Unfähige Eliten

In Griechenland sind die politischen und wirtschaftlichen Eliten offenbar unfähiger als in anderen europäischen Ländern. Sicher, die völlig außer Kontrolle geratenen Staatsfinanzen, der dysfunktionale Staatsapparat, der allzu offensichtliche korrupte Nepotismus – wir kennen das alles. Aber das meine ich nicht. Ich meine die letzte Wahl. Dass auf einen Schlag das gesamte alte Establishment abgeräumt wird, in die Bedeutungslosigkeit versinkt, das ist wie wenn in Deutschland die Linken mit einer Wahl eine Große Koalition abwählen und in die Opposition schicken. So etwas gibt es normalerweise nicht.

Ja, das ist ein Sieg von Syriza.  Der neue Premier Alexis Tsipras, ein sehr attraktiver und charismatischer Politiker, hätte das aber nie geschafft, wenn er es nicht mit so derart unfähigen Eliten zu tun gehabt hätte. Sie hätten die Austerität ein bisschen gerechter verteilen können. Den einen oder anderen Superreichen mal öffentlichkeitswirksam wegen Steuerhinterziehung anklagen können – der Freispruch oder das milde Urteil wäre sowieso erst nach der Wahl gekommen. Sie hätten einfach nur nach Spanien oder Portugal schauen müssen, die dortigen Eliten können das einfach besser. Bis jetzt jedenfalls.

Aber wer selbst dazu zu doof ist, na der hat es eben so verdient. Der hat einen Tsipras-Triumph verdient. Chapeau, Herr Tsipras, ich bewundere Sie.

Noch viel mehr bewundern werde ich Sie, wenn Sie jetzt noch cleverer sind als Sie es ohnehin sind. Indem Sie nämlich auch fähige, kompetente, zu allem bereite Eliten in die Knie zwingen, wie wir sie im Nordwesten Europas vorfinden. Neben den Reichen im eigenen Land sind die nämlich jetzt Ihre Gegner.

Es ist auffällig, wie ruhig die „Finanzmärkte“, das Säulenheiligtum des Casinokapitalismus, auf die Griechenland-Wahl reagiert haben. Es interessiert sie eigentlich nicht.

Kein Wunder. All die Gläubigerbanken, die sich an Griechenland verzockt hatten, sind die Schulden los. Mit Milliardensummen wurden private Schulden zu öffentlichen Schulden gemacht. Jetzt schulden die Griechen das Geld nicht mehr Credit Lyonnais und Deutscher Bank, sondern Deutschland und Frankreich. Deshalb ist den Finanzmärkten die Griechenkrise längst ziemlich egal.

Wenn Tsipras ernst machen sollte, haben die Finanzminister in Berlin und Paris ein Problem. Auch den Deutschen könnte das eigentlich egal sein. Ob sie ihre lächerliche Schuldenbremse nun 5 oder 7 Jahre später einhalten oder nicht, who cares. Wenn sie ihnen so wichtig wäre, könnten sie ja den Spitzensteuersatz oder die Unternehmenssteuern zur Abwechslung wieder erhöhen.

Aber so etwas muss man inszenieren. Wenn die Deutschen erst kapiert haben, dass ihr eigenes politisches Establishment keine Griechen gerettet hat, sondern deutsche Banken und deutsche Anleger, die erst deshalb so viel anzulegen hatten, weil deutsche Regierungen ihnen viel zu viele Steuersenkungen geschenkt haben, und dass genau deshalb sie, die Steuerzahler, nun blechen müssen. Damit wäre viel gewonnen. Vielleicht wären sie dann auch mal sauer auf ihre Mutti und all ihre Mitläufer quer durch die Parteien. Leider wären für Herrn Tsipras die Trantüten in den deutschen Oppositions-Parteien dabei keine Hilfe, sondern Teil des Problems. Dennoch: Herr Tsipras, wenn es Ihnen gelingen würde, das zu inszenieren, Sie wären der Held Europas. Dann brauchen wir nur noch ein paar mehr Leute wie Sie in anderen Ländern. Dann hätte Griechenland den Europäern ein zweites Mal die Demokratie geschenkt. Syriza heißt Hoffnung.

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Über sunflower22a

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5 Antworten zu Unfähige Eliten

  1. guinness44 schreibt:

    Man denke auch an die ganzen Privathaushalte. Statt das die Eltern die gemachten Schulden zurückzahlen und dafür den Urlaub streichen übernehmen einfach die Kinder und sagen der Bank, dass jetzt Schluss mit Sparen ist und die Eltern sowieso unfähig und doof. Und wenn die Banken dann jammern, dann kommen die Banken auch gleich weg.

    • duesselbarsch schreibt:

      Hä? Bitte etwas genauer erklären. Dann können Sie direkt die Zeichensetzung und Rechschreibung korrigieren. Vielen Dank.

      • guinness44 schreibt:

        Man übernehme die Ideen der neuen griechischen Regierung und führe sie für Privathaushalte ein. Wenn das in Griechenland funktionieren sollte dann müssen wir alle unsere Schulden nicht mehr zurück zahlen. Eine tolle Sache, oder?

        • sunflower22a schreibt:

          man könnte auch einen anderen Vergleich mit Privathaushalten anstellen. Nimm an, dein Nachbar verschuldet sich hemmungslos, und alle Banken wissen, das kann er nie zurückzahlen. Dennoch geben sie ihm immer neue Kredite. Irgendwann kann er nicht mehr zahlen, und dann stehen aber nicht die Banken vor einem, Scherbenhaufen, sondern der Staat übernimmt die Schulden, die der Nachbar sowieso nie zurückzahlen kann. Also müssen für die rücksichtslose Schuldenpolitik deines Nachbarn und seiner Banken plötzlich guinness44, sunflower22a, duesselbarsch und viele andere geradestehen, obwohl sie nichts damit zu tun hatten. Ist das okay? ich finde nicht. So ist es aber im Fall Griechenland.

  2. duesselbarsch schreibt:

    Schön, Sunflower auf der Seite der Optimisten zu sehen. Zumindest Lichtpunkte am Ende des Tunnels scheinen auch sichtbar zu werden. Zum Beispiel die Entwicklung von ‚Podemos‘ in Spanien.

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