Beschleunigter Strukturwandel

Während Europas Öffentlichkeit von den Flüchtlingen voll in Anspruch genommen wird, ab und zu auch noch von Fußball-Korruptionsskandalen oder Nazi-Ausschreitungen, spielt sich quer über Deutschland und Europa ein anderes Drama ab. Ein jahrhundertealter Berufsstand ist dabei, unterzugehen. Strukturwandel im Eiltempo. Industrielle Strukturen, getrieben von Weltmärkten und renditehungrigen Investoren, zerstören die bäuerliche Milchwirtschaft. In wenigen Jahren wird nicht mehr viel davon übrig sein.

Ja, es gibt zu viel Milch auf dem Markt. Viel zu viel. Mit dem Wegfall der Milchquote im April sind sämtliche Produktionslimits weggefallen, der Teufelskreis dreht sich noch schneller. Um über die Runden zu kommen, produzieren viele auf Teufel komm raus noch mehr, investieren in noch größere Ställe – und vergrößern nur den Überschuss und damit den Druck auf die Preise. Irrsinn mit Methode.

Für diesen Irrsinn gibt es Verantwortliche. Silvia Liebrich hat es in der Süddeutschen treffend auf den Punkt gebracht:

Schuld an der Misere ist vor allem der Bauernverband, der viele seine Mitglieder mit dieser Wachstumsstrategie geradewegs in die Krise manövriert. Das Schielen auf den Weltmarkt bedroht nicht nur die Existenz vieler kleiner und mittelgroßer Betriebe, es überlastet auch Ökosysteme und schürt Konflikte mit der Bevölkerung. Immer lauter werden die Proteste gegen Megaställe, in denen Hühner und Schweine durchrationalisiert dahinvegetieren, aufgepäppelt mit Hormonen und jeder Menge Antibiotika. All das, um sie dann, zerlegt und tiefgefroren, um die halbe Welt zu schippern? Nein, danke.

40 Cent müsste ein normaler, nicht industrialisierter Milchbauer für einen Liter bekommen. Das bekommt allenfalls sein Bio-Kollege, bei höheren Kosten. Er selbst erlöst kaum noch 28 Cent, Tendenz weiter sinkend. Fast alle Milchbauernbetriebe leben inzwischen von der Substanz, lösen Reserven auf. Lange hält das niemand mehr durch.

Die weltmarktfixierte Agrarindustrie, die Molkereikonzerne sehen zu, sie brauchen nur zu warten, bis sie die vielen bisher selbständigen Höfe nach dem Konkurs der Bauern übernehmen können. Der letzte Sektor der Tierhaltung, der noch nicht industrialisiert ist – bei Schweinen und Hühnern ist das längst gelaufen.

Wie pervers.

Gerade die Deutschen tun immer so, als würden sie so großen Wert auf gesunde Lebensmittel legen, bio, regional, mit glücklichen Hühnern und Kühen. Alles Lüge. Sie wollen es zum Aldi-Dumpingpreis, und das geht nicht.

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Sie wollen die Bauern nicht fair bezahlen, an die sie so hohe Ansprüche stellen, sonst würden sie aufschreien über den ökonomischen Kahlschlag, der gerade stattfindet. Sie würden die vielen Protestaktionen der Milchbauern vor Supermärkten, Molkereien und Agrarministerkonferenzen nicht ignorieren, sondern mitmachen. Landauf, landab protestieren die Milchbauern gegen ihren drohenden Untergang, es interessiert höchstens die Lokalpresse. Zumindest diese Aktion war optisch so toll, die hätte überall headline news sein müssen:

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Frankreichs Bauern blockieren ab und zu die Grenze zu Deutschland, weil auch sie das deutsche Preisdumping in den Ruin treibt. Das erste Mal war es eine Meldung wert, danach war es irrelevant. Als belgische Bauern die Aktion wiederholten, hat es niemanden in den deutschen Medien interessiert.

Wie schon im Fall VW und vielen anderen Beispielen ist es offensichtlich, wohin das führt. In den ökonomischen Ruin. Wer einen Weltmarkt für Milch will, sollte wenigstens weltmarktfähig sein. Bei den europäischen Produktionskosten ein aussichtsloses Unterfangen. Zuerst macht die Agrarindustrie die mittelständische Landwirtschaft platt und dann geht sie selbst unter. Nur die Bio-Milchbauern werden übrigbleiben, sie haben (noch) andere Margen, mit denen sie überleben können. Ein Analyst, der sein Geld wert wäre, würde jetzt alle Investoren dringend vor der Molkerei-Industrie, vor der Futtermittelindustrie, vor Raiffeisen & Co warnen. Keiner tut es. Sie sind nämlich ihr Geld nicht wert und plappern nur das nach, was sowieso tagesaktuelle Mainstream-Meinung ist.

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Wollen wir unsere gesamte Nahrungsmittelerzeugung von weltmarktorientierten, renditehungrigen Weltkonzernen kontrollieren lassen? Hilfe! Boykottiert die Industrialisierung der Ernährungsbranche, wo es geht. Regionale Wertschöpfung statt Weltmarkt der Konzerne. Niemand braucht Nestlé, Danone, Kamp’s & Co. Für ihren Shareholder Value ruinieren sie alles. Solange wir mitspielen.

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Alles nur vom Wochenmarkt, nicht vom Weltmarkt.

 

 

 

Über sunflower22a

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10 Antworten zu Beschleunigter Strukturwandel

  1. westendstorie schreibt:

    So ist es… und was diese bekloppten Kaffeekapseln angeht (weiß gar nicht wer sich so einen Scheiß überhaupt kauft) und dank der Maßen an Kaffeetogo Bechern, sind wir wieder Marktführer in der Platikabfallwirtschaft. Mit weiterer Steigerung von 3%. …

  2. bjoernstarkimarm schreibt:

    Vermutlich ist das auch der Grund, warum es inzwischen fast nur noch länger haltbare Milch zu kaufen gibt. Leider schmeckt die scheiße. Von den großen Herstellern bietet eigentlich nur noch HanSano richtige Milch an („traditionell hergestellt“, >1€/l). Glücklicherweise gibt es hier in der Gegend Hemme Milch, die regional aber anscheinend groß genug ist um sie halbwegs gut bekommen zu können, kostet auch über n Euro pro Liter. Nicht, daß ich mich beschwere, obwohl wir ca. pro Tag n Liter verbrauchen, wer nicht gerade H4 kriegt kann sich das schon leisten.

  3. waswegmuss schreibt:

    Ich habe mal in den Niederlanden gearbeitet. Die geschäftstüchtigste Nation Europas.
    Auf die Frage weshalb die Top-Qualitäten nach Frankreich und England aber nicht nach Deutschland geliefert werden kam die Antwort: Deutschland ist ein Preiskunde.

  4. MT schreibt:

    Schön geschrieben. Die Konzentration der Nahrungsmittelindustrie ist eine reine Katastrophe. Wobei das mit richtigen Nahrungsmitteln auch nicht mehr viel zu tun hat. Die verkaufen ja nur das, was Kohle bringt. Siehe die Scheiß-Kaffeekapseln. Ich verstehe einfach nicht, wie man sich so einen Scheiß kaufen kann. Ich bin schon alleine viel zu geizig dafür. Die Dinger kosten doch locker das zehnfache (?), was normaler Kaffee kostet. Und besser schmecken tut es doch bestimmt auch nicht. Vom Müll und dem ganzen Gehabe darum mal abgesehen. George Clooney trinkt es doch auch, also muss es cool sein… Bekloppt.

  5. Johanna schreibt:

    Bio geht günstiger, größere Nachfrage, Produktion, Abnahme und Subventionen dort statt ins konventionelle Fressen.

  6. Eike schreibt:

    Der Markt ist schon (wie in einer Plutokratie üblich) aufgeteilt. Von daher bleibt der Sinn von gezieltem Konsum fraglich. Die Nischen werden gerne den Kleineren überlassen, da sie nicht profitabel genug sind. Beim Rest hast Du kaum Wahlmöglichkeiten, es sei denn du lebst auf dem Land. Zudem müsstest Du schon Millionen mobilisieren um mit Konsum etwas zu steuern, aber wer kann das schon? Das ist ein besonders durch Grüne verbreiteter Irrglaube. Green economy ist im wesentlichen Esoterik. Das es besser wird, wenn man für das Produkt 10 x soviel zahlt, kommt aus der gleichen Ecke. Typische Verfechter wollen vor allem Ihre Aktien an bestimmten Bioläden pushen. Fair Trade ist leider auch nur ein Etikett. Laktose- und glutenfreier Biokäse, sowie entsprechende Cola sogar eher ein Schwindel. Die Einzigen, die mehr verdienen, wenn Du mehr zahlst, sind die Händler und die handeln auch mit den bösen N-Produkten, eben allem, was irgendwie Geld bringt. Den Personen in der Arbeitskette nützt das freilich nichts. Da müsste man schon die Rahmenbedingungen anders stellen und damit die Systemfrage. Das wird natürlich nicht passieren. Zudem wird sich das nötige Heer prekär Beschäftigter nicht für die Wirtschaft aufrecht erhalten lassen, wenn die Preise wirklich mal so anziehen würden, um z. B. das Niveau von Frankreich zu erreichen. Zudem bitte nie die Macht der Gewohnheit vergessen. Wer seit 20 Jahren denselben Käse kauft, wird es in 30 Jahren auch noch. Routinen toppen die Ratio fast immer.

    • sunflower22a schreibt:

      danke – aber ich glaube gar nicht an Green Economy und schon gar nicht an Esoterik. Ich möchte, dass es auch in Zukunft noch bäuerliche und regionale Lebensmittelproduktion gibt und nicht alles von einer internationalen Agrarindustrie übernommen wird. Was soll ich tun? Die Systemfrage in meinem Blog zu stellen, ändert auch nichts.

  7. Eike schreibt:

    Es wird Dir sicher nicht nutzen, da Du das jetzige System ganz gut findest (siehe Blog ;)). Aber für eine Amerikanerin muss das hier tatsächlich selbst in Berlin noch ziemlich wie ein republikanisiertes, sozialistisches Paradies wirken. Auch wenn es da mittlerweile Gangs gibt. Daher erwarte ich von Dir sicher nicht die Systemfrage, aber ohne wird sich eben auch nichts ändern. Das Problem ist, das gerade die Weltlage so eskaliert, wie es mir vor über 30 Jahren prognostiziert wurde. Es gibt im Wesentlichen nur 2 Möglichkeiten, die resultieren können: 1. Systemänderung 2. Weltkrieg. Wahrscheinlich ist leider Letzteres. Eine dritte Möglichkeit, die sonst immer noch als Alternative da sein sollte, fällt mir nicht ein. Falls Du da Input hast? https://www.youtube.com/watch?v=qbjaVTKEdG0

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