I like Russians

Es ist spät geworden, als ich das Büro verlasse. Ein anstrengender Tag. Eigentlich will ich jetzt nur noch meine Ruhe. Eine Gruppe Touristen steht mir im Weg, entweder mache ich einen großen Bogen um sie oder mittendurch. Bevor sich die Frage stellt, stellt mir einer von ihnen eine Frage. „Exkuuz me do you know werr dis place is?“ Unverkennbar russischer Akzent, irgendwie sympathische Stimme. Ja, ich weiß es. Aber es ist zu kompliziert zu erklären. Ich bin ein freundlicher Mensch. Ich bin immer freundlich zu Touristen, weil ich möchte, dass andere Menschen auch freundlich zu mir sind, wenn ich auf Reisen bin.

„I will show you the way, please follow me“. Eine der seltener gewordenen Gruppen russischer Touristen. Westeuropa ist teuer geworden, das politische Klima vereist. Dieser Gruppe scheint es materiell nicht schlecht zu gehen. Berlin gefällt ihnen gut, einige waren schon mal hier. Sie laden mich ein, haben Sie heute abend schon was vor? Spontan mache ich das genaue Gegenteil von dem, was ich vor einer Viertelstunde vorhatte. Soviel Gastfreundschaft weiß ich zu schätzen, sie ist selten in den reichen Ländern.

Arkadi heißt der Mann, businessman, export-import. Was auch immer das bedeuten mag. Die Zeiten waren schon besser, manche verdienen an den Sanktionen, er leider nicht. Er leide an dieser elenden Ukraine, was habe er damit zu tun? So viele Menschen in Russland müssen leiden für diesen elenden Ukraine-Konflikt, mit dem sie eigentlich nichts zu tun haben wollen.

Möchte ich heute abend mit einer Gruppe mir gänzlich unbekannter Russen über Politik diskutieren? Sicher eine nicht gerade einfache Sache. Aber genau das richtige für mich, nichts reizt mich mehr als solche Begegnungen mit unbekanntem Verlauf.

Auch ich habe viel an der westlichen Russlandpolitik zu kritisieren, aber auch Russlands Regierung sei ein Teil des Problems, meine ich. Wir sind uns erstaunlicherweise sehr schnell einig, sie finden Putins Politik weitgehend auch falsch, keine blinden Patrioten.

Bald reden wir nicht mehr über Staatschefs. Was macht dieser Konflikt, dieser heranziehende neue Kalte Krieg mit den Menschen?

Olesya, sie ist Ukrainerin, lebt in Moskau. Die politische Spannung ist für sie eine enorme Belastung, es geht mitten durch die Familie, überall Anfeindungen. Warum? Warum das alles? Sie hat einige Jahre in Deutschland gelebt, es ist schon länger her, sie spricht noch einiges an Deutsch. Was hat sie hier gemacht? „Services“. Dienstleistungen. Smile. Wir schauen uns tief in die Augen, wir verstehen uns. Sie hat es inzwischen zu etwas gebracht. Sie hat das Geld, nicht ihr Mann. Sie schaut mich mit einer Mischung aus Wärme und Neugier an. Sie scheint mehr von mir zu erspüren als andere. „You are no German. You are American, right?“

Ich bin überrascht. Warum? Sie spürt es, sagt sie. Ja, ich bin beides. Sie lächelt wieder auf diese „Liebste, wir verstehen uns“-Art. Auch sie ist Ukrainerin und Russin zugleich. Russen und Amerikaner sind Antipoden, aber sie sind sich ähnlich. Russen wollen eigentlich wie Amerikaner sein, aber immer wieder wird ihnen gezeigt, sie sind nur zweitklassig. Sie wollen nichts sehnlicher als einfach dazugehören, als respektiert zu werden. Was hat Europa gegen uns? Wir sind auch Europäer. Wir haben keinen Platz in eurer EU, ihr lehnt uns ab. Merkt ihr nicht, welche Arroganz ihr verbreitet? Ja, unsere Versuche mit eurasischer Zollunion, eurem Brüsseler Projekt etwas entgegenzusetzen, sind hilflos und führen zu nichts. Vielleicht fliegt euch eure EU um die Ohren, nicht wenige in Russland würden sich freuen. Wir sollten die Griechen aus eurer Schuldknechtschaft freikaufen.

Es sind freundliche Menschen, keine Feinde, mit denen ich an diesem Abend Freundschaft geschlossen habe. Menschen, deren Freundschaft „der Westen“ zurückweist, mit scharfen Visabestimmungen schikaniert, Menschen die Putin nur gut finden weil er ihrem Gefühl der Zurückweisung Ausdruck gibt. Menschen, die der Westen Putin in die Arme treibt.

Ich denke an meine Moskaureise, an die Party bei Alina. Beinahe wäre ich nach Moskau gegangen. An diesem Abend bin ich sehr nachdenklich nach Hause gegangen. Ich bin sicher, Obama, Merkel, Putin kommen schon morgen wieder blendend miteinander klar, wenn die Interessenlagen sich geändert haben. Aber die Entfremdung zwischen den Menschen wieder ungeschehen zu machen, das kann lange dauern.

Nobody likes Russians. Except me. Sunflower likes Russians.

pamela-bernier-by-chris-nicholls-for-fashion-magazine-2013-4

Western imagination: Russians are dangerous bears

Über sunflower22a

I am a mystery.
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3 Antworten zu I like Russians

  1. Gerhard Mersmann schreibt:

    Sie haben politische Empathie!

  2. DF schreibt:

    Sehr schön geschrieben! Ohne Voruhrteile einfach den Menschen zuhören …

    „Menschen, die der Westen Putin in die Arme treibt.“ – dieser unsäglich bescheuerter Konflikt führt unter anderem dazu, dass Putin jetzt bis auf alle Ewigkeiten gewählt wird und die politische Opposition in Russland um Jahre zurückgeworfen ist. Der Westen bewegt sich dort mit der Geschicklichkeit eines Elefanten im Porzellanladen.

    Die Anfeindungen in den Familien kann ich leider auch nur bestätigen. Es gibt aber immer noch russisch-ukrainische Hochzeiten und auch auf persönlicher Ebene können die Leute immer noch vernünftig miteinander reden (außer man trifft einen patriotischen Betonkopf).

    Die Reichen streiten um die fetten Futterstellen und die übrige Bevölkerung soll sich dafür gegenseitig die Köpfe zerschlagen. War bei jedem Krieg schon so gewesen.

  3. Sarah schreibt:

    Man darf nicht vergessen, dass es nicht vordergründig Europa ist, das da selbständig playt, sondern ganz wesentlich die Hinteratlantiker.

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