Made in Germany

Das Titelbild des aktuellen Spiegel verrät alles.

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„Made in Germany“ steht unter Druck. Volkswagens Manipulationen mit den Abgaswerten und die immer wahrscheinlichere Erkenntnis, dass die anderen deutschen Autobauer es genauso machen, sägt an den Grundfesten des deutschen Images der grundsoliden Ingenieure, die mit deutscher Wertarbeit den Globus versorgen.

Natürlich ermitteln die amerikanischen Behörden nur deshalb gegen VW, weil es erstens ein ausländischer Konzern ist und es zweitens um eine exotische Technologie – Dieselmotoren – geht, die kein US-Autobauer ernsthaft für den Pkw-Sektor in Betracht zieht. Und natürlich kommt das alles rein zufällig kurz vor einer riesigen VW-Werbeshow heraus, die zum Fiasko wird. Diese Amerikaner, nicht nur Wirtschaftsspionage mit ihrer NSA, sondern dann auch noch direkte Sabotage eines erfolgreichen Wettbewerbers aus Deutschland zugunsten der flügellahmen US-Autobauer. Alles klar.

Aber wirklich? Ja, die US-Behörden greifen gegen ausländische Konzerne manchmal sehr rabiat durch. Siemens, Deutsche Bank, UBS und andere Schweizer Banken haben es brutal erfahren müssen. Aber gelegentlich trifft es auch US-Konzerne, beispielsweise Banken. Die Strafen wegen Manipulationen lagen durchweg viel höher als in Europa.

Whatever. Ich verteidige hier nicht die US-Behörden. Ich bin aber auch misstrauisch gegen  die allgegenwärtigen Verschwörungstheorien.

Viel interessanter ist es, anhand des Falles VW die Mechanismen anzusehen, wie ein Skandal  überhaupt zum Skandal wird, und wie sich die Akteure dann verhalten.

Dass die Autobranche Messungen von Abgas- und Spritverbrauchswerten massiv manipuliert, ist unter Analysten und Branchenbeobachtern seit Jahren bekannt. Es ist absolut kein Geheimnis. In Europa ist die Manipulation noch viel extremer als in den USA, die Messwerte haben noch weniger mit der Realität zu tun als in den USA. Vor einem halben Jahr versuchte die EU-Kommission wieder mal, die realistischeren Test-Mess-Vorschriften der USA auch in Europa einzuführen. Natürlich verhinderte die deutsche Automobilindustrie und ihre Freunde in der deutschen Bundesregierung den Plan.

Auch Umweltorganisationen prangern die Tricksereien seit vielen Jahren an. Wenn die das wissen, dann wissen das natürlich auch die Behörden. Alles andere als eine Neuigkeit also. Jahrelang interessiert das niemanden, das politische System und die Verwaltungen beiderseits des Atlantik ignorieren die offensichtlichen Hinweise auf systematische Manipulationen genauso systematisch.

Warum geht dann auf einmal die Bombe hoch, obwohl sie genausogut schon vor 2 oder 3 Jahren hätte hochgehen können? Dafür haben die Verschwörungstheoretiker nun viele Antworten, man kann sie glauben oder auch nicht. Ich finde Verschwörungstheorien ziemlich esoterisch. Dennoch würde ich mal gerne eine fundierte Analyse lesen, wie allseits bekannte Fakten plötzlich zum Skandal werden, und warum sie davor jahrelang kein Skandal waren.

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Was mich noch viel mehr erstaunt, ist das Verhalten von VW, und auch seiner vielen politischen Verbündeten. Auch sie wissen natürlich seit Jahren, dass es ein offenes Geheimnis ist. Es gibt ja nicht nur die internen Warnungen oder die des Lieferanten Bosch, angeblich schon 2007 (!), dass das alles illegal ist. Sie werden vermutlich auch die Presseerklärungen von Umweltorganisationen lesen, allein schon um zu verhindern, dass daraus wirkliche Schlagzeilen und headline news werden. Warum aber glauben die, dass diese tickende Zeitbombe nie hochgehen wird? Warum machen die einfach weiter, obwohl sie wissen, dass jederzeit die US-Behörden oder irgendwelche anderen Behörden zuschlagen können, wenn es politisch passt? Herr Winterkorn, der bestbezahlte Manager Deutschlands, mehr als 1 Million Monatsgehalt, benimmt sich derart dumm.

Noch weit verrückter ist das Verhalten der Analysten. Sie sollen für Investoren die Chancen und Risiken von Investments in Aktien bewerten. Auch sie mussten das wissen, denn dafür werden sie (sehr gut) bezahlt. Warum sagt kein Analyst, der Konzern sitzt auf einer tickenden Zeitbombe, Aktien verkaufen? Irre. Die Analystenherde rennt wieder besinnungslos hinter den Trugbildern des Erfolgs hinterher, die sie doch analysieren soll. Sie sehen den Schein, nicht das Sein. Sie plappern im wesentlichen nur das nach, was alle sagen. Sie nehmen Geld dafür, dass sie bestimmte Dinge schreiben oder nicht schreiben. Im Endeffekt sind viele ihrer teuren Analysen ihr Geld nicht wert,

Hybris. Die einzige Erklärung. Wer viele Machtkämpfe gewonnen hat, wer ganz oben angekommen ist, wer als Superman gefeiert wird, verliert irgendwann den Kontakt zur Realität.

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Über sunflower22a

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8 Antworten zu Made in Germany

  1. HERDIR schreibt:

    Sie haben beschissen. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Egal ob es alle wussten, egal wer mitgemacht hat, egal wer nicht kontrolliert hat -> VW ist erwischt worden … Und auch ich befürchte, dass das nur die Spitze des Eisberges ist … Es macht fassungslos, wenn man bedenkt wie viele Mitwisser und Täter es gibt … wie lange das nicht nur geduldet sondern auch gefördert wurde … für mich sind da durchaus parallelen zum Doping im Sport (und auf der Arbeit) … In Grund und Boden sollten sich alle schämen …

    Und was heißt das für diejenigen die es nicht wussten? Das sie naiv sind, weil sie an die Machbarkeit der Filter für Diesel glaubten (besser als Benzin)? Das in einer harten Welt nur die Bescheisser weiterkommen? … Ich hoffe, dass das Auto damit ausgedient hat … Willkommen Elektroauto von Google orso … Dann müssen auch keine Kriege mehr um Öl geführt werden … nur noch um Sonnenplätze für Kollektoren oder Stauseen für Wasserkraft ^^

  2. waswegmuss schreibt:

    Ich denke hier wird die ausschließlich Blödheit der Manager bestraft.
    Die Autos haben schließlich nach dem anerkannten Messverfahren bestanden. Ob es erlaubt oder verboten ist für diesen Testzyklus Aggregate zu- oder abzuschalten steht nirgendwo.
    Von daher wäre das die Sache der Anwälte. Wäre.
    Leider sind die VW-Manager zu schnell auf den Zug aufgesprungen, haben Kreide gefessen und Nerven gezeigt. Schwerer Fehler. Außerdem haben sie so unter der Hand zugegeben, dass sie nicht in der Lage sind derartige Motoren zu bauen.* Tödlicher Fehler.
    Das war für Piech ein gefundenes Fressen den ungeliebten – und zu teuren – Winterkorn abzuschießen. Außerdem war er der einzige Nichtbayer/ Nichtösterreicher in der Firmenspitze. Remember Wiedeking.

    *(Ich hätte klammheimlich die Konkurrenzprodukte testen lassen und die Ergebnisse geleakt.)

  3. Andy schreibt:

    Der Grund für das Problem ist, wie immer in diesen Fällen, die Gier des Kapitalismus. Das Unternehmen gab sich das Ziel, der größte Autobauer der Welt zu werden. Und diese Vorgabe wird eben mit allen Mitteln, besser gesagt: mit allen Lügen durgesetzt. Ich freue mich über diesen Skandal, weil er alle Autobauer zwingen wird, wieder ehrlicher zu sein. Die Angaben bezüglich der Benzin/Diesel-Verbräuche sind doch ebenfalls reine Lüge und ohne Bezug zur Realität. Wenn jetzt die Amis so clever sind auch noch dagegen zu klagen, so kann ich nur sagen: Gut so! Weiter so! Es ist im Sinn der Kunden und nicht zuletzt der Umwelt!
    Yes! USA for ever!

  4. Holger schreibt:

    Da können wir noch von Glück reden, dass dieser Betrug vor dem Inkrafttreten von TTIP publik wurde. Sonst hätte – welch Zynismus – VW die USA vor Investorschiedsgerichten auf entgangenene Gewinne verklagen können, weil die USA sich erdreisten, Umweltschutzbestimmungen zu verschärfen. (Sarkasmus off).
    Wie darauf zu antworten ist, findet sich hier:
    http://www.truth-out.org/opinion/item/32930-a-ceo-goes-to-jail-for-killing-people#14434473414071&action=collapse_widget&id=0&data=
    Auch die Erklärungen dazu, wer einer Firma eigentlich das Recht gibt, Geschäfte zu tätigen ist gut erklärt und trifft so bestimmt auch in D zu.
    Wird Zeit, dass Ganze mal wieder vom Kopf auf die Füsse zu stellen. Die Verantwortlichen in den Knast, Vermögen konfiszieren und nach der Haftentlassung Hartz IV…..

  5. gunny schreibt:

    Manchmal helfen einfache Fakten weiter:

    Der Betrug ist aufgeflogen weil ein amerikanischer Umweltaktivist – der neben viel weiterer Autoerfahrung nun bei der amerikanischen Umweltbehörde arbeitet – einen Test mit deutschen
    KFZ im Realbetrieb gemacht hat. Er kam im Normalbetrieb bei VW auf ein mehr als 30 faches der angebebenen Abgaswerte. (Das andere bayrisch sprechende Auto war okay – übrigens auch ein Diesel)

    Der Rest war Fleißarbeit – und VW hatte Anfang September 2014 den Betrug schon eingestanden – alles andere – und das Platzen-lassen-der Bombe zur Automobilausstellung war Show – in dieser Sparte sind die Amerikaner eh` sehr viel besser.

    2..Diesel ist schwerer als Benzin und verfügt daher über einen höheren Energiegehalt (13%) – und ein „Diesel“ verbraucht bekanntlich weniger Liter Brennsatoff im Vergleich zum Benziner. Der Trick ist das KFZ mit einem Harnstoffkat auszustatten – dann wird der Stickstoff des Verbrennungsrückstandes zu Wasser (H2O) umgewandelt.

    3..Mit dieser mittlerweile nicht mehr so ganz neuen Technik lassen sich spielend die Umweltauflagen erfüllen – warum nun VW den Schotter für was anderes brauchte und lieber betrogen hat entzieht sich meiner Kenntnis – wahrscheinlich hatte der Vorstand beschlossen den Betriebsrat wieder einmal auf Sexurlaub zu schicken zwecks besserer Kooperation (ist tatsächlich bei VW vor jahren passiert!!)

    Ob nun Pinkeln in den Auspuff des fahrbaren DieselUntersatzes auch funktioniert um die Norm Euro 6 zu erreichen (Harnstoff=Pinkel) und um Kosten in der Anschaffung zu sparen ist mir auch nicht bekannt … aber lässt sich bestimmt testen ………………………

  6. gunny schreibt:

    Ach – da hab ich noch was vergessen.

    Die ganze Story (siehe vorhergehender Kommentar) erinnert doch irgendwie an Watergate = „Dieselgate“ – nur das hier kein Journalist (wenn ich mich recht erinnere hat das im gleichnamigen Film Robert Redford verkörpert) — sondern ein mittlerweile in die Jahre gekommener „Umweltkümmerer“ (hat bestimmt immer ölverschmierte löchrige Schlabberjeans an und einen 3 -Tage-Bart) der instinktiv dem alten amerikanischen Traum nach Wahrheit und Gerechtigkeit mit zunehmenden Eifer und Fieber verfolgt ………….

    Diese Seite (und dafür gibt es als Beweis unzählige amerikanische Filme) von Amerika existiert doch auch. Sonnenblümchen – Du kommst ja mittlerweile darauf das die merkwürdigen Typen zwischen „Flensburg über Berlin nach München“ manchmal mächtig einen Sprung in der Schüssel haben – mit ihrem Starrsinn, Besserwisserei (siehe obiger Kommentar …….Fakten ….) und mit Ihrer seltsamen Art zu 98,5% völlig undiplomatisch zu sein – also das sollte Für Dich nun wirklich kein Motiv sein nicht innerlich lächelnd darüber zu feixen wie es ein Amerikaner VW punktgenau gezeigt hat unter Umständen wieder auf einen akzeptablen Weg zurück zu finden ………………….

  7. Lara schreibt:

    Bescheißen tun sie doch alle, nur wer untersucht die ausländischen Konzerne? Natürlich keine amerikanische Organisation wie die ICCT. VW sollte wohl eher gezielt angegriffen werden…

  8. Pingback: Doom and gloom | sunflower22a

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