Wirtschaftsstandort Deutschland

Die Deutschen haben eine Obsession. Sie glauben, dass ihr Land „wettbewerbsfähig“ sein müsse. Gegenüber wem? Andere Länder? Stehen Länder „im Wettbewerb“ zueinander?

Natürlich nicht. Länder sind keine Unternehmen, die auf den Märkten gegen andere Unternehmen im Wettbewerb stehen. Das kann man schon bei Adam Smith nachlesen. Der war weitaus mehr am Gemeinwohl orientiert als die Neoliberalen von heute, die sich auf ihn berufen aber von ihm ungefähr so viel verstanden haben wie Stalin von Marx. Sein Hauptwerk heißt nicht umsonst Wealth of Nations. Für Smith war der Markt ein Positivsummenspiel, kein Nullsummenspiel, der das ganze Volk wohlhabender machen soll – im Gegensatz zum Merkantilismus des französischen Sonnenkönigs. Der macht sein Volk nachweislich nicht wohlhabender, sondern ärmer.

Merkantilismus war damals der Name für den kruden Wettbewerb der Staaten, hauptsächlich durch geschlossene Märkte für Importe – Protektionismus würde man heute sagen – und eine Konzentration der Wirtschaft auf Exporte.

Nach 70 Jahren Welthandelssystem mit einer immer weitergehenden Öffnung der Märkte ist Protektionismus, Abschottung der Märkte, heute keine Option mehr. Der Merkantilismus von heute sieht anders aus. Man kann das nirgendwo besser studieren als in den beiden Ländern, die heute wahre Exportmaschinen sind: Deutschland und China.

Das kommt nicht von alleine. Die Unternehmen dort sind nicht einfach so furchtbar viel besser als woanders. Dahinter steckt eine ausgeklügelte staatliche Politik, die dafür sorgt. Künstlich verbilligte Währungen sind ein wichtiger Faktor. Chinas Yuan wird systematisch unterbewertet, dafür tut der chinesische Staat alles. Die Deutschen müssen das nicht mehr selbst tun, der Euro sorgt automatisch für eine Billigwährung. Hätten die Deutschen noch ihre Mark, sie wäre genauso teuer wie der Schweizer Franken. Der Exportüberschuss würde von alleine zusammenschnurren.

Darüber könnte man hinwegsehen, denn davon profitiert tatsächlich die ganze Volkswirtschaft. Diese Politik geht auf Kosten anderer Länder. Hinzu kommen aber viele andere policies, den „Standort“ attraktiv zu machen. Niedrige Löhne. Niedrige Unternehmensbesteuerung. Deregulierte Märkte. Liberalisierte Arbeitsmärkte. Schrankenlose Umweltzerstörung wie in China. Offene und verdeckte Subventionen für Investoren und ansässige Unternehmen, usw. usw. In letzter Konsequenz wird alles zu einem „nationalen Wettbewerbsfaktor“, vom Bildungssystem über das Rechtssystem – alles wird der „nationalen Standortkonkurrenz“ untergeordnet, nachzulesen in einem geradezu perversen Ranking der Weltbank. Da stellt ein obskurer PISA-Test fest, die deutschen Schulen sind „nicht wettbewerbsfähig“, und schon wird der Schule im Land der Dichter und Denker ein ganzes Schuljahr auf dem Weg zum Abitur weggestrichen. Auch die (zumindest theoretischen) Unkalkulierbarkeiten parlamentarischer Demokratie werden zu einem Wettbewerbsproblem, das man mit der Entmündigung der Parlamente und der Verlagerung von immer mehr ökonomisch relevanten Entscheidungen in die Exekutiven angeht. Nirgendwo kann man das besser bestaunen als in der Brüsseler EU-Maschine, die mit Demokratie nur wenig gemein hat. Kosten-Nutzen-Analysen für Gesetze, und wenn nach Meinung einer Technokratenkommission die Kosten für die Wirtschaft höher sind als der Nutzen, wird das Gesetz gestoppt. So will es Junckers Kommission. Welche Verblendung.

All das schadet direkt der „wealth of the nation“, das führt nur zu Reichtum und Wohlstand bei wenigen, auf Kosten aller anderen. Nullsummenspiel statt Positivsummenspiel. Wer noch klar denken kann, erkennt das sehr schnell. Es ist ein Meisterstück moderner Massenpsychologie, wie die Sprache der Politik, der öffentliche Diskurs immer mehr durch Worte und Phrasen aus der modernen Managementspreche durchdrungen wird. Effizienz, Governance, Anreize, Management…all die verschrobenen Anglizismen in Deutschland, die aus einer Hamburger Hafenbehörde eine Port Authority und aus der Post eine DHL Global Logistics machen.

Der „Standortwettbewerb der Nationen“, die „nationale Wettbewerbsfähigkeit“ – ein extrem wirksamer psychologischer Vernichtungsfeldzug gegen Sozialstaat, öffentliche Interessen, einfach gegen alles, was ein Land lebenswert macht. Es wird Zeit, damit aufzuräumen. Nicht nur mit dieser Ideologie, sondern auch mit ihren Protagonisten.

0321AS (1088)

Nein, ich bin nicht wettbewerbsfähig…macht euren Wettbewerb doch alleine

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2 Antworten zu Wirtschaftsstandort Deutschland

  1. kiezneurotiker schreibt:

    Bam! Da is sie wieder. Schönes Ding.

  2. waswegmuss schreibt:

    Darf ich mal lästern? Unter den ersten zwölf sind fünf der nordeuropäischen Wohlfahrtsstaaten. Das Wort ist schön und passt.
    Was nun Deutschland und China betrifft: Diese beiden Staaten sind auf eine sehr fortschrittliche Art und Weise vollständig durchkorrumpiert. Unser Deng hieß übrigens Adenauer.

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