Beklemmung

Sparen, rationalisieren, und vor allem Personal wegrationalisieren – das sind die heiligen Kühe von heute. Sie sind ein Irrweg, sie bringen uns am Ende alle ins Elend.

Ein vollautomatisches Hotel. Auch das ist schon Realität. Online gebucht, kommst du an ein Hotel, da ist nicht etwa eine schöne Rezeption mit einer einladenden Lounge, weit gefehlt. Eine kalte, seelenlose Tür an einem kalten, seelenlosen Bürogebäude mit einem Automaten, in den du deine Kreditkarte einsteckst. Die Tür öffnet sich, ein Bildschirm erklärt dir, wo dein Zimmer ist und spuckt eine Plastikkarte aus. Dein Zimmerschlüssel. Mit einem Aufzug fährst du in den 6.Stock, ein menschenleerer Flur, dunkelgrauer Boden, kalkweiße Wände, deine Zimmertür, Chipkarte rein, und dann findest du ein Zimmer, grauer Boden, kalkweiße Wände, kein Bild an der Wand, kein Badezimmer sondern eine „Nasszelle“ (no other language than German can invent such a word), 100% funktional, 0% Wohlfühlfaktor. Knast oder Hotel? Immerhin, keine vergitterten Fenster.

Beklemmend wird es beim Frühstück. Leider muss ich sehr früh raus. Der Frühstücksraum ist im 5.Stock. Schlaftrunken wandele ich die Gänge entlang und suche den Aufzug. Um drei Ecken finde ich ihn. Eine Treppe in den 5. Stock scheint es nicht zu geben.

Im Frühstücksraum – gähnende Leere. Aber ein Frühstücksbuffet. Das müssen Menschen hier hergestellt haben. Das können Maschinen noch nicht, glaube ich. Kaffee aus dem Automaten. Orangensaft aus dem Automaten. Milch aus dem Automaten.

Ich setze mich. Dann kommt der erste Mensch herein, den ich in diesem Hotel sehe. Ein sinister daherschauender Typ, der mich mit bohrendem Blick fixiert. „Guten Morgen“ sage ich, er erwidert nichts. Er setzt sich an den Nachbartisch, holt sich kein Frühstück. Glotzt mich an.

Unwillkürlich schaue ich aus dem Augenwinkel nach, ob es hier Überwachungskameras gibt. Scheinbar nicht.

Mir wird zunehmend unheimlich. Der Typ verfolgt jede meiner Bewegungen.

Soll ich schnellstens verschwinden?

Nein, das sehe ich nicht ein. Ich habe ein Recht auf mein Frühstück.

Welche Dummheit. Jetzt kannst du noch abhauen.

Überraschung. Der Typ holt sich einen Kaffee. Nur das. Und lässt mich nicht eine Minute aus den Augen.

Ich habe mal einen Karatekurs gemacht. Aber nicht morgens um 6.

Wenn ich jetzt abhaue, folgt er mir bestimmt. Vor dem Aufzug kriegt er mich. Kein Aufzug kommt sofort.

Kann denn nicht endlich mal jemand anders dazu kommen?

Ich nehme das Smartphone, tue so als würde ich eine Nummer wählen und mache ein Pseudo-Telefonat. „Schatz, ich bin noch in diesem Hotel, ein menschenleeres Loch, im Frühstücksraum. Ich rufe dich gleich wieder an, wenn ich rausgehe, ja?“

War das clever? Anscheinend. Der Typ lässt mich zum ersten Mal aus den Augen und geht zum Frühstücksbuffet.

Ich bin fertig. Nichts wie weg. Nie wieder automatisches Hotel ohne Menschen.

A0060

Über sunflower22a

I am a mystery.
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3 Antworten zu Beklemmung

  1. kultgenosse schreibt:

    ein Ort für einen Horrorfilm.

  2. kormoranflug schreibt:

    Jetzt bist Du verloren….hi hi. Ist ja auch halloween.

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