Sitzplätzchen

Die Lufthansa-Piloten streiken. Schön, hat mir eine nervige Dienstreise erspart. Ein anderesmal streikt die GDL, dann kündigt die Konkurrenzgewerkschaft an, auch zu streiken. Am Zielort Brüssel streiken sie zurzeit auch am laufenden Band. Nur die Taxifahrer, auf die ist noch Verlass. Noch. Wenn sie gegen Uber protestieren, steht wahrscheinlich auch bald ein Streik an.

Und dann sowas. Eine Mail von germanwings mit dem Betreff: ✈ Reduzierte Sitzplätzchen ab 33 EUR!

Ja, germanwings. Die Billigtochter der Lufthansa. Jetzt bieten sie schon Sitzplätzchen an, wahrscheinlich nur noch halb so breit, Kindersitze vielleicht, für die ganz Aufopferungsvollen, die für ein Schnäppchen sogar so etwas in Kauf nehmen. Die Bahn will die Bahncard abschaffen, jedes Dementi bestärkt mich nur in dem Glauben, ja in dem Wissen, dass es kommen wird. Sie wollen unbedingt ein genauso undurchschaubares Tarifsystem wie die Airlines, das wollte ein gewisser Herr Mehdorn schon einmal (genau der, der nach der Bahn auch noch Air Berlin an den Abgrund gewirtschaftet hat). Die privaten Interconnex-Züge von Leipzig nach Berlin werden auch eingestellt, obwohl sie ein Musterbeispiel von gutem preiswertem Service sind.

Angeblich sind die neuen Konkurrenten der Fernbusse schuld, bei den Bahnen. Bei den Fernbussen machen auch schon die ersten pleite. Sie konkurrieren sich gegenseitig zu Tode, mit unrealistischen Superbilligpreisen. Bei der Lufthansa sind es die globalisierten Konkurrenz-Airlines, man wird angeblich zerquetscht zwischen den im Geld schwimmenden Golf-Staatsairlines und den europäischen Billigfliegern.

Reisen macht keinen Spaß mehr. Früher habe ich mich auf das Reisen gefreut, jetzt freue ich mich über jede ausgefallene Reise. Es ist nur noch stressig und nervend. Reisen könnte so schön sein. Du könntest in modernen, sauberen, zuverlässigen Zügen bequem reisem und entspannt ankommen. Du könntest auch im Flugzeug ungefähr so bequem reisen wie noch vor 20 Jahren. Da gab es noch keine Billigflieger. Heute ähneln Flughäfen immer öfter Flüchtlingslagern. Du gehst in einen Flughafen nicht mehr um zu reisen, sondern um dich transportieren zu lassen. Das ist ein Riesen-Unterschied, nicht nur für dich, sondern es ist vor allem ein Kultur-Unterschied. Man hat mal die Privatisierung der Bahn damit begründet, dass du damit vom „Beförderungsfall“ zum „Kunden“ wirst. Heute bist du längst wieder ein „Beförderungsfall“. Weil du es selber so willst, weil du nicht bereit bist, mehr für deinen Transport zu bezahlen als den Preis für den Transport eines Pakets. Dann wirst du eben transportiert.

Geiz ist geil. Diese Mentalität macht alles kaputt. Wie man mit Privatisierung und Shareholder Value Eisenbahnen zerstört, haben die einst führenden Eisenbahn-Nationen USA und UK vorgemacht. Eisenbahnen dort sind heute auf dem Niveau eines Entwicklungslandes. Warum eine 100% in Staatsbesitz befindliche Deutsche Bahn bei ihrer Jagd nach Profit sich genauso benimmt wie eine Hegdefonds-Heuschrecke, die nach einer feindlichen Übernahme den eigenen Betrieb gnadenlos auszehrt und die Infrastruktur auf Verschleiß fährt, ist ein deutsches Geheimnis. Ich verstehe es nicht. Der Finanzminister will von der Bahn 500 Millionen Gewinnabführung im Jahr sehen. De facto eine Steuer auf Bahnfahren. Kein Wunder, dass nichts mehr klappt, die Infrastruktur verkommt  und auch das Betriebsklima nicht mehr stimmt. Wenn sich Mitarbeiter sarkastisch öffentlich über den eigenen Laden lustig machen: „Wir erreichen jetzt Hannover Hauptbahnhof, unsere Verspätung beträgt zurzeit 20 Minuten, Ihre Anschlüsse erreichen Sie selbstverständlich auch diesmal nicht mehr.“ Sowas ertönt als offizielle Durchsage im ICE. Solche Mitarbeiter haben innerlich längst gekündigt. Für einen Dienstleister ist das Gift.

Die Geiz-ist-Geil-Mentalität der Kunden und die Shareholder Value-Mentalität der Konzerne zerstört unsere Kultur. Sie macht Reisen zur Qual, für die Kunden, aber zunächst noch mehr für die Beschäftigten. Sie müssen es zuerst ausbaden. Ihre Streiks sind berechtigt, aber sie verschlimmern mit ihrer Häufigkeit die Misere noch. Als ich nach Germany kam, beeindruckte mich das Konzept der „öffentlichen Daseinsvorsorge“. Es wird scheibchenweise geopfert. Ich glaube, nur die Schweiz hat das wirklich noch so wie es früher in Deutschland war. Bahnfahren in der Schweiz ist ein kulturelles Erlebnis. Ich kenne die politische Ökonomie der Schweizer Bahnen nicht, aber sie arbeiten bestimmt nicht profitorientiert. Dahinter steckt bestimmt eine öffentliche Hand, die nicht die Wahnsinnsidee hat, mit Shareholder Value-Ideen eine Bahn betreiben zu wollen, sondern die das als selbstverständlichen Auftrag der öffentlichen Hand betrachtet, einen qualitativ guten, zuverlässigen und preiswerten Bahnverkehr zu gewährleisten. Das tun sie mit Erfolg. Es überträgt sich auf die Kunden, du reist in Schweizer Bahnen noch, und wirst nicht transportiert. Wahrscheinlich würden die Schweizer Wähler sich rächen, wenn irgendwer im neoliberalen Wahn daran rütteln würde.

Leider versteht das niemand. Ich komme mir so altmodisch vor, mit diesen Ansichten. Das ist ein neues Gefühl für mich.

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Diese Fahrzeuge sind auch keine Alternative.

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5 Antworten zu Sitzplätzchen

  1. Matthias Eberling schreibt:

    Du sprichst mir aus dem Herzen. Da ich weder Auto noch Fahrrad besitze, bin ich auf die Bahn angewiesen. Aber Zugreisen machen nur noch in der Schweiz und in Japan Spaß. Shinkansen – pünktlich, geräumig, bequem, niemand muss stehen, keiner ist genervt … ein Traum!

  2. anonym schreibt:

    Sorry es ist eben nicht die „Geiz-ist-Geil-Mentalität der Kunden“ sondern das Profit machen ohne Gnade. Es gab in DE mal den Grundsatz, dass Grundbedarfsbetriebe nicht Profitorientiert dein dürfen. Das klappte viele Jahre aber jetzt ist das vorbei.

    Maximal Profit klappt nicht mit Investitionen.

  3. Andy schreibt:

    Vielen Dank für Deinen Beitrag. Und noch ein Beispiel: Hier im Landkreis Konstanz fährt der „Seehas“, eine Regionalbahn, die als Tochterunternehmen von der Schweizer Bahn in Deutschland betrieben wird. Das Reisen mit diesem Regionalzug ist ein Genuss: Immer sauber und pünktlich. Und ganz wichtig: Man fühlt sich nicht wie ein Mensch „Zweiter Klasse“! Diesen Eindruck vermitteln nämlich (unbewusst) die deutschen Züge. Neulich musste ich auf den Regionalzug der Deutschen Bahn ausweichen. Es war die Hölle! Dreckig und vermüllt ohne Ende. Zusätzlich war der klapprige Zug, weil absolut heruntergekommen, noch sehr nervig laut und ohne richtige Heizung. Ich hatte nur einen Gedanken: Hoffentlich komme ich bald zu Hause an! Das bedeutet also Reisen im 21. Jahrhundert?

  4. pantoufle schreibt:

    Eine wahre Beobachtung! Diese Feststellung hat mich vor Jahren dazu gebracht, jede nur immer mögliche Dienstreise (und privat verreise ich grundsätzlich nicht) mit dem Motorrad zu machen. Nach einigen Erfahrungen meines Arbeitgebers, daß ich oft der einzige war, der pünktlich erscheinen konnte, hat man sich mit diesem Zustand schnell angefreundet. Sie zahlen mir Öl und Sprit, gelegentlich einen »Wartungsbonus« und sind im übrigen der Meinung, dabei billig wegzukommen.
    Ich für meinen Teil habe wunderbare Reisen quer durch Europa und werde dafür auch noch bezahlt. Flugzeug? Nur, wenn es sich absolut nicht vermeiden läßt. Es sind ja nicht nur die Kindersitze, sondern die Vorverurteilung als Terrorist, die einem jeden Flug verhagelt.
    Die Bahn? Der Rekord diesen Sommers war die Fahrt meiner Kollegen, die für die Strecke München – Zürich ca. 11 Stunden brauchten. Mein Boss war ziemlich froh, daß ich auf zwei Rädern den Rettungshubschrauber spielen durfte (mit Extraprämie!🙂 )

  5. Voll anonym schreibt:

    Ach je, da möchte jemand die gute alte Zeit zurück. Warum? DIe Bahn ist ein hochmodernes System das einen sehr bequem von A nach B befördert.
    Man kann auf der Webseite Verspätungen sehen (die Bahn ist verdammt pünktlich), die Züge sind leise und schnell das Kursbuch hat ausgedient und wer für Fahrkarten gern ansteht kann das immer noch die Bahn hat dafür extra ein paar Reisezentren stehen lassen. .

    Für Nostalgie gibt es die Museumsbahn und wer für die alten Komfort will kann Business fliegen (inkl Lounge). Das gebashe ist auch immer das gleiche war auch zu Zeiten der Staatsbahn nicht anders.

    Was hab ich grad gelesen? Das Drama des verwöhnten Kindes und so jung wie Tit.. vor Sonneblume suggeriert kann Madame auch nicht mehr sein. Wenn Sie die „gute alte Zeit“ miterlebt haben will.

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