Ein mutiger alter Mann

Ich glaube, wenn mein Ziel als Bloggerin wäre, meine Leserzahl zu maximieren, dann mache ich wohl vieles falsch. Es gibt einige Themen, über die ich mich periodisch auslasse, die mich jedesmal einige Follower kosten. Rechte für Sexarbeiterinnen, wie furchtbar. Damit wollen viele nichts zu tun haben. Oder: Lästernde Texte über Männer und die – mann höre und staune – real existierende Benachteiligung von Frauen durch Männer, die es auch im Paradies der Seligen genannt Deutschland gibt. Kritik am Graue-Maus-Moralfeminismus und seinen Protagonistinnen. Und last not least, mein Einsatz für die Rechte der Palästinenser und die damit unvermeidliche Kritik der israelischen Kolonialpolitik.

Heute ist letzteres wieder dran. Wahrscheinlich habe ich ab heute wieder weniger Follower. Schade. Lieber wären mir intelligente Kommentare.

Uri Avnery ist ein bemerkenswerter Mann. Geboren 1923 als Helmut Ostermann in einem westfälischen Kleinstädtchen namens Beckum, flüchtete er mit seiner jüdischen Familie vor den Nazis 1933 nach British-Palästina aus, und änderte seinen Namen in Uri Avnery. Er ist einer der großen alten Männer der israelischen Friedensbewegung. 1982 war er der allererste Israeli, der Yassir Arafat traf. 12 Jahre saß er in der Knesset und ist heute mit 91 Jahren einer der wenigen vernünftigen Stimmen in einem Israel, das von durchgeknallten Reaktionären beherrscht wird. Er benennt in schonungsloser Offenheit auf seiner Website die Realitäten in seinem Land, und dafür bewundere ich ihn. Denn dazu gehört inzwischen viel Mut. Sehr viel Mut.

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Eine seiner neuesten Kolumnen (heute würde man sagen Blogs) setzt sich mit dem angeblichen europäischen Anti-Semitismus auseinander. Mit diesem Konstrukt macht Netanyahu billige Propaganda, naive linke und christliche Gutmenschen-Gemüter plappern das nach, und ab und zu findet sich der eine oder andere verwirrte Rechtsradikale der in dasselbe Horn bläst.

Wer widerspricht, ist in diesem doktrinären Gutmenschen-Klima sofort selbst Antisemitin.

Avnery dares to disagree.

Leider ignoriert von all den angeblich so progressiven Anti-Antisemiten in Europa, die sich lieber mit Erzreaktionären wie Netanyahu solidarisieren als mit den wenigen verbliebenen Progressiven in Israel wie Avnery.

Ich zitiere:

ANTI-SEMITISM is on the rise. All over Europe it is raising its ugly head. Jews are in danger everywhere. They must make haste and come home to Israel before it is too late. True? Untrue? – Nonsense.

Practically all the alarming incidents which have taken place in Europe recently – especially in Paris and Copenhagen – in which Jews were killed or attacked – had nothing to do with anti-Semitism. All these outrages were conducted by young Muslims, mostly of Arab descent. They were part of the ongoing war between Israelis and Arabs that has nothing to do with anti-Semitism. They are not descended from the pogrom in Kishinev and not related to the Protocols of the Elders of Zion.

Eine sehr richtige Beobachtung. Und nun kommen wir zum Kern des Problems, das kein halbwegs politisch korrekter Deutscher jemals auszusprechen wagen würde:

The reason is the ongoing Arab-Zionist conflict, which started with the mass immigration of Jews to Arab Palestine, continued with the long list of wars and is now in full bloom. Practically every Arab in the world, and most Muslims are emotionally involved in the conflict.

But what have French Jews to do with that far-away conflict? Everything.

When Binyamin Netanyahu does not miss an opportunity to declare that he represents all the Jews in the world, he makes all the world’s Jews responsible for Israeli policies and actions. When Jewish institutions in France, the US and everywhere totally and uncritically identify with the policies and operations of Israel, such as the recent Gaza war, they turn themselves voluntarily into potential victims of revenge actions. The French Jewish leadership, CRIF, [the Conseil Représentatif des Institutions juives de France] did so just now.

Es ist genau diese vollkommen unkritische Loyalität so gut wie aller jüdischer Organisationen in Europa (nicht in den USA, wohlgemerkt) zur israelischen Kriegs- und Kolonialpolitik, die Juden in Europa zur Zielscheibe macht.

Alice Rothschild sagt es noch viel deutlicher als Avnery: „Basically I feel like the way the Israeli state functions is really a danger to Jews. Not only to Palestinians but also to Jews. We need to really think about, What does Zionism mean. Was it a good idea? We must look at what happened. That really triggers a lot of people.”

Vor der Gründung des israelischen Kolonialstaats lebten Juden im Osmanischen Reich, in allen muslimischen Ländern weitaus unbehelligter als im christlichen Europa. Massive Judenverfolgungen waren Teil des europäischen Kulturerbes vom Mittelalter bis Hitler. Aber nicht Teil der islamischen Kulturgeschichte. Es ist bezeichnend, dass Europas Juden in all diesen Zeiten immer wieder Zuflucht im Osmanischen Reich suchten.

Let’s face it: An den Übergriffen gegen Juden in Europa heute sind nicht übriggebliebene Nazis schuld, sondern die Kriegspolitik von Netanyahu & Co. Wer sich mit diesem Kriegsverbrecher solidarisiert, kann nicht erwarten, dass er sich damit beliebt macht. Die wirklichen Kämpfer gegen Judenhass in Europa sind die wenigen Juden, die sich gegen Netanyahu stellen. Wer sich mit Netanyahu solidarisiert, direkt oder indirekt, macht alles nur schlimmer.

Vielen Dank Uri Avnery für diese klaren Worte. Ihm kann man wenigstens keinen Anti-Semitismus vorwerfen. Allen Deutschen oder Europäern, die genau dasselbe sagen, werden die Israel-Lobbyisten aber genau das vorwerfen. Diese Israel-Lobbyisten sind es, die Öl ins Feuer gießen. Think about it.

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The world is not only black and white

 

Über sunflower22a

I am a mystery.
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12 Antworten zu Ein mutiger alter Mann

  1. dermultiplepapa schreibt:

    Ich kann Dir schon mal sagen, daß gerade Deine Haltung zu oben genannten Themen mich zum Abonnenten gemacht hat. So etwas will ich lesen.

    Der große Vorteil Deiner Berichterstattung gegenüber der fast aller anderer Leute, die sich dazu äußern, ist der, daß Du zwischen Juden und der Israelischen Regierung klar differenzierst, Das tun weder die, die sich gegen Juden positionieren noch viele Juden sebst, die sich gleich persönlich angegriffen fühlen, wenn man etwas gegen diese Regierung sagt. Friedmann ist ein sehr bekanntes Beispiel dafür.

    Genau deswegen bin ich dankbar, daß Du schreibst, was Du schreibst. Du zeigst mir damit klar: Ich bin nicht allein.

    Von dem Herrn Avnery bin ich auch beeindruckt, das dürfte Dich jetzt sicher auch nicht mehr wundern.

  2. waldstern schreibt:

    Ich mag deine Texte über mehr Rechte für Sexarbeiterinnen und lästernde Texte über Männer fand ich bislang gar nicht. Deine Statements gegen die Graue-Maus-Moralfeministinnen schätze ich sehr; du bist hier eine notwendige Stimme gegen deren journalistisches Hohheitsgebahren. Die „real existierende Benachteiligung von Frauen durch Männer“ sorry, hier denke ich. dass sich die Verhältnisse schon längst gedreht haben. Überall sind Frauen vorherrschend, in der Schule, im medizinischen Bereich, in der Justiz, alles ist von Frauen beherrscht. Männer existieren doch dort gar nicht mehr. Zum Thema Palästina finde ich die Bücher von Alan M. Dershowitz sehr interessant. Der Mann vertritt einen für mich ungewohnten Blickwinkel, den er zumindest schlüssig vorträgt.
    Kind Regards
    Waldstern

  3. kiezneurotiker schreibt:

    Es ist gut, dass du nicht für die Anzahl der Follower bloggst, denn wenn du dir die großen Blogs (abseits der reinen Politblogs, zugegeben) anschaust, dann wirst du sehen, dass sich kaum mehr einer traut, sich angreifbar zu positionieren. Gerade bei den auf allen Plattformen ganz doll vernetzten Bloggern liest man die Angst vor dem Twittershitstorm aus jeder Zeile heraus. Abgewogen. Niemandem weh tun wollend. Fade. Wachsweich. Ängstlich bis ins Mark.

    Ich stimme dir gelegentlich nicht zu, das ist richtig und vollkommen normal, denn umgekehrt ist das nicht anders. Das ist auch vollkommen in Ordnung. Warum immer weniger Menschen den Dissens verkraften, verstehe ich nicht. Dem Konsensterror unterliege ich seit jeher schon auf Arbeit, seit ein paar Jahren sind die Massenmedien in den Tenor eingefallen und seit neuestem weigern sich sogar Teile meines Freundeskreises, offen über bestimmte Themen zu reden, selbst abends beim Bier. Was ist da los?

    Im Nahostkonflikt gibt es zwei Seiten der Medallie, wie es immer ist. Du kannst gerne eine Seite einnehmen und ich werde deine Meinung dazu lesen, genau wie ich die andere Seite lesen werde („tapfer im nirgendwo“, um nur ein Beispiel zu nennen). Der Nahostkonflikt ist eines der wenigen Themen, zu denen ich tatsächlich keine Position einnehme, weil ich keine habe.

    tl;dr: Pfeif auf Statistiken und Follower. Mach weiter so.

  4. waswegmuss schreibt:

    Wie sagte mal ein Druse* zu mir: Das einzig wirklich große Problem im nahen Osten ist der Likud-Block.

    *Die Drusen sind auch so eine Religion/Volksgemeinschaft zwischen allen Stühlen. Dieser hochgebildete Mann ist auch geflohen und arbeitet jetzt als Verkaufsfahrer.

  5. MT schreibt:

    Was ich an Deinen Artikeln nie wirklich verstehe ist: woher nimmst Du Deine Meinung? Hast Du in Israel oder Palästina Verwandte? Lebst Du dort? Woher kommt Deine Meinung? Ich von mir selber kann nur sagen, dass ich weiß, dass ich gar nichts weiß, was dieses Thema anbetrifft. Ich bin mir sicher, dass die israelische Regierung nicht „eine reine weiße Weste“ hat, um das mal etwas naiv auszudrücken. Aber da ich von den Zuständen vor Ort und der dortigen Politik absolut keine Ahnung habe, würde ich mir eine Meinung dazu auch verkneifen. Und dass es immer Personen geben wird, die die existierende Politik kritisieren (ob zurecht oder nicht) ist ja wohl auch klar. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass viele Israelis mit der derzeitigen Politik nicht einverstanden sind. Es gibt aber auch bestimmt genügend, welche die Regierungsarbeit unterstützen. Und dass die Judenfeindlichkeit in Europa nur durch junge Muslime geschürt wird, die dabei die Zustände im Nahen Osten im Fokus haben, ist auch eine sehr steile These.

    Ich sag nicht, dass alles falsch ist, was Du von Dir gibst; ich verstehe nur nicht, wie Deine Meinung zu stande kommt. Immerhin ist es ja eine klare Position, die du vertrittst. Und so rein schwarz-weiß ist ja die Welt nun wirklich nicht.

    • sunflower22a schreibt:

      Liebe MT, du kannst zu Palästina eine Meinung haben, auch wenn du dort nicht lebst und keine Verwandten dort hast. So wie man auch zur Ukraine oder zum Iran eine Meinung haben kann. Aber natürlich, ich würde nicht so viel darüber schreiben wenn ich nicht einen persönlichen Bezug hätte. Ich habe als Jugendliche, als junge Erwachsene eine Zeitlang in Jordanien gelebt und viele Palästinenser kennengelernt. Im Gegensatz zu ihnen durfte ich auch in ihr Heimatland einreisen (wie pervers ist das, fand ich damals schon) und es mir ansehen, und ja, auch kritische Israelis habe ich dort kennengelernt. Viele von ihnen sind inzwischen nach Europa ausgewandert, weil sie ihr eigenes Land nicht mehr ertragen.

      und ja, das hat bei mir eine sehr tiefe emotionale Dimension. https://sunflower22a.wordpress.com/2014/06/23/in-memoriam/
      Es tut mir leid, objektiv mag das nicht sein. Aber authentisch.

      wenn du mehr wissen willst, https://sunflower22a.wordpress.com/2014/05/04/apartheid-antwort-auf-die-fragen-von-tikersherk/.

      • MT schreibt:

        Hallo sunflower, vielen Dank für deine ehrliche Antwort. Ich habe mich nur gewundert, da Du schon sehr emotional (wie ich finde) an das Thema rangehst. Ich selbst war noch nie in Israel oder Umgebung und kenne die „Zustände“ da nur aus den Medien. Und den meisten von denen traue ich nicht. Deswegen schrieb ich, dass ich davon keine Ahnung habe und so ein Thema nicht anpacken würde. Natürlich kann man zu politischen Themen eine Meinung haben, auch wenn man selbst nicht beteiligt ist. Jedoch ist das hier aus Deutschland oft sehr schwer oder gar nicht zu durschauen und den Alltag der Menschen kann man auch nur vor Ort erfahren. Ich kann ja ne Meinung zur israelischen Politik haben, trotzdem weiß ich im Endeffekt gar nichts, da ich immer auf Aussagen Dritter angewiesen bin. Deswegen habe ich nach deinem Bezug zum Thema gefragt. Jetzt kann ich das besser einordnen.

  6. Hermann Willaredt schreibt:

    Man kann und darf Israel kritisieren, wie man auch alles andere kritisieren kann und darf. Das menschliche Leid, dass sich uns täglich in vielen Ländern zeigt, nicht nur in Palästina, im Nahen Osten, sondern auf der ganzen Welt, hat jedoch immer auch Ursachen. Diese muss man untersuchen, ihnen auf den Grund gehen, sonst ergeben sich keine Möglichkeiten, etwas zu verändern. Im Falle des Dauerkonflikts Israel gegen grosse Teile der arabischen Welt, wozu auch die von den übrigen Nahost-Staaten diskriminierten Palästinenser gehören, es sei denn, sie leben in anderen Teilen der Welt, muss man sich auch die Geschichte in Erinnerung rufen. Diese besagt ganz einfach, dass nach den Beschlüssen des Völkerbundes und der UN-Versammlung ein Staat Israel und ein palästinensischer Staat entstehen sollte, was die arabische Welt abgelehnt und mit Krieg gegen Israel beantwortet hat. Nachdem diese einmalige Chance vertan wurde, sind viele Kriege und Angriffe geführt worden. Viele Staaten und Organisationen, um es einmal neutral zu formulieren, gehen das Existenzrecht Israels heute noch ab. Viele lehnen die Politik Netanjahus ab, zu recht, wie ich finde, und es ist auch wichtig, dass dies kommuniziert wird und in Wahlergebnissen Niederschlag findet. Ich würde mir jedoch wünschen, dass die auf Aggression basierenden Aktionen von Hamas, Hisbollah und anderen genauso und in den arabischen Staaten abgelehnt würden. Und ob Araber, Palästinenser und Menschen anderen Glaubens als dem Islam in Israel oder in den Nachbarstaaten freier leben können, darf man sich auch einmal fragen. Kritische Menschen, wie Uri Avery fehlen allenthalben.

  7. Anonymous schreibt:

    guter Text: zwei kleine Anmerkungen habe aber doch: 1. „kein halbwegs politisch korrekter Deutscher jemals auszusprechen wagen würde“, warum reitest du auf dem pc rum? 2. fürchte ich, dass der „Judenhass“ in Europa noch weitere Quellen hat, als alleine der importierte aus dem Nahen Osten. Zumindest sagen dies so einige Statistiken.

  8. rotewelt schreibt:

    Ich bin sicher, auch schon Follower verloren zu haben, weil ich öfter mal lästere über die Genderfrauen und kritische Worte zur israelischen Politik zu sagen. Man tut das nämlich nicht, wird in die konservativ-frauenfeindliche bzw. antisemitische Ecke gestellt. Manche Leser reagieren sehr empfindlich auf solche Worte, fühlen sich persönlich angegriffen und schießen entsprechend zurück, alles schon erlebt. Oder sie lesen nicht mehr mit, macht nix. Hauptsache, wir lassen uns nicht unsere persönlichen Meinungen verbieten.🙂 Danke für den guten Artikel!

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