Reclaim the streets

In einigen Straßen, in denen ich oft bin, findet in letzter Zeit ein interessanter Verdrängungsprozess statt. Nein, ich meine jetzt nicht die Gentrifizierung. Es geht um die Straße als Raum. Die Fußgänger erobern langsam aber sicher verlorengegangene Flächen von den Autos zurück. Wenn Gehwege schmal sind, sie umsäumt sind von lückenlosen Reihen von Blechboxen auf 4 Rädern, und sich auf den schmalen Gehwegen die Fußgänger drängeln, dann weichen sie einfach immer öfter auf den breiten Raum in der Mitte der Straße aus, in dem rollende Blechboxen in erster Linie zu dem Zweck unterwegs sind, einen Parkplatz zu suchen.

Immer öfter beobachte ich Autos, die hinter seelenruhig spazierenden Fußgängern auf der Straße hinterherschleichen. Immer öfter gehöre ich auch zu diesen Fußgängern. Das Hupen haben die Autofahrer längt aufgegeben. Sie fügen sich in ihr Schicksal, den Straßenraum nicht mehr nur mit den Radfahrern, sondern auch den Fußgängern teilen zu müssen. Sicherlich überlegen sie, ob sie nicht anders schneller vorankommen können als mit dem Auto. Vielleicht haben sie auch den Gedanken längst aufgegeben, schnell vorankommen zu müssen, und betrachten die Welt gemütlich dahinschleichend aus ihrer Blechbox.

Was auch immer. Immer mehr geht mir die Masse an überall herumstehenden, fast nie bewegten Blechboxen auf vier Rädern auf die Nerven. Sie stehen mir im Weg. Ihre ästhetische Hässlichkeit beleidigt meinen Sinn für eine schöne Umgebung. Gegen einige wäre nichts einzuwenden, ihrer derart massive Präsenz nervt. Wozu braucht ihr alle diese Kisten? Teilt sie euch doch. Jeremy Rifkin sagt, ein Car-Sharing-Auto ersetzt 15 andere in Privatbesitz. Nur noch ein Fünfzehntel davon in den Städten, wie schöner könnten diese Städte sein.

Kürzlich fand der internationale Parking Day statt. Seit 2005 gibt es das, eine Erfindung aus San Francisco. Despite all the German greenery, I can proudly say: this is an American invention.

Bei diesem globalen Event nutzen Menschen öffentliche Parkplätze am Straßenrand für alles mögliche – aber nicht um Autos abzustellen. Sie setzen sich um einen Tisch und trinken Kaffee oder essen Eis. Sie errichten Hängematten zur freien Benutzung. Sie stellen Fitness-Geräte auf und laden zur Benutzung ein. Sie grillen. Sie stellen große Pflanzen in Kübeln hin. Oder sie stellen ihren Wäscheständer auf. Irgendwas. Tausend gute Beispiele gibt es hier. Alles völlig legal, die Nutzungsgebühren (gemeinhin Parkgebühren genannt) werden für die Dauer des Events bezahlt.

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An so einem Tag verwandelt sich eine langweilige Straße in eine viel lebendigere, schönere Straße.

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Ich möchte, dass immer Parking Day ist. So wie es früher war, bevor die Autos kamen. So wie es in vielen ärmeren Ländern noch bis heute ist, weil nicht so viele Autos überall den Platz wegnehmen und im Weg stehen.

Lebendigere Städte heißt weniger Autos, nicht nur weil die Autos zuviel Platz klauen sondern weil sie die Menschen in die Vereinzelung treiben. Wenn du isoliert in einer Blechbox sitzt, sprichst du mit niemandem, nimmst deine Außenwelt nur als „die da draußen“ war. Lasst uns immer Parking Day machen. Was am Ende dabei herauskommen kann, zeigt das niedersächsische Bohmte hier. Die haben einfach alle Verkehrsschilder abgeschafft, alle Verkehrsflächen gehören allen, mit oder ohne Fahrzeug. Spannend.

Lacey55

Raus aufs Land – dafür ist ein Auto gut

Über sunflower22a

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Eine Antwort zu Reclaim the streets

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