Safiras Rache

Blogger-Kollegin westendstorie hatte eine Idee: sie placierte ein Bild auf ihren Blog und hat ihre Leser eingeladen, aus dem Bild eine Story zu machen. Das Bild sprach mich direkt an, und ich habe ihr eine schöne Story geliefert. Die möchte ich den Leserinnen und Lesern meines eigenen Blogs nicht vorenthalten.

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Chemnitz, Frühjahr 2017. Safira Z. ist sauer. Sie ist schon länger sauer. Sauer über jahrelange, jahrzehntelange Diskriminierung, Gängelung, Geringschätzung, Versteckspiel. Sie will nicht mehr jammern. Sie will sich jetzt wehren. Sie hat einen Plan. Einen diabolischen Plan.

Sie schaut sich ihr Land an. Die demografische Keule zeigt längst ihre Wirkung. Überall Alte. Nichts gegen alte Menschen. Sie wird ja auch nicht jünger. Am allerältesten sehen die politischen Parteien aus, denen sterben die wenigen Mitglieder regelrecht weg. Regelrechte Rentnerversammlungen sind das. Und über genau die Parteien hat sich Safira am meisten geärgert.

Sie arbeitet als Freiberuflerin, aber sie genießt keine der vielen Vergünstigungen, die anderen Freiberuflerinnen offenstehen. Sie bietet nämlich sexuelle und erotische Dienstleistungen an. Die Nachfrage dafür ist zwar stabil, aber die Parteien haben sie in den letzten Jahren sehr drangsaliert. Vor allem die Zwangsregistrierung für Sexarbeiterinnen macht sie wütend. Seit das Register im Rathaus gehackt wurde und ins Netz gestellt wurde, wissen jetzt alle was sie macht.

Sie macht es weiter, aber es wurde nicht einfacher dadurch. Aber sie will sich heute abend rächen. Rächen an Werner K. Werner K., langjähriger Abgeordneter des Bundestages. Ihr langjähriger Kunde. Sie hat ihm jahrelang Vergünstigungen gewährt, als Gegenleistung für das Versprechen im Bundestag etwas gegen die Diskriminierung ihres Berufs zu tun. Aber er hat sie belogen, natürlich, wie so viele. Er war immer ein Hardliner. Er könne nicht anders, sagte er, er sei ja in der CDU. Da könne man nicht offen für Huren eintreten, ohne seine Karriere zu gefährden. Nur als Hardliner könne er etwas für sie tun. Nichts hat er getan, sagte ihr andere Kunden aus derselben Partei.

Heute will sie genau das tun: seine Karriere gefährden. Oder um ehrlich zu sein, sie beenden. Sie kandidiert gegen ihn. Sie will selber Abgeordnete werden.

Vor zwei Wochen ist sie in die CDU eingetreten. Sie hat sich bei anderen Kunden erkundigt, die Stimmungslage erfragt, die Schwächen des Werner K. erkundet, welche Feinde er in der örtlichen Partei hat. Sie weiß jetzt, dass er sich viele Feindegemacht hat. Viele haben offene Rechnungen mit ihm. Aber niemand wagt es, gegen ihn anzutreten.

Sie wagt es.

Er stellt sich vor. „Gibt es weitere Kandidaten?“, fragt der Versammlungsleiter.

Sie meldet sich.

Werner K. lacht sich halb kaputt. „Was willst du denn hier? Spinnst du?“

Das war sein Ende.

„Kennst du sie?“ fragt jemand.

„Äh, nein, natürlich nicht.“

„Natürlich, Werner, erst letzte Woche warst du doch wieder bei mir. Direkt nach der Fraktionssitzung. Und hast wieder abgelästert über Karl-Heinz B., über Tillich, über viele andere die ich nicht kenne.“, erwidert sie. Totenstille im Saal.

„Kommen wir zur Sache“, sagt der Versammlungsleiter. „Also Sie kandidieren? Sind Sie Mitglied? Wie ist Ihr Name?“

Werner K.‘s Bewerbungsrede wird zum Desaster. Mit hochrotem Kopf stottert er irgendwas, niemand versteht es. Es ist peinlich.

Safiras Bewerbungsrede wird zum rhetorischen Feuerwerk. Sie hätte sich das nie zugetraut. Sie reißt den Saal mit. Sie trifft die richtige Tonlage, redet über Lüge in der Politik, über Ehrlichkeit und Doppelmoral, über Jesus und Maria Magdalena, über Menschlichkeit.

Sie gewinnt die Abstimmung klar. Das CDU-Direktmandat gilt als sicher.

Safiras zweite Karriere begann an diesem Abend.

 

PS: nur wenige Tage danach flog Dominatrix Terri-Jean Bedford aus einer Anhörung im Parlament von Kanada. Sie hatte mit einer erfolgreichen Klage vor dem Obersten Gerichtshof die Regierung gezwungen, Gesetze aufzuheben, die ihre Berufsfreiheit und die ihrer Kolleginnen verfassungswidrigen Restriktionen unterwarf. Darüber habe ich hier geschrieben. Jetzt will die Regierung das berüchtigte „schwedische Modell“ einführen und die Kunden kriminalisieren. Immerhin, sie wurde zu der Anhörung eingeladen. Als man ihr die Redezeit kürzte, drohte sie damit, Abgeordnete zu nennen, die schon bei ihr Kunden waren. Sie flog unverzüglich raus. Wunderschön nachzulesen hier. “C-36 is a doomed rearguard action — aimed at winning donations and votes — and the Conservatives know it. What they don’t know: whose names are on Bedford’s list”.

http://video.ca.msn.com/?mkt=en-ca&vid=cbcc2014-1009-1509-0018-251395544700&src=v5:share:sharepermalink:&from=sharepermalink

Über sunflower22a

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