The South is the problem

Haben Sie sich schon mal über diese Leute aus dem Süden geärgert? Das machen die Leute im Norden gern. Berliner über Schwaben, Deutsche über Griechen, Europäer über Afrikaner…all das meine ich nicht. Heute geht es um die Südstaaten der USA. Die Sklavenhalterstaaten. The Confederates. Alabama, Georgia, Mississippi, South Carolina….Sie sind der Kern alles Übels. Immer noch.

No joke. Seriously.

Wer erinnert sich noch an die aufsehenerregende Studie der Boston Consulting Group vor vier Jahren „Made in America, Again – Why Manufacturing Will Return to the U.S.“? In Deutschland hat die Öffentlichkeit das natürlich ignoriert, wie sie so vieles ignoriert was außerhalb ihres kleinen Landes vor sich geht. Die renommierte BCG prognostizierte, dass die Verlagerung industrieller Produktion nach China aufhört. Die Lohnkosten in China steigen unweigerlich, inzwischen 19% im Jahr, so dass die Produktivitätsunterschiede diese Standortvorteile allmählich auffressen. Denn das Produktivitätswachstum in China ist zwar ebenfalls hoch, aber nur halb so hoch wie der Lohnkostenzuwachs. Hinzu kommt: Chinas Vorteil durch eine systematisch unterbewertete Währung nimmt langsam ab. Mit einkalkulierter Produktivitätsdifferenz waren die Lohnkosten in China verglichen mit den USA in 2000 23%, 31% in 2010, 44% in 2015.

Noch kein Grund zur Aufregung?

China und die USA sind große Länder. BCG verglich die Lohnkostendifferenz zwischen der Region Shanghai und dem Staat Mississippi, der ärmste der USA. Da war bereits 2010 Shanghai bei 48% und 2015 bei 69% von Mississippi. Tendenz steigend.

Nun ist Mississippi kein wirklich toller Produktionsstandort. Es fehlt an allem. Vor allem an intelligenten lokalen Politikern. Aber die anderen  US-Südstaaten sind nicht viel teurer, bieten jedoch viel bessere Bedingungen. Vor allem bieten sie: niedrige Löhne, scharfe Gesetze gegen Gewerkschaften, niedrige bis nicht existente Steuern. BCG prognostizierte: ”When all costs are taken into account, certain U.S. states, such as South Carolina, Alabama, and Tennessee, will turn out to be among the least expensive production sites in the industrialized world.”

Die BCG hat in geradezu unheimlicher Weise recht behalten.

Airbus hat letzte Woche eine Endmontage in Mobile, Alabama eröffnet. Airbus, Europas Flugzeug-Flaggschiff. Mobile wollte eigentlich Boeing haben, aber Boeings Heimat-Staat Washington hat mit enormen Subventionen die Produktion im Staat halten können. Dann kommt eben Airbus.

Viele europäische und auch asiatische Firmen haben in den letzten Jahren Produktionsstätten im Süden der USA eröffnet. Um genau zu sein, nirgendwo anders in den USA. Schon gar nicht in den Nordstaaten, wo es noch Gewerkschaften gibt und das Lohnniveau zwar sinkt, aber dem europäischen noch einigermaßen vergleichbar ist. Sie produzieren im Süden weit unterhalb des Lohnniveaus in Europa oder Japan, und lassen keine Gewerkschaften zu (mit der einzigen Ausnahme VW). Dieses Lohndumping und Sozialdumping hat Folgen für den Rest der USA.

Im Mittleren Westen ist die Zahl der Automobilarbeitsplätze in den letzten 30 Jahren um 33% gefallen, im Süden um 52% gestiegen. In Alabama nahm die Zahl industrieller Produktions-Arbeitsplätze gar um 196% zu, in South Carolina um 121%, in Tennessee um 103% – in Ohio sank sie um 36%, in Wisconsin um 43%, in Michigan um 49%. Detroit, Illinois ist am Ende – Autos werden in den USA heute im Süden hergestellt. Da, wo man die Arbeiter gut ausbeuten kann.

Trotz dem Boom sanken die Löhne der Autoarbeiter in Alabama seit 2001 um 24%: bei Neueinstellungen sieht das Bild noch schlimmer aus. In allen diesen Staaten liegt die gewerkschaftliche Organisierung der Industriearbeiter unter 5%, in North Carolina sogar nur bei 1.9%. Immer mehr Zeitarbeiter mit Kurzzeitverträgen, flexibler Arbeitszeit – an employer’s paradise.

Die reaktionäre Politik der US-Südstaaten hat den Rest der USA im Griff. Republikaner und Demokraten aus den Südstaaten drängen ihre Partei immer weiter nach rechtsaußen und verhindern im Kongress progressive Gesetzgebung. Die gezielte Politik gegen Gewerkschaften und Arbeitsrechte und für Lohndumping setzt den Rest der USA so unter Wettbewerbsdruck, dass auch dort die Löhne sinken.  Nicht nur dort: auch die Deutschen in ihrem seligen Paradies der Glücklichen und die Europäer werden noch merken, wie ihre Konzerne langsam aber sicher immer mehr Produktion in die US-Südstaaten verlagern. Dafür brauchen sie dann ihr Freihandelsabkommen TTIP, um die Produkte ungestört nach Europa verkaufen zu können.

Die alten Sklavenhalterstaaten, ein Problem für Amerika, ein Problem für die Welt. Dasselbe Geschäftsmodell hatten die Südstaaten schon im 19. Jahrhundert, da waren ihre Lohnkosten exakt Null. Der Rest der USA wurde davon so unter Druck gesetzt, dass es am Ende einen Bürgerkrieg gab. Den hat der Norden nicht wegen der armen Negersklaven geführt, sondern wegen seiner eigenen  Konkurrenzfähigkeit.

Was tun? Irgendwann untergräbt dieses Modell seinen eigenen Erfolg: ohne Massenkaufkraft keine Absatzmärkte – aber das dauert noch lange. Zu lange. Irgendwie müssen die Amerikaner ihr Südstaaten-Problem lösen. Und die Europäer? Sollten zumindest solange kein Freihandelsabkommen mit den USA machen, sondern die Zölle für alles aus den Südstaaten erhöhen.

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America or China?

Über sunflower22a

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Eine Antwort zu The South is the problem

  1. Thelonious schreibt:

    Danke für den Einblick. War mir so gar nicht bewusst.

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