Angst vor der eigenen Courage

Schottland hat abgestimmt. Die Angst vor der eigenen Courage hat gewonnen. Oder die Vernunft. Man kann es so sehen oder auch anders. Wenn zwei Drittel der Schotten in ihren eignenen Parlamentswahlen die Scottish National Party wählen, aber 55% letztlich doch nicht unabhängig werden wollen – was heißt das?  Die rationale Erklärung lautet: sie haben optimal taktiert und bekommen maximale Zugeständnisse, aber gehen kein Risiko ein. Die psychologische Erklärung lautet: sie wollen die Unabhängigkeit, sie trauen sich aber (noch) nicht weil das ein zu riskantes Unternehmen ist.

Nichts davon ist wohl 100% richtig und nichts davon ist 100% falsch. Es liegt bestimmt irgendwo dazwischen. Wäre ich Schottin, ich hätte bestimmt für die Unabhängigkeit gestimmt. Allein schon um dem blasierten Westminster-Establishment eins auszuwischen. Allein schon, wenn ich höre, an der Londoner Börse herrscht Alarmstimmung, „die Anleger fürchten die schottische Unabhängigkeit“, das reicht mir schon um für die Unabhängigkeit zu stimmen. Mag sein dass das irrational ist. Aber diese Ängste vor der Unabhängigkeit waren ja auch irrational und wurden geschürt. Wer gegen die Unabhängigkeit stimmte, tat das genauso aus irrationalen Gründen wie diejenigen die ja gestimmt haben.

Whatever.

Schottland wird nach dieser Abstimmung nicht mehr so sein wie vorher, „Groß-“Britannien auch nicht mehr. Sie werden weiter dezentralisieren, und wer weiß in 20 Jahren haben sie ihre Ängste soweit abgelegt dass sie es so machen wie vor 20 Jahren die Bürger eines Landes, das heute niemand mehr kennt: die Tschechoslowakei. Sie haben sich ohne großes Tamtam einfach friedlich getrennt, und seitdem hat man von Konflikten zwischen Tschechen und Slowaken nichts mehr gehört.

Aber auch Europa wird nach der beeindruckenden schottischen Abstimmung nicht mehr so sein wie vorher. Schottland, und – ja, auch Großbritannien – haben der Welt gezeigt, wie man solche Separatismusfragen lösen sollte: man lässt die Leute friedlich abstimmen. Wenn sie sich dann für Unabhängigkeit entscheiden, then it will break the heart of the prime minister, aber dann ist das eben so. Wenn sie am Ende dagegen stimmen, auch okay, dann wird aber nicht geschossen sondern das war dann Demokratie in Aktion. Dieser Lektion werden sich die Zentralisten in Madrid, Paris, Kiew, Ankara und sonstwo nicht mehr entziehen können. Gut so.

E0022

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2 Antworten zu Angst vor der eigenen Courage

  1. waswegmuss schreibt:

    Vergleich das mal mit der CSU: Bei Landtagswahlen räumen sie ganz groß ab aber sie verlieren Kreis um Kreis, Gemeinde um Gemeinde.
    Außerdem scheint diese SNP ein recht nationalister Laden zu sein. Damit haben sie die Linken verschreckt.

  2. anonym schreibt:

    wenn Wahlen etwas ändern würden wären sie längst verboten.

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