Café L‘Olympique

Ein wunderschöner Film aus Frankreich, den ich sehr empfehlen möchte. Der Plot ist eigentlich relativ banal, 50jährige Hausfrau bricht aus ihrem langweiligen Leben aus, nachdem bei ihrem Geburtstag alle Gäste samt Kinder und Ehemann absagen und sie alleine dasitzt. Sie landet im Café Olympique, einer abgerissen Touristen-Verpflegungsbude am Strand inmitten eines Industriegebiets, und den teilweise sehr skurrilen aber allesamt sehr herzlichen Charakteren die dieses Café betreiben. Eine Hommage an Menschen für die Solidarität mehr zählt als Eigennutz. Ein mürrischer, einsamer Wirt mit einem faible für Chansons von Jean Ferrat, der sich natürlich bald in Ariane verliebt. Ein alter Afrikaner, der von seinem früheren Job als Museumswärter träumt und Souvenirs verkauft. Ein koreanisches Paar, das in der Küche arbeitet. Ein Pseudo-Amerikaner, der Schriftsteller spielt und den niemand verlegt. Robert Guédiguian, bekannt als Regisseur der zauberhaften Amélie, hat daraus einen sehenswerten Film komponiert.

Zwei Szenen fand ich besonders schön: als Ariane nach 20 Jahren erstmals wieder an das Grab ihrer Mutter kommt, einer mit 50 Jahren früh gestorben Varieté-Sängerin. „Du hast nie viel Zeit für uns Kinder gehabt. Du hast immer getan, was du tun wolltest. Und du hattest recht.“

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Sehr anrührend auch die Szene, als sie Adrien zur Rede stellt, der seine angebetete Lola geschlagen hatte, weil er erfahren hat, dass sie ihren materiell sorgenlosen Lebensstil durch Sexarbeit finanziert. „Ich habe noch nie jemanden geschlagen, aber irgendetwas ist mit mir durchgegangen und dann habe ich zugeschlagen.“ –  „Was macht es aus, ein Mann zu sein? Ein Mann lässt sich nicht von irgendwas in ihm hinreißen, eine Frau zu schlagen. Marine ist wunderschön und hat ein gutes Herz. Mach keine Dummheit!“ Mit welch wunderbarem, sehr mitfühlenden Augenausdruck sie das gesagt hat, das hat mich berührt.

Europäer, ihr wisst gar nicht, was ihr an solchen Filmen habt. Marseille. Welch schöne Bilder einer schönen Landschaft und einer längst nicht immer schönen Stadt, keine einzige Schießerei, kein hektisches Gebrüll, kein Hollywood-Actionquatsch. Ich bin nur eine halbe Europäerin, aber auf solche Filme könnt ihr stolz sein. Oder soll ich sagen: Können wir stolz sein. Lasst euch das nicht kaputtmachen von irgendwelchen überflüssigen Freihandelsverträgen, mit denen Hollywood das alles plattmachen will. Schade dass so wenige Menschen in der Vorstellung waren. Schaut euch den Film an, und zwar am besten in einem unabhängigen kleinen Kino. Es gibt sie noch. Hoffentlich noch sehr lange.

 

Über sunflower22a

I am a mystery.
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Eine Antwort zu Café L‘Olympique

  1. Peter schreibt:

    Betonung liegt da wohl, leider, auf noch. Inzwischen wachsen die großen Kinotempel am Stadtrand bei den Shoppingcentern wie Pilze aus dem Boden und machen das Überleben für die kleinen „Traumfabriken“ immer schwerer. Bleibt zu hoffen, dass auch in Zukunft doch genug Menschen en Weg dorthin finden.

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