Heldinnen: Tugce Albayrak

Tugce Albayrak war eine Heldin. Ja, eine Heldin. Deutsche mögen diesen Begriff nicht. Sie haben eine spezielle Vergangenheit, deswegen mögen sie keine Helden. Auch keine Heldinnen. Aber in der Türkei stellt sich diese Frage nicht. Tugce war eine Heldin. In der Türkei bewundert man sie. Tugce war eine Heldin, die die Deutschen beschämen sollte.

Sie zögerte nicht, als sie Hilferufe hörte, zu helfen. Eine Frau gegen einen Mann. Eine Frau gegen das gefährlichste Raubtier der Erde, nämlich einen 18jährigen vorbestraften Intensivtäter. Körperverletzung, Einbrüche, Diebstähle, und so weiter – und dennoch auf freiem Fuß. Typisch Deutschland. Was macht so jemand in Freiheit?

Er tötete Tugce danach. Vielleicht aus Versehen, aber das ist im Ergebnis egal. Es ist diese Brutalität, um die es geht. Sie wird in Deutschland toleriert, man nimmt ihre Opfer billigend in Kauf. Tugces Tod ist das Resultat dieser überzogenen Toleranz. Der Mainstream der deutschen Öffentlichkeit hält das für normal. Ich nicht.

Der Tod der Offenbacher Studentin Tugce Albayrak hat auch den Gangsta-Rapper Aykut Anhan alias Haftbefehl, 28, in eine Krise gestürzt. Er kenne die Familie des Opfers, sagt Anhan. „Der mutmaßliche Täter, offensichtlich ein Haftbefehl-Fan, soll kurz vor der Tat ein selbst gemachtes Foto des Rappers auf seine Facebook-Seite hochgeladen haben. „Ich musste lange nachdenken, ob ich diese Musik so weitermachen kann“, sagt Haftbefehl. Am Freitag vergangener Woche ist „Russisch Roulette“ erschienen, das neue Album des Künstlers.“

Es war wohl zuviel verlangt, dass Mister Haftbefehl sein Geschäftsmodell in Frage stellt. Er macht weiter. Er wird weiter Typen motivieren, inspirieren, begeistern, die ihre Brutalität ausleben wollen. Alles legal. Alles egal.

Diese Brutalitäts-Glorifizierung ekelt mich an. Die Hassfantasien junger Männer, die gibt es überall, aber die selbstgerechte Gleichgültigkeit einer sich für „linksliberal“ und „progressiv“ haltenden Öffentlichkeit gegenüber solchen Typen, das ist die hässliche Seite Deutschlands. Das ist nicht progressiv, das ist menschenverachtend.

140,000 Menschen haben eine Online-Petition unterschrieben, Tugce posthum das Bundesverdienstkreiz zu verleihen. Von diesem Stück Blech hat Tugce nichts mehr. Ich habe die Petition nicht unterschrieben. Eine Petition, 18jährige Intensivtäter nicht mehr auf die Menschheit und auf Tugce loszulassen, sondern sie bei Gewalttaten schnell und zuverlässig und langfristig hinter Gittern zu bringen, die hätte ich unterschrieben. Sie wäre chancenlos in diesem Land.

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Über sunflower22a

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8 Antworten zu Heldinnen: Tugce Albayrak

  1. waswegmuss schreibt:

    Ein weiterer Aspekt kommt noch mit dazu: Die ganzen Gelder für Streetworker, Sozialarbeiter etc., die diese brandgefährliche Gruppe in die Spur zu bringen versuchte wurden rigoros zusammengestrichen – unter Roland Koch.
    Seither haben wir in Rhein-Main richtig Spaß mit diesem Drecksgesindel.

  2. Tim schreibt:

    Du bist also der Meinung, dass das US-Justizsystem mit seinen drakonischen Strafen schon bei Jugendlichen bessere Ergebnisse produziert? Ich weiß ja nicht wie es Dir geht, aber ich möchte nicht in einem Land leben, wo Mord und Totschlag nur zu einer Randnotiz in den Lokalnachrichten taugt.

    • sunflower22a schreibt:

      Das ist doch demagogisch, und das weißt du. Ich unterscheide zwischen Ladendiebstahl und Totschlag. Das US-Justizsystem ist das eine Extrem, drakonische Strafen für alles, und das deutsche Justizsystem ist das andere – symbolische Strafen für alles, wenn überhaupt. Es gibt zum Glück auch noch andere Länder als USA und Deutschland, nämlich sehr viele wo gewalttätige Intensivtäter behandelt werden als das was sie sind, nämlich eine Gefahr für dich und mich, und Ladendiebstähle nicht drakonisch bestraft werden. Eigentlich die meisten Länder Europas, abgesehen von Deutschland.

      • Tim schreibt:

        Nenn‘ doch mal ein Beispiel eines solchen Landes in Europa (mit vergleichbarer Bevölkerungsstruktur, v.A. Einwandereranteil) und seiner Kriminalitätsraten bei Gewaltkriminalität. Behaupten lässt sich nämlich viel.

        Frankreich zum Beispiel, dessen Justizsystem deutlich härter ist als das Deutsche, weist ebenso wie auch das Vereinigte Königreich eine 25 % höhere Mordrate gegenüber uns auf.

        Lange Gefängnisstrafen und harte Haftbedingungen produzieren gesellschaftliche Folgekosten, die deutlich höher sind, als rechtzeitig präventive Maßnahmen, z.B. durch die von waswegmuss angesprochenen Sozialarbeiter, Streetworker und Therapeuten, aber auch durch eine bessere Vernetzung mit Jugendämtern, Justiz und Polizei. Diese findet in Deutschland immer noch kaum statt, weil es an Organisation, Geld und Personal massiv mangelt in unserem neoliberalen schlanken Staat. Einem Staat in dem sogar Kleinkinder von ihren Eltern über Jahre bis zum Tod geprügelt werden (siehe Jagmur), ohne dass den überforderten Ämtern etwas auffällt. Einem Staat, in dem es, anders als bei Erwachsenen, immer noch keine verbindlichen Standards im Jugendstrafrecht gibt. Was den absurden Effekt hat, dass Gewalttäter gerade zu Beginn ihrer Karriere, wenn sie noch am Besten therapierbar sind, kaum mit entsprechenden Programmen in Kontakt kommen, weil die Länder dazu nicht verpflichtet sind und sich vor den Kosten drücken.

        Sprich mal mit ein paar Sozialarbeitern, diese Menschen haben einen der wichtigsten Berufe überhaupt, sind mies bezahlt und müssen jedes Jahr um ihre Zuschüsse kämpfen. Bevor wir nun den Law and Order Staat ausrufen und junge Menschen für Jahrzehnte in den Knast stecken, sollten wir hier vielleicht endlich einmal ansetzen und mehr Geld in die Hand nehmen. Für nonsense den niemand braucht, wie Elbphilharmonien und Stadtschlösser, wird schließlich auch Geld en Masse rausgeworfen.

  3. Ronald.Z schreibt:

    Hier finde ich die Beiträge von Hadmut Danish zwar verstörend aber auch erhellend. Tugce mag zwar eine Heldin gewesen sein, aber es geht hier nicht um Frau gegen Bestie Mann sondern um Mensch vs. versagendenden Rechtsstaat.
    http://www.lmdfdg.com/?q=Daniel.+S+Kirchweyhe
    http://www.lmdfdg.com/?q=Jonny+K.

    • Tim schreibt:

      Sunflower lässt es sich bei nahezu jedem Artikel dieser Art nicht nehmen, mehrmals das Geschlecht der Täter zu benennen, was dann doch ein wenig an die feministische Phantasie des Tätergeschlechts erinnert.

      Ich kann mit dieser biologistischen, ahistorischen Erklärung von Gewalt nichts anfangen, denn Gewalt entsteht nicht im luftleeren Raum. Die Mordrate in Deutschland liegt Heute auf einem Hundertstel des Standes von anno 1700, der Anteil der Männer an der Gesamtbevölkerung ist aber gleichgeblieben. Wenn man berücksichtigt, dass Jungen auch Heute noch deutlich häufiger und härter von ihren Eltern geschlagen werden als Mädchen, dass sie weniger körperliche Zuneigung erfahren und von Anfang an auf Internalisierung von Schmerz und Aggression gedrillt werden („ein Indianer kennt keinen Schmerz“), dann verwundert es einen weit weniger, wenn manche von ihnen zu Erwachsenen werden, die Probleme mit den Fäusten oder dem Messer in der Tasche lösen. Das entschuldigt nicht ihre Taten, denn jeder Mensch ist voll verantwortlich für seine eigenen Entscheidungen. Es liefert aber eine Erklärung dafür, wieso sie so handeln, und was wir als Gesellschaft tun können, um die Ursachen von Gewalt zu bekämpfen. Menschen wegzusperren ist nie mehr als eine temporäre Lösung, da sie irgendwann eben wieder unter uns weilen.

      Gewalt wird durch Armut und Lieblosigkeit ausgelöst, durch kaputte Familien und abwesende Väter, durch archaische Rollenmuster der Herkunftsländer, durch Perspektivlosigkeit, durch einen Mangel an Lebenschancen und Chancen, Selbstwertgefühl aufzubauen. Behält man das im Kopf, verwundert es gar nicht, dass so eine Tat nun gerade in Offenbach passierte, einer der ärmsten und einwanderer-reichsten Städte Deutschlands mit seinem extrem hohen Anteil an Sozialhilfeempfängern und Ausländern. Hier trafen in Gestalt von Tugce und dem mutmaßlichen Täter zwei Einwanderergeschichten zusammen – die eine erfolgreich, die Andere gescheitert.

  4. Pingback: Zwei Jahre | sunflower22a

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