Je suis Raif Badawi

Das erste Charlie Hebdo nach dem brutalen Massaker kann in einer Auflage von 3 Millionen heraus. Auf Seite 1 wieder eine Mohammed-Karikatur.  Ich finde, das waren 3 Millionen Eigentore. Ich verstehe es, wenn die Reste dieser Redaktion sagen, jetzt erst recht. So gesehen: gut gemacht. Aber ihr seid es dem Rest der Welt schuldig, nicht nur eure eigenen Gefühle zu sehen.

Warum karikiert ihr Mohammed? Wird das langsam zum Ritual? Reicht das jetzt langsam?

Damit die normalen Muslime auf der Welt, die das Massaker genauso schlimm finden wie alle anderen, nun Verständnis für die Killer entwickeln?`

Müsst ihr denen nun 3 Millionen Ohrfeigen verpassen?

Warum karikiert ihr nicht Osama Bin Laden? Den Killer-Kalifen des IS? Saudi-Imame? Die hätten es verdient. Mit denen wollen die allermeisten Muslime übrigens auch nichts zu tun haben. Wer die karikiert, kann sich der Sympathie vieler Muslime sicher sein.

Nein, Charlie, die karikiert ihr nicht. Warum?

Deswegen sage ich: Je ne suis pas Charlie.

Wollen wir die „übergroße, moderate Mehrheit der Muslime in Europa“ nun integrieren und auf unsere Seite im Kampf gegen die Salafisten ziehen, oder wollen wir sie immer wieder provozieren und in die Arme der Salafisten treiben? Wollen wir Unterwerfungsgesten von ihnen oder geben wir ihnen das Signal, wir kämpfen miteinander auf Augenhöhe für einen säkularen, demokratischen Staat? Ich brauche nicht dauernd Mohammed-Karikaturen und neue Provokationen, sondern ich möchte mehr Respekt für die friedlichen Muslime. Karikiert salafistische Eiferer, karikiert euch doch mal selber, karikiert wen ihr wollt, aber wenn ihr nicht daran denkt was ihr damit auslöst, seid ihr Autisten.

Charlie Hebdo hat mit seiner 3-Millionen-Ausgabe signalisiert: wir machen weiter. Das ist gut so. Aber sie haben auch signalisiert: wir machen so weiter wie vorher. Das ist nicht gut so.

Europa sollte über sein Verhältnis zum Islam, zu den Muslimen, zu den Islamisten nachdenken und vieles anders machen. Statt Muslime mit Mohammed-Karikaturen in die Arme der Salafisten zu treiben, wie es Charlie Hebdo mit großer Leidenschaft tut, sollten wir alle das Gegenteil tun. Tragen wir dazu bei, dass sich säkulare, demokratische und normale Muslime mit den Säkularen, Demokraten und Normalen anderer Religionen und Weltanschauungen solidarisieren.

Aber auch die Ignoranz und das Wegschauen gegenüber gewalttätigen Jihadisten und Salafisten muss aufhören, und das beginnt jetzt anscheinend. Gut so. Diese Typen haben in Freiheit  nichts verloren. Hier habe ich einen sehr guten Beitrag dazu gefunden: „Charlie Hebdo und das linke Appeasement – Die europäische Linke hat die islamistische Gefahr viel zu lange banalisiert.“ So ist es.

Aber auch: Demokratische, tolerante, säkulare Muslime in der islamischen Welt müssen viel mehr unterstützt werden.

Zum Beispiel Raif Badawi. Ein Blogger aus Saudi-Arabien, einer wie ich. „Raif started the Saudi Arabian Liberals, a blog where readers could openly discuss religion, politics and other topics in Saudi Arabia.”

RaifBadawi

Das Regime hat ihn dafür verhaftet, zu 10 Jahren Kerker verurteilt, und die wird er vermutlich nicht überleben. Er wurde nämlich auch zu 1000 öffentlichen Peitschenhieben verurteilt, so etwas kann niemand überleben. Jede Woche 50 Peitschenhiebe. Ein brutaler Justiz-Foltermord, in aller Öffentlichkeit. Seit 9.Januar.

In einem Land, das mit dem Westen verbündet ist, obwohl es von einer mittelalterlichen Islamistenclique regiert wird. Finanziert von der Ölsucht westlicher Länder.

Je suis Raif Badawi.

Für ihn marschieren keine 50 Staatschefs, keine 4 Millionen.

Er ist kein weißer Europäer, er ist nur ein Araber. Nur ein Muslim. Who cares.

Nicht einmal der Saudi-Botschafter fliegt raus, in keiner einzigen westlichen Hauptstadt.

Kein Embargo. Nichts.

Warum geben nicht in einer öffentlichkeitswirksamen Aktion 500 Promis ihre Spritschlucker-Autos ab und versprechen hoch und heilig, aus Protest gegen die saudische Öl-Diktatur kein Auto mehr zu fahren oder nur noch ganz kleine?

Warum fordert kein Politiker, in der aktuellen Ölschwemme die Einfuhr von Saudi-Öl zu verbieten?

Weil es ihnen egal ist. Demokratische, säkulare, liberale Muslime lässt der Westen allein. Sie wären unsere wahren Verbündeten.

Je suis Raif Badawi.

elisa-sednaoui-dellal-for-the-edit-june-2014-8

Euer Öldurst schmiert unsere Diktatur.

 

 

Über sunflower22a

I am a mystery.
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8 Antworten zu Je suis Raif Badawi

  1. westendstorie schreibt:

    An ihn dachte ich gestern auch lange. Bis gestern wusste ich gar nichts von ihm. Von Raif Badawi.😦 es gibt einfach zu viel was falsch ist.

  2. kalypso schreibt:

    mir ist diese art von satire auch echt zu viel.

    überspitzen ist das eine – derbe respektlosigkeit und geringe wertschätzung das andere.
    das da die „gegenseite dicht macht“ – ist verständlich.
    so entsteht kein gemeinsamenes miteinander.
    das ist alles andere als konstruktiv.

    ich glaube, da geht der schuß echt nach hinten los.

  3. Gerhard Mersmann schreibt:

    Wieder mal umwerfend klug!

  4. waswegmuss schreibt:

    Dieses Dauerbombardement mit Mohamed- und Jesuskarikaturen ist schlicht und einfach pubertärer Scheiß. Die burmesische Frau wurde enthauptet. Mit größtmöglichem Schmerz. Sie hat keinen Namen. http://www.ibtimes.co.in/saudi-arabia-publicly-beheads-burmese-woman-by-sword-woman-shouts-i-did-not-kill-i-did-not-kill-620619
    Wir bombadieren die Isis. Der Botschafter wird nicht einbestellt.

  5. Pingback: Lieblinks (2) | Wortmischer

  6. anonym schreibt:

    wie recht du doch hast

  7. Pingback: Je suis ohnmächtig | Punkgebete

  8. Tim schreibt:

    So lange unsere Wirtschaft auf fossilen Brennstoffen basiert, so lange wird auch die Politik gegenüber dem Nahen und Mittleren Osten – oder weiter gefasst, gegenüber „dem“ Islam – janusköpfig bleiben. Die Bundesregierung kann eben nicht glaubwürdig Saudi-Arabien für Menschenrechtsverstöße kritisieren, wenn sie diesem Regime gleichzeitig Panzer im Wert mehrerer Milliarden Euro verkauft. So lange wir deren Öl und die unsere Technik brauchen, bleibt auch die Bekämpfung des islamistischen Terrors eine einzige Heuchelei – immerhin sind einige der vom Westen am Intensivsten gestützten Regime (wie eben Saudi-Arabien, Katar etc.) die wichtigsten Finanziers dieser Terrorbanden.

    Jedes Mal wenn wir unser Auto volltanken unterstützen wir diese mittelalterlichen Regimes – da führt gar kein Weg dran vorbei. Am Ende ist das Halten unseres hohen Lebensstandards uns eben doch wichtiger als das Schicksal von Leuten wie Raif Badawi.

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