Deine unbekannten Nachbarn

Deutschland ist ein großes Land. Führungsmacht Europas. Kleinere Länder rund um dieses Deutschland herum sind vielleicht als Urlaubs-Destinationen interessant, aber was dort wirklich los, wirtschaftlich, politisch – who cares. Das ist vielleicht in Ausnahmefällen ein Thema, wenn Griechenland vor dem Zusammenbruch steht, aber sonst? Who cares. Dazu kommt eine Medien-Monokultur, die zwar nicht dasselbe sagt, aber dieselben Themen setzt. Diese Themen sind im wesentlichen innenpolitische Nabelschau, Brüssel, Washington, Kriegsgebiete, ein bisschen Moskau.

Sehr ignorant. Sicher, die deutsche Öffentlichkeit ist bei weitem nicht so selbstfixiert wie die amerikanische, aber vergleicht euch mal mit euren kleineren Nachbarn, es ist ein enormer Unterschied. Die wissen weit mehr über euch als umgekehrt. Sagt nicht, es liegt an der Sprachbarriere. Die haben andere auch. Es gilt übrigens auch für Österreich und die Schweiz.

Noch schwieriger ist es, kritische Einblicke aus progressiver Sicht in eure Nachbarländer zu bekommen. Die Mainstream-Medien kürzen in ihren Sparzwängen wo es nur geht. Fest stationierte Auslandskorrespondenten gibt es immer weniger, die etwas von dem Land verstehen, in dem sie leben. Selbst wenn sie noch existieren, berichten sie noch lange nicht kritisch – oft genug plappern sie das nach, was ihnen ihre Gesprächspartner vorerzählen. Wenn es noch Qualitätsberichterstattung aus solchen Ländern gibt, dann in konservativen Medien wie dem Economist. Chapeau, aber das reicht nicht.

Sagt nicht, Blogs oder soziale Medien könnten das ersetzen. Niemand von euch liest spanische oder griechische Blogs, oder lässt sich von französischen oder italienischen Facebook-Freunden irgendwelche Links schicken.

Ein sehr gelungenes Mittelding zwischen Internetzeitschrift und Blog macht Robert Misik aus Wien. Eine wunderbare Internetseite. Robert ist Journalist, muss für sein Überleben arbeiten und Geld verdienen. Deswegen bittet er auch um Spenden bei seinen Lesern, aber er hat keinen Paywall errichtet. Mutig, Herr Misik. Deswegen möchte ich Sie heute meinen lieben Blogleserinnen empfehlen.

Mit „Die Podemos-Revolution“ berichtet Misik von einer Recherchereise nach Spanien. „Das etablierte System ist in einer Bunkermentalität. Das System hat Angst. Die Stimmung im Land geht in Richtung Reset. Neubeginn.“, zitiert er den Karrierejournalisten Miguel, der heute auch unabhängigen Gegenjournalismus macht, weil die Mainstream-Medien als kritische Öffentlichkeit ausfallen. Er  beschreibt die Stimmung im Land, den Aufstieg und den Zustand der Podemos-Partei und ihrer treibenden Köpfe. „Politik ist wie Sex: Beim ersten Mal bist Du voll schlecht, aber man lernt mit Erfahrung.“  So zitiert der ihren Chef Pablo Iglesias. Chantal Mouffe, die führende Lady von Podemos erklärt: „In einer ohnehin schwierigen Situation versuchen wir eine Linke so zu etablieren, dass sie nicht nur diejenigen anspricht, die immer schon zur Linken zählten, sondern auch unzufriedene ehemalige PP-Wähler beispielsweise.“ Eine tolle Reportage, sie macht Hoffnung.

Eine sehr einfühlsame Reportage schrieb er im Juli über Griechenland nach dem Referendum und dem Brüsseler Spardiktat. Die verunsicherte Revolution, eine sehr treffende Überschrift. Ein halbes Jahr lang waren Syriza und Griechenland Hoffnungsleuchtturm europäischer Linker, jetzt sind sie vergessen. Nennt man das Solidarität? Misik bringt es auf den Punkt: Linke Regierungen sind für ihre Anhänger immer enttäuschend. Auch die Syriza-Regierung hat ihre Anhänger jetzt einer Enttäuschung ausgesetzt, was heißt Enttäuschung: einem Schock.

Sehr schön such seine Reflexion, wer eigentlich die „normalen Leute“ sind. In Österreich sicher dasselbe wie in Deutschland. Aber lest selbst.

computer-at-park

Schaut öfter bei Robert Misik rein, und spendet auch was. Es ist guter Journalismus – unverzichtbar für eine kritische demokratische Gesellschaft, wie ihn die Mainstream-Medien immer weniger leisten.

 

Über sunflower22a

I am a mystery.
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2 Antworten zu Deine unbekannten Nachbarn

  1. Hans schreibt:

    Wenn ich korrigieren darf: Chantal Mouffe ist nicht „die führende Lady von Podemos“, das wird im verlinkten Artikel auch nicht behauptet. Sie ist vielmehr Professorin in GB und die derzeitige Schutzpatronin einer postmarxistischen Theorie, die sie in letzter Zeit mit dem antagonistischen Modell Carl Schmitts angereichert hat. Gemeinsam mit ihrem verstorbenen Mann Ernesto Laclau ist sie Verfasserin von „Hegemonie und radikale Demokratie“, das mittlerweile schon Klassikerstatus erlangt hat.
    Misik ist „Der Standard“-Lesern durch seine wöchentliche Video-Kolumne bekannt und in deren Kontext muss auch seine Reportage aus Griechenland nach dem Schwenk von Syriza gelesen werden. Denn er vertrat wochenlang die Ansicht, dass Tsipras sich durchsetzen und Schäuble in die Knie zwingen werde, dass die eschatologische Revolution gegen den ‚Neoliberalismus‘ sich bald schon von Athen aus nach Europa und dann in die Welt hinaus verbreiten werde. Da er so hart auf dem realpolitischen Boden aufschlug, muss der Artikel auch als persönliche Trauer- und Enttäuschungsverarbeitung – im doppelten Sinn – gelesen werden. Misiks Schwäche ist sein Enthusiasmus, seine mangelnde Fähigkeit, Machtkonstellationen zu analysieren. Das führt bei ihm zu einem manchmal sehr naiven Überschwang der Gefühle. Dennoch und vielleicht auch ein wenig deshalb ist seine Seite lesenswert.

  2. sunflower22a schreibt:

    danke…allerdings sind mir Autoren lieber, die manches vielleicht etwas zu optimistisch sehen – im vergleich zu denen, die immer schon wissen, dass jede progressive Bewegung sowieso zum Scheitern verurteilt ist. Solche gibt es viel zu viele.

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