen eure subventionierten Exporte hat niemand eine Chance. Schafft es der junge Mann nach Europa, kommen seine Rücküberweisungen zu 100% im Dorf an. Kein Kleptokrat in der Hauptstadt hält die Hand auf, wie in der Entwicklungshilfe. Kein europäischer Entwicklungs- Bürokrat sorgt dafür, dass das Geld für Unsinn verplant wird. Und der Diktator in der Hauptstadt freut sich, wenn der unzufriedene, potentiell revolutionslüsterne junge Mann nach Europa verschwindet und für die soziale Entwicklung seines Heimatdorfes sorgt. Dann muss der Diktator sich darum nicht mehr selbst kümmern.

So läuft es, und so wird es in Zukunft noch viel mehr laufen, und jeder weiß es. Es ist fast schon eine der berühmten win-win solutions, außer für diejenigen, die auf dem Weg nach Europa ertrinken.

Solange ihr die in der Türkei, in den Golfstaaten, in Arabien, in Afrika die Potentaten hofiert und mit Waffen beliefert, verschlechtern sich die Chancen der Menschen auf eine lebenswerte Zukunft in Nahost immer mehr. Ihr könnt heilfroh sein, dass sich die Palästinenser mit solch einer Inbrunst  an ihr Land klammern. Nur deshalb haben es eure zionistischen Freunde und Waffenbrüder noch nicht geschafft, eine neue Millionen-Fluchtwelle aus Palästina nach Europa auszulösen – genau das wollen diese Netanyahu-Gangster nämlich um endlich ihr Kolonisationsprojekt erfolgreich abzuschließen.

Beendet die Kooperation mit den Diktatoren, ändert eure extrem egoistische Handelspolitik. Sorgt dafür, dass nur Waren dorthin exportiert werden, die sie wirklich brauchen, und nichts mehr was dort Märkte zerstört. Lasst aus jedem Dorf 5 junge Leute, Männer wie Frauen, für 5 oder 10 Jahre legal einwandern, gebt ihnen gutbezahlte Jobs, mit der Auflage, soviel wie möglich dorthin zurückzuüberweisen. Keine McJobs, keine Werkverträge. Gutes Geld. Ohne Entwicklungshilfebürokratie, an der Regierung vorbei. Ihr würdet Wunder bewirken, die Schlepper wären über Nacht arbeitslos.

No way. Das wollt ihr nicht, niemand in eurer Elite will das. Weder die Konservativen noch die Gutmenschen. Die Gutmenschen machen nur einen auf Moral und meinen, offene Grenzen sind die Lösung. So etwas funktioniert nur eine Zeitlang, und eigentlich wollen die Menschen nicht als Lumpenproletariat nach Europa flüchten, und dem schon vorhandenen Lumpenproletariat Konkurrenz um mies bezahlte Scheißjobs machen,  sondern zuhause eine Perspektive. Dafür kämpft ihr nicht. Niemand von euch hat je ein Schiff mit Agrarexporten nach Afrika blockiert.

So wird kommen, was unvermeidlich ist: Eure Merkel mutiert bald vom Gutmenschen wieder zurück zur normalen Konservativen, ihr werdet euch abschotten wie alle anderen Europäer, so gut es geht. Die Probleme aber werdet ihr nicht lösen.

Es mag sein, dass darüber das Europa der offenen Grenzen zerfällt. Na und. Was ist so schlimm daran, wenn man bei der Reise nach Polen den Pass zeigen muss? Der Euro hält wohl auch keine 10 Jahre mehr ohne grundlegende Reformen. Zuviele Volkswirtschaften gehen im Euro einfach zugrunde. Der Euro ist aber kein Heiligtum. Polen hat auch keinen Euro, und niemand verhungert dort deshalb.  Britannien verlässt wohl die EU. Na und. Die Schweiz ist auch nicht in der EU, so what.

Deutschland. Ich verstehe euch nicht. Die Emotionen der Öffentlichkeit Germaniens, ein Buch mit sieben Siegeln für mich, im Guten wie im Schlechten. I am an emotional person, far from believing in the superiority of rationality. However: I can’t help it, I just don’t get it what’s moving your emotions. These extremes. The extreme ignorance of the ruling elites and the mainstream media about the disastrous consequences of your extremely egoistic economic success abroad. The extremes of the Gutmenschen culture, equally ignorant about economic realities. You look at the world through German eyes from Germany, and yet what you see is only your own bellybutton. Look at your own country from outside, and you will see different realities. I doesn’t matter whether there will be a coup against Merkel. It doesn’t matter whether Seehofer says this or that. It doesn’t matter whether your little stupid AfD gets 3 or 5 or 8 percent.

What matters is that you change the policies that your mainstream believes in, with an almost religious vengeance. Another trade policy to give the rest of the world a bigger share of the cake, and that means a smaller share of the cake for you, for your superefficient farms and factories, banks and service providers. Another immigration policy letting young people in, temporarily for 5 or 10 years, to make enough money for their families overseas – so much more important than another billion for development aid, so much better than another million of refugees in your emptying villages or in front of Berlin’s quixotic LaGeSo .

You don’t get it. And I don’t get it why you don’t get it. It seems I am not integrated into your Deutsche Leitkultur. So sorry. I tried my best. It didn’t work.

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I am a mystery.
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5 Antworten zu Doom and gloom

  1. Provinzei schreibt:

    Die Mitglieder der sog. Eliten sind auch nicht gescheiter, vulgo intelligenter, als der Rest der Bevölkerung.
    Es sind ganz normale Menschen, die zufällig aus der entsprechenden Möse rausgeflutscht sind und jetzt das Erbe Ihrer Vorgänger verwalten.
    Das wird immer vergessen, wenn man von dieser gottgleichen Elite spricht.
    Die wollen auch nur ein noch größeres, teureres Auto, Flugzeug, Jacht, Ferienhaus, Frau haben als der Konkurrent aus der gleichen Schicht.
    Alles ganz banal.
    Und wenn die einen Furz lassen stinkt es auch wie in der Gosse.

  2. MT schreibt:

    Tja, die Deutschen sind die größten Hosenscheißer, die es gibbet. Das hat auch mal Serdar Somuncu gesagt. Dass sich Deutsche immer wegen jeder Kleinigkeit ins „Hemd scheißen“. Das versteht man als Ausländer nicht. Außerdem glauben sie zu sehr an diese „Eliten“. Wenn die Eliten nicht mehr so den Durchblick haben, wie sie es glauben, dass sie es haben müssten, kriegen die Deutschen auch schon wieder hektische Flecken. Dass mit den Rechten ist aber historisch bedingt. Die Deutschen trauen sich selber nicht so wirklich und haben Angst, dass da mal wieder so ein irrer Führer daherkommt. Und ein großes Problem ist auch, dass die meisten Deutschen keine Ahnung von Wirtschaft und struktureller Politik haben. Das wird in Schulen nicht gelehrt und die meisten interessieren sich nicht dafür. Sie machen sich lieber in ihrer behaglichen Ecke gemütlich. Insgesamt kann man sagen, dass der Durchschnittsdeutsche über relativ wenig Wissen gekoppelt mit einer großen Klappe verfügt.

  3. Provinzei schreibt:

    Ähhhh……….was Du hier schreibst kann ich so nicht bestätigen.
    Rel. wenig (politisches meinst Du wohl ) Wissen und eine große Klappe, das ist bei allen Völkern dieser Erde so.
    Guggschdu USA ho ho…………
    Türkei ?? Die Leute in Istanbul haben’s einigermaßen drauf, aber auf’m Land ????????
    u.s.w.

    • MT schreibt:

      Ich habe ja nicht geschrieben, dass andere Völker schlauer sind. Ich habe nur geschrieben, was ich hier in Deutschland seit Jahren beobachte. Kann sein, dass die Türken auch nicht schlauer sind. Ich wohne aber nicht da, ich wohne in Deutschland. Kann also über die Türkei wenig schreiben. Und das Thema war ja Deutschland und die Ängste der Deutschen.

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