Jugoslawien

Eine airport lounge in einem mittleren europäischen Flughafen. Ziemlich voll. Ich setze mich neben ein junges Paar, ist hier noch frei, ja, gerne, kein Problem. Ich blättere in einer herumliegenden Zeitung, aber irgendwie kann ich mich nicht konzentrieren. Die beiden sind mir sympathisch. Ich rätsele welche Sprache sie sprechen. Slawisch. Aber kein polnisch, kein russisch. Vielleicht tschechisch. Die Lady scheint zu erraten was mir durch den Kopf geht. Wir kommen ins Gespräch. „I am Slavenka, this is Dragan. We are from Yugoslavia“, sagt sie. Yugoslavia? Das gibt es doch gar nicht mehr.

“Yugoslavia is dead as a state, but it is a region, it is a cultural heritage. We are Yugoslavs.” Ja, das klingt plausibel. Sie ist Kroatin, er Serbe aus Bosnien. Sie seien füreinander keine Ausländer, auch wenn sie verschiedene Pässe haben. Aber sie könne als EU-Bürgerin überall in Europa herumreisen, er nicht so einfach. Welch Irrsinn. Sie sprechen serbokroatisch. Das war mal ein Versuch, aus zwei Dialekten eine Schriftsprache zu machen indem man die Unterschiede nivellierte. Heute werde man dafür schief angesehen, heute betone man die Unterschiede. Manche Serben versuchen gar Englisch in Kroatien zu sprechen, damit sie nicht schief angesehen werden weil man erkennt dass sie Serben sind. Absurd.

Sympathisches Paar. Alle Menschen, die sich nationalistischem Wahn so konsequent entgegenstelle, verdienen Bewunderung. Sie betreiben gemeinsam mit anderen nebenher ein Café Jugoslavija, viele junge Menschen kommen gerne, während ältere keinen Fuß hineinsetzen würden. Yugo-Nostalgie ist en vogue unter jungen Menschen. Der Krieg vor 20 Jahren ist Geschichte, für junge Menschen so weit weg wie für 25jährige Deutsche die DDR, für 50jährige aber noch tief in den Köpfen eingebrannt. Ihre Mutter akzeptiert ihren serbischen Freund nicht, will ihn nicht sehen. Dragans Eltern haben es inzwischen akzeptiert, aber einfach war es nicht.

Nationalismus. Genauso eine schlimme Krankheit wie religiöser Extremismus. Eigentlich unvorstellbar, wie Menschen massenweise allen diesen niederen Instinkten erliegen können. Slavenka und Dragan, ich bewundere euch.

D021

Three kisses for you, if you’re not a nationalist

Über sunflower22a

I am a mystery.
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5 Antworten zu Jugoslawien

  1. Anonymous schreibt:

    Ein Funke Hoffnung

  2. kultgenosse schreibt:

    Ein Funke Hoffnung.

  3. dermultiplepapa schreibt:

    Schöne Geschichte über unschöne Umstände. Ich wünsche den beide und auch allen anderen, die nicht in einzelnen Nationen denken, alles Gute.

    Ich bezeichne mich als Weltbürger, ich glaube, das sagt alles.

  4. gunny schreibt:

    Nationalism is a gravedigger from Germany currently celebrating resurrection in many european places. Was soll`s – zähle allein in diesem thread 5 Leute die dem Nationalismus das Licht ausknipsen wollen. Das macht Hoffnung.

  5. Bill schreibt:

    wie wohl viele Deutsche war ich als kleiner Junge vor vielen, vielen Jahren in Jugoslawien im Urlaub. Aber schon damals war mir vage klar, dass die Menschen dort für wenig Geld (selbst meine 50 Pfennig wöchentliches Taschengeld waren etwas!) hart arbeiten mussten um uns einen angenehmen Urlaub zu bieten.
    Als dann die Kämpfe, und gerade an den wunderschönen Plitwitzer Seen losgingen habe ich vor Zorn fast geheult weil ich mich gerne an die Wirtsfamilie erinnerte und fürchtete dass all das was sie sich mit harter Arbeit erwirtschaftet hatten von nationalistischen Irren kaputt geschlagen würde.
    Und 1991 war ich beileibe kein kleiner Junge mehr.
    Wer kann sollte hinfahren, Es lohnt sich. Und seid nicht so fucking geizig.

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