Unentschlossen

Wer meinen Blog liest, könnte meinen, ich habe zu allem eine Meinung. Stimmt nicht. Es gibt Dinge, die sind mir egal. Es gibt auch Dinge, die sind mir zwar nicht egal aber ich bin mir unsicher, und so habe ich eben keine wirkliche Meinung dazu. Aber darüber schreibe ich hier eigentlich nichts, denn was soll ich dann schreiben?

Heute mache ich das mal. Frankreich will superdünne Models mit Arbeitsverbot belegen und ihre Agenturen mit Geldstrafen. Werbung für und Anstiftung zur Anorexie soll verboten werden. Spanien, Italien, Israel haben schon ähnliche Gesetze. Aber Frankreich, das ist ein anderes Kaliber. Das Zentrum der Modewelt.

Richtig so. Dachte ich im ersten Augenblick. Ist doch furchtbar, diese Magersucht und der Kult darum. Dazu habe ich hier auch schon ab und zu geschrieben.

Und dann dachte ich: Nein, sowas geht gar nicht, morgen kommt das Arbeitsverbot für Dicke, dann für Kleinwüchsige, und so weiter. Wenn man damit mal anfängt.

no-anorexia

Genauso weit auseinander liegen die Meinungen in der Blogosphäre. Beispiele:

Die Bloggerin August McLaughlin schrieb einen Offenen Brief an Präsident Hollande, nachzulesen auf ihrem schönen Blog „The Girl Boner“, um ihm für das geplante neue Gesetz zu gratulieren. Sie weiß wovon sie spricht.

„Banishing pro-anorexia websites and not allowing anorexic models to walk your nation’s runways could help minimize the epidemic of body-hate and responsive self-harm that runs so rampant….These issues are dear to my heart. I modeled for years, and nearly died of anorexia while working in Paris. I’ve since fully recovered, and spent over 8 years as a nutritionist, offering dietary therapy for people struggling with eating disorders and related issues.”

Aber sie weiß auch, dass die geplanten Verbote nur ein Teil der Lösung des Problems sind:

„Attempting to regulate the health of models, but still allowing the standards of thinness over all to carry on, won’t solve this epidemic. The standards need to change. While this is a huge task, it’s doable, in my opinion. Here are some powerful steps that would help:

Require fashion shows and magazines to depict a broad range of body shapes and sizes, as well as ages.

Encourage fashion designers to create clothing for those shapes, sizes and ages.

Don’t merely show women seducing cameras in editorial shoots. Show them working, creating art, raising kids, being human.

Require medics and other health/safety measures at fashion shows and photo shoots. (Show models that their safety and wellness matters as much as that of Hollywood actors.)”

Instinktiv stimme ich ihr zu, ich glaube dass sie recht hat.

lgh2009-04-21-anorexia - Kopie

Die Gegenposition bezieht die Mädchenmannschaft.

„Der Gesetzesentwurf ist stigmatisierend und ein unterkomplexer Versuch, die Modewelt unter dem irreführenden Deckmantel von „Gesundheit“ ein Stückchen vielfältiger zu gestalten, aber im Grunde genommen würde ein Gesetz wie dieses nichts verändern. Solche Gesetze bewirken vielmehr das Gegenteil: Sie führen zur Stigmatisierung von dünnen Frauen (die mit oder ohne sogenannte Essstörungen und/oder Anorexie leben), ohne konkrete Strukturen bereitzustellen, die diese Frauen nutzen können, falls sie Unterstützung benötigen. Das angedrohte Berufsverbot ist besonders absurd wenn mensch bedenkt, wie teuer Unterstützungsangebote wie Therapien, Kuren und sonstige heilende/medizinische Angebote sind, sofern sie nicht von der Kasse bezahlt werden (was nicht immer der Fall ist)….

Auf den Laufstegen laufen dann weiterhin Frauen, deren Körper kaum repräsentativ für diese Gesellschaft sind, einige von ihnen haben sogenannte Essstörungen (auch wenn mensch es ihnen nicht ansieht) und werden diese auch weiterhin haben, einfach, weil der enorme Druck in der Modeindustrie bleibt, auch wenn einige sehr dünne Frauen verschwinden. Und diese Frauen, egal wie ihr Gesundheitszustand aussieht, müssen das ausbaden, was unsere Gesellschaft einfach nicht hinbekommt: Jungen Menschen ein Körpergefühl zu vermitteln, das ohne diskriminierenden Bockmist auskommt. Eine Gesellschaft, die bedürfnisorientiert und sensibel (therapeutische) Unterstützung zur Verfügung stellt, wenn mensch diese braucht. Eine Gesellschaft, wo Models Größe 38 haben, oder 42. Oder 58. Schön wär’s. Ein solches Gesetz beinhaltet all dies nicht.“

Auch das klingt plausibel und ist rational 100% nachvollziehbar.

Ich weiß nicht, was ich von der französischen Initiative halten soll. Ich weiß nur, dass ich Superdünne hässlich finde, den thigh gap für ein Krankheitssymptom halte, und dass etwas dagegen getan werden muss dass eine kleine Elite von Typen in der Modeindustrie wie Hedi Slimane solche Aussehensnormen diktieren kann. Aber was?

Was meint ihr?

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PS Nudeln sind geil🙂

Über sunflower22a

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4 Antworten zu Unentschlossen

  1. HairyComment schreibt:

    Der Mut, über ein Thema zu schreiben, bei dem man unsicher ist gefällt mir – und deswegen will ich das auch mal versuchen. Mir geht es nämlich genau so: bei dem Thema Magersucht bin ich mir unsicher, es ist mir aber nicht egal.
    Der Artikel betrachtet schön die Positionen zum gegebenen Thema, aber ich denke um dem Thema gerecht zu werden muss man es erweitern: Was ist das geeignete Mittel, um eine Änderung herbeizuführen? Da gibt es die persönliche Sicht (Was mag ich persönlich?) und die gesellschaftliche (Welcher und wieviel Zwang ist akzeptabel um das Ziel zu erreichen ohne individuelle Freiheiten einzuschränken?)
    Persönlich schreit alles in mir danach, diejenigen die Gewinn aus solchen Dingen schlagen zu bestrafen. Sie richten Schaden an, da kommt ein Rachereflex. Rache ist aber eine sehr schlechte Idee in einem Rechtsstaat (und der ist mir wichtig!).
    Gesellschaftlich ist aber nun zu beachten, dass es individuelle Freiheiten geben sollte auch wenn wissenschaftlich gesehen die jeweilige Freiheit auszunutzen den Beteiligten schadet. Da braucht es Bildung, Information: die, die sich und evtl. anderen indirekt Schaden zufügen könnten müssen sich als Erwachsene Menschen als allererstes mal im klaren sein was sie tun.
    Beispiel: Ich rauche. Ich weiss das es mir schadet, ich weiss das es anderen schadet wenn sie passiv rauchen. Ich rauche trotzdem, stelle mich in der Öffentlichkeit so hin, dass andere möglichst wenig Rauch abbekommen (immer in windrichtung hinter Gruppen von Menschen).
    Bei Zigaretten gibt es Warnhinweise auf Packungen, in manchen Ländern wird überlegt Ekelbilder aufzudrucken. Keine Ahnung wieviel das bringt, es nervt mich persönlich – aber es ist gut, weil es zwar Informationen gibt, jeder individuell aber seine Freiheit behält.
    Vorschlag: Warnhinweise und Ekelbilder müssen bei allen werbenden oder verherrlichenden Zurschaustellungen von medizinisch betrachtet nicht gesunden Menschen eingeblendet werden. Dann viel Spass, Modemacher: Ausgehungerte Models und in der Ecke ein Bild von Erbrochenem!
    Bin gespannt auf Kritik dazu😀

  2. Bill schreibt:

    pro Verbot
    Grund: die betroffenen jungen Mädchen, denn Frauen sind das noch nicht, haben ausser ihrem Aussehen noch nichts, was es ihnen erlaubt, ein eigenständiges Selbst-Bewusstsein aufzubauen. Daher haben sie jeder Kritik gerade an ihrem Aussehen („Du bis zu fett!“) zu wenig entgegenzusetzen und daher kommt es zu den von Dir/Ihnen beschriebenen Zuständen mit Mädels die vor Hunger ohnmächtig werden.
    Mit BMI-Untergrenzen wird jeder Versuch ein Mädchen von schlank zu abgemagert zu überreden schlicht illegal und da die Modenschauen von der ganzen Idee her öffentlich sind kann es auch keine Grauzone geben.
    Die Eingrenzung zum uferlosen Bevormunden kann sinnvoll anhand der allgemein anerkannten BMI-Grenzwerte erfolgen, rein anhand medizinischer Fakten, und nur zum Schutz der modelnden Mädchen. Nicht weil es ein gar nicht präzise zu fassendes „schlechtes Beispiel“ gäbe.
    Ansätze wie die der Mädchenmannschaft (Stichwort „Fat Shaming“) die im Grunde schon die Anstiftung zu Gedankenverbrechen abstrafen wollen werden so außen vor gelassen. Es geht nicht um die Stigmatisierung irgendeines Körperbildes sondern um vorbeugenden Gesundheitsschutz. Im Grunde verwandt der Anschnallpflicht und ähnlichen Gesetzen.
    Die Abwägung von persönlicher Freiheit gegen Sicherheit würde meinerseits in diesem Falle weniger Freiheit (mehr Bevormundung) und mehr Sicherheit ergeben.
    Wobei mir selbst in diesem Fall wegen des Verlustes an Freiheit nicht ganz wohl ist. Vorzuschreiben wie die Modeltruppen ansonsten zusammengesetzt werden sollten? Dazu ein klares Nein meinerseits.

    • HairyComment schreibt:

      Hmm, der BMI ist möglicherweise nicht das Maß aller Dinge, aber vermutlich ein guter Anfang.
      Zitat: “ jeder Versuch ein Mädchen von schlank zu abgemagert zu überreden“
      Wenn man gesetzliche Verbote auf Minderjährige beschränkt und die Informationen parallel dazu einführt wäre das wohl ein guter Kompromiss. Schade nur, dass ruhige, vernünftige Diskussionen nur in abgelegenen Foren passieren und nicht im Politikbetrieb…

  3. waswegmuss schreibt:

    Seltsamerweise sind die Top-Modelle gar nicht so dünn. Es sind halt recht große (>180 cm) Frauen mit sehr schmaler Silhouette. Das kriegt Frau mit Diät nicht hin. Dafür braucht es Gene.
    Nur wie kriegt Mensch das in die Köpfe?
    Schwierig.

    „Laßt wohlbeleibte Männer um mich sein,
    Mit glatten Köpfen, und die nachts gut schlafen.
    Der Cassius dort hat einen hohlen Blick;
    Er denkt zuviel: die Leute sind gefährlich.“
    (Shakespeares Cäsar)

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