Die Nomadin

Heimat. Was ist Heimat. Auf ihrem lesenswerten Blog hat sich Frau Kroitzsch damit auseinandergesetzt. Die Frage treibt mich immer wieder um, manchmal zerfrisst sie mich förmlich, manchmal nehme ich sie mit beschwingter Leichtigkeit.

Zufällig komme ich im ICE mit einer Frau aus Syrien ins Gespräch. Hochgebildet, aus einer christlichen Familie, seit zwei Jahren in Deutschland, spricht perfektes Englisch und passables Deutsch. So sehen Weltbürgerinnen aus, denke ich mir. An jedem vernünftigen Ort der Welt wäre sie erfolgreich. Amerika würde sie mit offenen Armen aufnehmen, Australien, Spanien, Brasilien…Und doch, eine Weltbürgerin ist sie nicht, das will sie nicht sein. Heimat, für sie unverzichtbar. Will sie hier bleiben oder wieder in ihre Heimat zurück, wenn es dort wieder Frieden gibt? Diese Frage quält sie.

Sie beginnt zu akzeptieren, ihre alte Heimat gibt es nicht mehr. Das säkulare Syrien der Baath-Diktatur unter den beiden Assads, eine Diktatur zwar, aber religiöse Minderheiten waren sicher, Frauen hatten mehr oder weniger gleiche Rechte, wer zur Mittelschicht gehörte hatte ein vergleichsweise gutes Leben. Das ist Geschichte. Das Syrien der Zukunft, wer auch immer an der Macht sein mag, wird geprägt sein von religiösem Hass, Sunniten gegen alle anderen, von regionalen Gegensätzen, von tiefem Misstrauen aller gegen alle. Von Ruinen, herumliegenden Minen, marodierenden Bewaffneten. Bis die Kriegsjahre ihren Schrecken verloren haben, werden Jahrzehnte vergehen. Kurzum: ihre Heimat existiert nicht mehr. So steht sie jetzt vor der schweren Frage, wird Deutschland meine neue Heimat. Denn Heimat, das braucht sie.

Ganz anders ich. Was für sie Syrien war, ist für mich das New York City der 1980er Jahre, auch wenn ich weitaus weniger Zeit dort verbracht habe als sie. Sicher, NYC wurde nicht von einem Krieg heimgesucht, aber von Politik und Märkten so gründlich verändert, dass es heute eine ganz andere Stadt ist. Wenn du in sechs Ländern gelebt hast, verschwimmt der Begriff Heimat. Jedes Land verändert dich. Die Amerikanerin kommt nach Jordanien. Sie geht als palästinensisch-jordanische Amerikanerin nach Italien. Die Italo-Palästinenserin kommt wieder nach Amerika, wird palästinensische Amerikanerin und kommt nach Japan. Ein Land zu fremd, und der Aufenthalt zu kurz, um bleibende Spuren zu hinterlassen. In Deutschland die Mutation zur amerikanischen Deutschen, die privilegierte Migrantin die bei der Einreise schon den deutschen Pass in der Tasche hat. Wie haben mich palästinensischen Freundinnen darum beneidet, gleich zwei Pässe zu haben. Das verstehst du nur, wenn du Mensch zweiter Klasse ohne Staat, ohne Staatsbürgerschaft, ohne Pass bist und es schon extrem schwer ist, eine Grenze zu überqueren.

Germany. Hier wollte ich bleiben, das Nomadenleben ablegen. Heimat sollte es werden. Es hat nicht geklappt. Ich treibe einfach keine Wurzeln.

Somehow, I still feel like a visitor.

One day the bugs will get me. Moscow did not work. My flirt with Poland has come to an end. Italy is beautiful but crazy. Maybe when the Spaniards kick out their right-wing government this fall and Podemos wins the election, it could be the laboratory for a new Europe. Madrid, a great place. A horrible place. A tempting place. In Barcelona, I could be part of the birth of a nation, independent Catalonia. Tempting.

Not today. But I know it, deep in my heart, I am a nomad and will be a nomad forever. Berlin will not be my last destiny. I will not leave. Not yet.

0477Dreaming of a faraway land…

Über sunflower22a

I am a mystery.
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Die Nomadin

  1. kalypso schreibt:

    zur ruhe kommt nur der – der selber in sich ruht.

    hat was mit seelenfrieden zu tun…………….

    • Janusz schreibt:

      Ja, da hast du ein wahres Wort gesprochen kalypso. Allerdings kann ich mir auch gut vorstellen, dass es schwer ist so keine richtige Heimat zu haben bzw. zu finden. Oder überhaupt für sich den Begriff Heimat definieren zu können. Ist es der Ort seiner Kindheit? Ist er der Ort, an dem man gerade lebt?
      Vielleicht passt dann da doch eher die Text-Zeile des Herrn Grönemeyers: Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl.

      Lieben Gruß,
      Janusz

  2. kalypso schreibt:

    @ janusz

    bei mir hat es viel damit zu tun, bei sich angekommen zu sein. das ist nicht nur auf einen ort bezogen, sondern mit innerlichkeit. das ist schwer zu erklären – angefangen, sich auf die suche zu machen, zu hinterfragen, lebensumstände auch mal auszuhalten, nicht in illusionen gefangen zu sein.

    die welt ist so, wie sie ist – und nicht, wie wir sie gerne hätten.

    einsicht in sich selbst. was kann verändert werden, was nicht.
    geduld haben – zuversichtlich bleiben. immer wieder, wenn man gefallen ist, aufzustehen.

    das mag für jeden menschen und in jeder lebensphase unterschiedlich sein.

    sichtweisen ändern, seinen horizont erweitern. loslassen, was nicht mehr zu einem gehört.
    schweineschwer.

    sich einfach auf den weg machen……….die reise des helden antreten.

    ein schönes beispiel ist hierzu auch die sage von odysseus.

    reinspüren, was hat das alles mit mir zu tun.

    auch shakespeare war ein wunderbarer geschichtenschreiber.

    lesen, lernen, nachdenken! und trotz allem seinen mut und humor nicht verlieren!

    herzlichst
    kalypso

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s