Gemeinsinn

Obey. Gehorche. Es gibt Männer, die sich total toll vorkommen mit T-Shirts oder Mützen, auf denen dieses eine lächerliche Wort steht. Für Leute mit Minderwertigkeitskomplexen ist das wahrscheinlich so etwas Ähnliches wie wenn der muslimische Losertyp nach Syrien reist und sich dem IS anschließt, damit er normalen Menschen mal so richtig Angst einjagen kann. Auch wenn eine Kalaschnikow natürlich etwas furchteinflößender ist als ein T-Shirt.

Obey. Gehorche. Ja, ich weiß, das kommt aus der New Yorker street art counterculture. Counterculture, was ist das schon. Nicht alles was „counter“ oder „alternative“ oder „underground“ ist, ist deswegen schon toll. Sie hätten ihr Ding ja auch anders nennen können. Love. Kiss you. Smile. Zum Beispiel. Oder wenn es unbedingt Protest sein muss, dann eben „Oh shit“. Angry. Whatever.

Nein. Das wollten sie nicht. Obey.

Mich stört dieser hemmungslos zur Schau getragene Egoismus. I am the center of the universe and you do what I want. That is my message.

Abstoßend.

Sie können noch so sehr glauben , sie wären „counterculture“. Sie sind es nicht. Sie sind ein Manifest des egoistischen neoliberalen Zeitalters in dem sie aufgewachsen sind. Ich zuerst. Was zählt ist me, myself and I. Der eine macht es mit einem Schlips in seiner Bank, der andere mit dem Obey T-Shirt auf der Straße. The message is the same. And this message is shit.

Make no mistake, it is a message. Obey Worldwide Propaganda  – steht auf einem T-Shirt. Transform the world – power and glory. That’s another one.

Wer mit sowas herumläuft, tickt auch irgendwann so. Power and Glory. Individualismus. Egozentrismus. Rücksichtlosigkeit. Today’s global religion.

Kürzlich habe ich wieder ein neues Wort in der deutschen Sprache entdeckt. Ein altmodisches, geradezu verstaubtes Wort. Ich kannte es nicht, weil es niemand mehr kennt. Niemand versteht es mehr.

Gemeinsinn. Ein schönes, rätselhaftes Wort. Typisch für diese Sprache. Widersprüchlich und unlogisch. Wer gemein ist, macht das genaue Gegenteil davon. Gemeinsinn bedeutet, Sinn für die Allgemeinheit. So eine Art Sozialismus. Wie altmodisch. It is so 20th century.

Commonweal würde man das im englischen nennen. Auch so ein verstaubtes, altmodisches Wort. Aber schön.

Die westliche Kultur ist eine Kultur des Individualismus. Auch ich bin eine bekennende Individualistin und Nonkonformistin. Aber das ist nicht dasselbe wie Egoismus und Rücksichtlosigkeit. Das gehört nicht dazu. Es macht mich krank. Obey. „Counterculture“ ist das nicht. Es ist nur anders verpackter Mainstream.

Nennt euer Ding doch anders. Share. Das wäre revolutionär. Echte Counterculture. Good old Karl Marx in one word.

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I am the center of the universe.

Über sunflower22a

I am a mystery.
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10 Antworten zu Gemeinsinn

  1. rohdiamant schreibt:

    Sharing is caring.

  2. Gerhard Mersmann schreibt:

    Gemeinsinn, Sinn für die Gemeinschaft, noch kollektivistischer als angenommen. Commonwealth hingegen ist Gemeinwohl, also eher etwas Materielles. Nicht jeder Wohlstand macht Sinn, aber ohne einen gewissen Wohlstand hat alles keinen Sinn. Das wäre doch ein schöner Dialog zwischen dem Englischen und dem Deutschen!

  3. waswegmuss schreibt:

    Diese Obeyer sind Freunde das gepflegten Knieschusses. Mit dem Kauf dieses Hemdchens haben sie schließlich schon gehorcht. Das Wort heißt Herdentrieb/Herd instinct.

  4. Anonymous schreibt:

    Liebe Sunflower,

    ich denke hier liegt ein Mißverständnis vor. Der Künstler, der unter dem Pseudonym „obey“ arbeitet, will mit seiner Kunst auf herrschende Strkturen der Manipulation und Unterdrückung aufmerksam machen. Das ist aufklärerische Kunst im besten Sinne, und hat absolut nichts mit einem zur Schau gestellten Egoismus zu tun. Ich denke, dass den meisten Trägern solcher Kleidung die subversive Message des Künstlers durchaus bewusst ist. Und es funktioniert ja: Du wirst durch seine im öffentlichen Raum präsente Konzeptkunst dazu inspiert, Dich bewusst gegen den imperativ des Wortes „obey“ zu positionieren. Das ist genau im Sinne des Künstlers denke ich. Liebe Grüße
    B.

  5. B schreibt:

    Liebe Sunflower,

    ich denke hier liegt ein Mißverständnis vor. Der Künstler, der unter dem Pseudonym „obey“ arbeitet, will mit seiner Kunst auf herrschende Strkturen der Manipulation und Unterdrückung aufmerksam machen. Das ist aufklärerische Kunst im besten Sinne, und hat absolut nichts mit einem zur Schau gestellten Egoismus zu tun. Ich denke, dass den meisten Trägern solcher Kleidung die subversive Message des Künstlers durchaus bewusst ist. Und es funktioniert ja: Du wirst durch seine im öffentlichen Raum präsente Konzeptkunst dazu inspiert, Dich bewusst gegen den imperativ des Wortes „obey“ zu positionieren. Das ist genau im Sinne des Künstlers denke ich. Liebe Grüße
    B.

  6. B schreibt:

    Sorry wegen Doppelpost🙂

  7. Janusz schreibt:

    Liebe Sunflower,
    ich glaube, du dich stört eher das T-Shirt mit Aufdruck bzw. Schriftzug ansich als die Botschaft, die es evtl. vermittelt. Ich meine mich zumindest zu erinnern solch eine Äußerung von dir in einem vergangenen Blog-Post gelesen zu haben.
    Und ich glaube auch, dass nicht jeder der ein T-Shirt mit Obey oder sonstigen Aufdrücken trägt auch immer ganz gebau weiss, was er damit zu Schau stellt. Vielleicht findet er/sie/es auch einfach nur witzig, toll, cool, wat weiß ich. Also cool down.
    Und im Zweifel sprich die Person doch einfach mal drauf an. Du hast dich doch sonst nicht so damit.😉 Dann kannst du dich anschließend immer noch aufregen. :))
    Aber mal angesehen davon hast du natürlich Recht, dass diese (westliche) Welt immer individualistischer und egozentrischer wird. Erst mal ich und meine eigenen Interessen und dann eventuell mal schauen, was die anderen so wollen. Von daher wurde ich ein T-Share mit dem Word Share auch glatt tragen.🙂

    Lieben Gruß,
    Janusz

  8. Holger schreibt:

    Habe heute Deinen Blog über den kiezneurotiker gefunden und erst mal ein bisschen gestöbert.
    Beeindruckende Themenvielfalt. Da lohnt es sich, öfter vorbeizuschauen. Lesezeichen ist gesetzt.
    Habe beim Stöbern schon einige gute Texte gefunden, die ich mir mit ausreichender Muße zu Gemüte führen werde.

  9. Petra schreibt:

    Bezieht sich „Obey“ nicht auf Orwells 1984?

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