Die Verachtung der Städter für das Land

Meine liebe Freundin C. ist auf das Land gezogen. Nicht ins Umland. Richtig aufs Land. Immer wenn ich sie besuche stelle ich fest, wie sie sich seitdem verändert hat. Sie verändert auch mich immer mehr, wenn ich mit ihr stundenlang diskutiere, es färbt ab. Auf mich, das Großstadtkind. Mein ganzes Leben habe ich in big cities verbracht. Ich liebe sie. Nirgendwo anders könnte ich leben.

Aber ich merke allmählich, was sie anrichten. Sie, die Großstädter, Leute wie ich. Billiges Essen. Das ist der Dreh- und Angelpunkt, um Großstädter – vor allem Hauptstädter – bei Laune zu halten, um Wahlniederlagen, Volksaufstände, Revolutionen zu verhindern. Weltweit.

Aber den Preis dafür zahlt das Land, die Landwirtschaft, die Bauern. Landbewohner, die keine Perspektive mehr haben und dann auch in die Stadt ziehen. Bauernhöfe, die aufgeben, weil sie wirtschaftlich kaputt gemacht werden. In den Agrarsteppen Ostdeutschlands bekommen Agrar-Investoren das Land der bundeseigenen „Boden-Verwertungs- und Verwaltungs-Gesellschaft“, BVVG. Sie bieten am meisten. Der kleine Bauernhof kann nicht mithalten.

Konsequenz: Die Agrarindustrie übernimmt das Land, investoren- und renditegetriebene kapitalistische Firmen ohne Bezug zu dem Land, das sie übernehmen. Tausende Hektar Monokulturen in der Hand weniger proftorientierter Fonds.

Damit übernehmen sie auch uns. Sie verwandeln ehemals blühende, vielfältige Landschaften, für viele Menschen die Heimat, in Agrarmonokulturen. Quadratkilometerweise derselbe Landbesitzer oder –pächter, dieselbe Monokultur, hochmechanisiert, mit so gut wie keinen wirklichen Arbeitsplätzen mehr. Ob Bio oder nicht, spielt längst keine Rolle mehr – die Strukturen sind immer mehr dieselben. Mit der Vielfalt stirbt die Identität einer Region, sie hört auf Lebensraum zu sein, Heimat zu sein. Sie wird austauschbare Produktionsfläche.

Was wir heute mit unserer Geiz-ist-geil-Billigfraßkultur machen, beispielsweise so etwas wie hier, ist die nackte Verachtung der Arbeit der Bauern. Sie kämpfen um ihre wirtschaftliche Existenz, während sich die Ernährungsindustrie und der Handel die Renditen in die Taschen stopfen. Die soziale Spaltung, die zunehmende Armut sorgt dafür, dass Millionen auf  billiges Essen angewiesen sind – Geiseln der Agrarindustrie für die Ausbeutung und Vernichtung bäuerlicher Landwirtschaft und eigenständiger Perspektiven für ländliche Räume. Wir sind an dem Punkt, wo die brutale Ausbeutung osteuropäischer Migranten auf Feldern und in Schlachthöfen gerechtfertigt wird mit der Notwendigkeit, Essen muss billig sein. Billiger als in jedem anderen Land Europas. Deutschland, das Land der übelsten Dumpinglöhne in den Schlachthöfen.

Wir müssen das Stadt-Land-Verhältnis neu denken. Der Schlüssel dazu ist das Essen – der Preis des Essens, der Ausdruck unserer Wertschätzung der Arbeit der Bauern. Die Realität heute ist: die Verbraucher in den Städten verachten die Bauern, verachten den Wert ihrer Arbeit und ihrer Erzeugnisse. Nicht moralisch, nein, sondern mit dem Geldbeutel. Wir wollen gutes Essen, Mindestlöhne in der Landwirtschaft, keine Tierquälerei – aber nichts dafür bezahlen. Das ist verlogen.

Liebe C., ich danke dir, das habe ich jetzt verstanden.

Und ich habe verstanden: Wenn wir das nicht angehen, haben wir nichts verstanden.

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Schmeckt es nicht wunderbar, der Billigfraß?

Über sunflower22a

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3 Antworten zu Die Verachtung der Städter für das Land

  1. Jens schreibt:

    Es sind nicht nur die Städter, die mit ihrem Geldbeutel die Arbeit der Bauern nicht wertschätzen. Es sind auch – gerade in strukturschwachen Regionen – die Landbewohner selbst. Versuch einfach mal ausserhalb des Speckgürtels deiner aktuellen Heimat irgendwo gutes Essen zu bekommen. Du wirst dafür wirklich kämpfen müssen. Wie überall in der Republik sind das neueste Smartphone, das (finanziell) deutlich zu grosse Auto und andere, leicht verfügbare Ersatzbefriedigungen deutlich wichtiger, sodass am Ende kein Geld für gutes Essen übrig bleibt. Ich vermeide dabei ganz bewusst das Wort „Bio“, denn das spielt meiner Meinung nach nur eine untergeordnete Rolle.

    Sicherlich handelt es sich bei obigen auch um ein Nord-Ostdeutsches Phänomen. Aber gerade dort ist es sehr ausgeprägt. In der Konsequenz ist gutes Essen in der Region, in der es produziert wird, nicht verfügbar. Es lohnt sich einfach nicht, es dort anzubieten.

    Insgesamt ist das „Problem“ aber deutlich komplexer als das, was du und ich dazu schreiben. Der Geldbeutel und die Industrialisierung der Landwirtschaft sind eher Symptome als Ursachen, die ich vor allem bei Veränderungen des Konsum- und Ernährungsverhalten und auch der Werte der westlichen Gesellschaft verorte.

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