We live in different realities

Ein langes Gespräch bis tief in die Nacht mit  meiner lieben Freundin L. Es hatte so nett begonnen. Lange haben wir uns nicht gesehen. Ab und zu eine email, mal angerufen, aber wenn man in verschiedenen Städten lebt kann es schon vorkommen dass man sich jahrelang nicht sieht.

Wir haben uns auseinanderentwickelt. Sie ist traurig geworden, geradezu bitter. Sie lebt jetzt allein. Ehe zerbrochen, die Zwillinge aus dem Haus. Eigentlich mitten im Leben, und doch ohne Perspektive. Wie viele Frauen stehen wie sie mit 40, 45 vor den Trümmern ihrer gescheiterten Ideale, ihrer geplatzten Lebensentwürfe. Ausgezeichneter Uni-Abschluss. Tolle Pläne.  Nach wenigen Berufsjahren doch nichts geworden als Hausfrau, Gelegenheitsjobberin, Teilzeitaushilfe, und vielen droht gar Hartz 4 und irgendwann die kümmerliche Mini-Rente. Wer so lange aus dem „geregelten Berufsleben“ raus ist, hat keine Chance mehr. Fachkräftemangel? Sie gilt gar nicht als Fachkraft.

Nach wie vor sind Kinder das Karriererisiko, das Armutsrisiko Nummer 1. Das erste Kind mit Anfang Zwanzig, und dann vielleicht zum falschen Zeitpunkt das zweite. Re-Integration in den Job hat nicht wirklich geklappt. Du hattest keine Kita. Da war die Lösung natürlich: Teilzeit. Die Frau natürlich, nicht der Mann. Vielleicht kam dann die Trennung nach dem zweiten Kind, und dann war es aus. Das zweite Kind war vielleicht geplant als Rettung der gefährdeten Beziehung. Wie viele machen diesen Fehler. Ich spreche ja nicht aus Erfahrung, aber dennoch sehe ich bei vielen: Ein Baby ist schon Stress für eine intakte Beziehung, für eine gefährdete Beziehung ist ein Baby oft das Ende. Und dann steht die Frau vor der Wahl: Trennung und Absturz in die Armut einer Alleinerziehenden, oder frustriert an der Seite des Mannes bleiben, der sie versorgt. Die klassische Ehe. So wie eh und je. Alle feministischen Ideale zerbrochen. Du wolltest es ganz anders machen als deine Mutter, und du hast es nicht geschafft. Es hat nicht geklappt. Du hast versagt und fragst dich, was habe ich eigentlich falsch gemacht. Du stellst fest, gar nichts, du hast nur Pech gehabt. Und du hoffst, dass es deine Tochter schafft. Wie bitter

L. kann die Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie ist so neidisch auf mich, sagt sie. Hätte ich es so gemacht wie du. Keine Kinder, keine Familie. Einfach nur das worauf du Lust hast. Jobs gewechselt, Karrieren einfach abgebrochen und direkt was neues angefangen. Immer das was du wolltest.

Was soll ich sagen? Liebe L., auch du hast gemacht worauf du Lust hattest, Kind und Familie war doch dein Traum. Meiner eben nicht. Hätte ich den Mund gehalten. So giftig hat sie mich noch nie angesehen. Ich habe immer noch alle Optionen, sie keine mehr. Kollateralschaden. Es tut mir so leid. Hätte die Beziehung geklappt, hätte die Kinderbetreuung geklappt, hätte die Firma sich nicht wie ein Arschloch benommen….hätte, hätte, Fahrradkette. Realitäten, Germany 2015.

Und dann liest du so etwas.

Berlin: „Schon jede vierte Frau verdient mehr als ihr Mann“, schreibt die Bild. Bild lese ich natürlich nicht. Mein geschätzter Blogger-Kollege Kiezneurotiker verlinkt zu einem Blog, der solche Sachen kolportiert. Selbstbeschreibung: „Genderama ist das Blog des linken Flügels der antisexistischen Männerbewegung (Maskulismus).“ Für einen „linken Flügel“ zitiert dieser Blogger erstaunlich oft rechte Medien. Weiter geht es: Titelgeschichte der „Weltwoche“: „Das hilfsbedürftige Geschlecht„. „Aufklärungskampagnen, Quotenregelungen, Lohnpolizei – Frauen ­werden mit allen erdenklichen Mitteln gefördert. Die Programme kosten Millionen. Ein neues Papier belegt, wie hier ein Vorurteil von Staates wegen gegen jede Realität konstruiert wird.“.

Gegen jede Realität? Die Realitäten der Zürcher Weltwoche, einem Kampfblatt Schweizer Rechtspopulisten,  waren noch nie meine Realitäten. Dann die Wirtschaftswoche, noch so ein Blatt, aus dem ich meine Weltanschauung lieber nicht beziehen möchte. „Sexuelle Belästigung: Männer häufiger von Übergriffen im Job betroffen als Frauen“. Klingt unglaubwürdig? Ist auch unglaubwürdig.

Der Klaps auf den Po, eine anzügliche Bemerkung oder E-Mail mit eindeutigem Angebot: Eine neue Studie zeigt, dass mehr als die Hälfte der Beschäftigten schon einmal am Arbeitsplatz belästig wurden. Überraschend: Laut Umfrage sind Männer häufiger betroffen als Frauen.“ Ein kleines Detail aus dem Wirtschaftswoche-Bericht fällt leider sowohl bei der Schlagzeile als auch bei den freudigen Verlinkern in der Bloggerszene unter den Tisch: „Absender der zweideutigen Botschaften und körperlichen Übergriffen waren bei beiden Geschlechtern meistens Männer.“, so die Wirtschaftswoche.

Ich denke an L. Offenbar leben Frauen wie sie auf einem anderen Planeten als der „linke Flügel der antisexistischen Männerbewegung (Maskulismus)“, an den rechten Flügel dieser Bewegung wage ich gar nicht zu denken.

Ich sage gar nicht, ich habe recht. Ich nehme die Welt nur anders wahr, und meine Bekannten auch. Ich weiß nicht, ob Kiezneurotiker recht hat: er stellt Leute ein, und zwar „seit Jahren ausschließlich junge Frauen. Junge Männer, die meinen Weg kreuzen, sind tatsächlich zu dumm. Alle. Ohne Ausnahme. Machen Sie damit, was Sie wollen. Ich stelle nur fest.“

Ich stelle auch nur fest. In meiner Firma ist das mitnichten so, bei den Konkurrenten in der Branche auch. Bei den Einstellungen halten sich ladies and gentlemen die Waage, aber auf der Karriereleiter gibt es klare Differenzierungen. Da mögen die Ladies an den Schulen und Universitäten noch so sehr bessere Noten haben und vermutlich auch zu Recht – wen interessiert das noch, wenn du mal den Job hast? Auf der Karriereleiter klettern die nach oben, die am intensivsten Karriere machen wollen, nicht die Kompetentesten und Besten. Das ist wie in der Politik. Da können Frauen durchaus mithalten, aber oft wollen sie nicht ihr ganzes Leben der Karriere opfern, nicht eine Überstunde mach der anderen machen, nur um präsent zu sein. Sie sind weit weniger bereit oder in der Lage, Kinder und Familie hinten anzustellen. Natürlich, es gibt auch diejenigen wie mich, die haben keine Kinder und Familie. Wäre ich scharf darauf, rasch aufzusteigen, wäre ich bereit mich zu verbiegen, ich würde sicher viele Hindernisse aus dem Weg räumen, genauso wie viele Männer. Aber nicht nur der Weg nach oben kostet viel Zeit und Energie. Oben bleiben auch. Chefs gehen nicht früher.

Bei „genderama“ liest sich das so: „Personalberaterin: Darum gibt es weniger Frauen in Führungspositionen. Wer ganz nach oben will, kann nicht von allen geliebt werden. Besonders Frauen können das schlecht, darum fehlen sie an der Spitze, sagt die Trainerin Sigrid Meuselbach. Zitat aus der Zeit.

In meiner Branche, in meiner Firma – ein Tempel des Kapitalismus, um es klar zu sagen – könnten wir von den jungen, karrieregeilen Männern viel lernen. Gut vernetzt, durchsetzungsstark, privat bindungsunfähig oder –unwillig, und alles andere als dumm. Schon gar nicht in Gefahr, von Chefinnen sexuell belästigt zu werden. Sie belästigen auch keine Frau, weil sie wissen, das kann das Karriere-Ende bedeuten. Sozialkompetenz gleich null. Sie üben Macht aus, die Konsequenzen ihres Tuns spüren andere. Das sind die Männer, die für Geld alles tun. Sie lassen ganze Länder verarmen für ihre Bilanzen, für ihre Karrieren. Sie setzen sich einfach nur durch, systematisch, zielstrebig, Ende. Und ganz oben sind und bleiben sie unter sich. Realität. Frauen wie L. haben in dieser Realität keine Chance. Ich möchte diese Realitäten ändern. Der „linke Flügel der Männerbewegung“ konstruiert sich lieber seine eigenen Realitäten.

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Real, irreal, surreal.

Über sunflower22a

I am a mystery.
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4 Antworten zu We live in different realities

  1. MT schreibt:

    Wow, super Artikel. Das schreibe ich nicht oft.

    Tja, jeder von uns lebt in einer anderen Realität. Männer und Frauen besonders. Ich behaupte mal, diese werden nie wirklich zueinander finden.

    In der Realität des Kapitalismus und der heutigen Arbeitswelt kommen nur diejenigen nach oben, die wissen, wie das Spielchen funktioniert und denen es nichts ausmacht gewissenlos zu sein. Das hat mit dem Geschlecht an sich nichts zu tun. Ich würde diese Realität auch gerne ändern, so wie du. Dafür sollten Männer und Frauen eigentlich zusammenarbeiten und sich nicht gegen einander ausspielen lassen. Aber im Kapitalismus hat man ja nur Wettbewerber und – wenn überhaupt – dann nur „strategische Partner“.

    Dann kommen dann auch halt solche Artikel wie in der Wirtschaftwoche zustande. Ohne jeglichen Sinn und Erkenntniswert. Denn anscheinend belästigen sich die Männer auch gerne untereinander sexuell. Wie im Knast also… Keine Ahnung, was mir das sagen soll. Meine Realität ist auch eine andere, wie die der inzwischen dauerjammernder Männer.

  2. anonym schreibt:

    nun jetzt wird ja alles besser, gibt ja jetzt die Quote🙂

  3. kiezneurotiker schreibt:

    Vielleicht sollten wir die Jobs tauschen.🙂

  4. Johannes schreibt:

    Seltsam, dass ich beobachten durfte, dass auch in großem Büro eines internationalen Unternehmens immer noch die Männer abends am längsten bleiben und auch mal am Wochenende kommen und nicht die Frauen, auch wenn sie keine Kinder haben. Also ohne Leistungsbereitschaft klappt das nun mal nicht mit der Karriere und Bezahlung. Ob eine derartige Selbstausbeutung freilich intelligent und erstrebenswert ist, steht auf einem anderen Blatt, wird im heutigen System für die Karriere aber leider gefordert.

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