An apple a day…

…keeps the doctor away. Wer kennt ihn nicht, den Spruch für kleine Kinder, damit sie Äpfel essen. Jetzt sollen wir alle mehr Äpfel essen, damit die armen Bauern Europas ihre Äpfel loswerden, die die Russen nicht mehr haben wollen.

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Ich habe als Kind keine solchen Sprüche gebraucht. Ich liebe Äpfel. Die meisten jedenfalls. Selbst wenn an apple a day ungesund wäre, ich würde sie dennoch essen.

Der Apfel, die Schicksalsfrucht der Menschheit, wenn man der christlichen Mythologie (pardon, Religion) glauben soll. Eva, die Mutter der Menschheit, wurde angesichts einer seltenen Apfelsorte schwach.

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Ich kann das voll verstehen, mir wäre es genauso gegangen. Der Baum der Versuchung. Und so flog sie aus dem Paradies. Welch eine Gemeinheit.

Eugenio Recuenco IMG_2831

Wofür hast du ein Paradies, wenn du seine Äpfel nicht genießen darfst? Wäre ich in einem Paradies, wie gerne würde ich unter Apfelbäumen lustwandeln und sie genießen.

 

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Auch ich finde, den Apfelbauern Europas sollte man helfen. Wenn es tatsächlich für den europäischen Apfelbauern ein Problem ist, dass Exportmärkte wegbrechen, dann ist mit der politische Ökonomie des Apfels einiges schiefgelaufen. Merkwürdigerweise ist es nämlich gar nicht so einfach, die europäischen Apfelbauern als Konsumentin zu unterstützen. Weite Teile des Handels bieten über weite Teile des Jahres nämlich vor allem Äpfel aus Chile, Südafrika oder Neuseeland an. Ja, aus der Südhalbkugel. Um die halbe Welt gereist. Mit Schiffstreibstoff, der garantiert irgendwelche Öldiktaturen am Laufen hält. Nein, das hat nichts damit zu tun, dass europäische Äpfel im Frühjahr nun mal nicht geerntet werden. Sie werden natürlich im Herbst geerntet. Aber sie werden dann bis zu 12 Monate in Kühlhäusern eingelagert. Sie wären also im Frühjahr problemlos verfügbar. Aber sie werden erst verkauft, wenn sie einen vernünftigen Preis erzielen.

Der Tagesspiegel brachte dazu einen wirklich lesenswerten Hintergrundbeitrag. Es ist in Berlin nahezu unmöglich, „regionale Äpfel“ zu bekommen. Genauer gesagt kann man durchaus welche bekommen, die „regional“ heißen, aber weil der Begriff nicht geschützt ist, können sie von irgendeiner Region kommen. Nur eben nicht aus Brandenburg. Selbst für Bio-Äpfel gilt das.

Deutschlands Äpfel kommen überwiegend aus riesigen Plantagen in der Gegend von Hamburg, dem „Alten Land“. Sie werden mit einem irren Aufwand monatelang gekühlt, zur Verpackung und Vermarktung kreuz und quer durch die Republik gefahren. Äpfel aus der Region wollen die Supermarktketten nicht, das ist zu umständlich. Sie wollen eine mehr oder weniger gleichbleibende Einheitsware, die in riesigen Mengen konstant geliefert wird. Was genau gekauft und angeboten wird, bestimmt allein der Preis. Äpfel vom Bauern aus der Gegend werden nur ungern aufgekauft, wenn es nicht anders geht, und dann zu Dumpingpreisen.

Völlig pervers ist die Apfelsorte Pink Lady. Es ist die einzige, die ich aus Prinzip boykottiere, trotz des netten Namens. Der Name verliert seine Nettigkeit bereits, wenn man ihn richtig schreibt. Eigentlich heißt dieser Apfel nämlich „Pink Lady®“ „Die Barbie unter den Äpfeln“ treibt die Kommerzialisierung des Apfelbaus auf die Spitze. Bauern können sie nur anbauen, wenn sie die Lizenzrechte erwerben, Nachbau ist verboten. Eine Perversion von Landwirtschaft. Bitte nicht kaufen.

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Die politische Ökonomie des Apfels zeigt, was mit unserem globalisierten Wirtschaftssystem alles falsch läuft. Wozu werden Äpfel in riesigen Mengen aus der Südhalbkugel importiert, immer dieselben wenigen Standardsorten mit Standardgeschmack – und gleichzeitig werden selbst Europas Obstplantagen ihre Produkte nicht mehr los, und die kleineren Bauern gar nicht?

Auch ich kaufe die Standardäpfel aus aller Welt, und meist schmecken sie ja auch. Aber sie schmecken immer gleich. Ich liebe aber die Vielfalt. Warum können wir nicht immer wieder andere Äpfel in den Regalen haben? Sorten von denen du noch nie etwas gehört hast. Das ist doch viel spannender.

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Kürzlich habe ich durch einen wunderschönen Bildband geblättert. Ein katholischer Priester aus Bayern hat sein ganzes Leben den Äpfeln und Birnen gewidmet, man nannte ihn den Apfelpfarrer. Korbinian Aigner, welch wunderbarer Name, züchtete sie, und er malte sie. Alle Sorten, mit inniger Liebe und Hingabe. Seine Aquarelle gibt es in einem teuren, schweren, beeindruckenden Bildband zu sehen. „Äpfel und Birnen– Das Gesamtwerk“ ist der absolut passende Titel. 649 Apfel- und 289 Birnenbilder. Späte Blutbirne oder Goldrenette, Wintergoldparmäne oder Roter Herbstkavill – alles dabei, ein Universum wunderbarer Bäume. Aigner geriet mit den Nazis in Konflikt und wurde ins KZ gesteckt. Ausgerechnet dort gelang es ihm, heimlich vier neue Apfelsorten zu züchten. In jedem Jahr seiner Gefangenschaft entwickelte er eine Sorte, die er heimlich KZ-1, KZ-2, KZ-3 und KZ-4 nannte. Noch heute wird die Sorte KZ-3 angebaut, mittlerweile in den poetischeren Namen Korbiniansapfel umbenannt,

Welch ein Reichtum, von dem die normale Apfelkonsumentin kaum etwas ahnt. Er darf nicht verlorengehen. Diesen Reichtum von Apfelsorten zu bewahren, ist das Beste was man für Europas Apfelbauern tun kann. Ich möchte Dutzende Apfelsorten verteilt über das Jahr kaufen, durchaus auch mal importiert, aber nur ausnahmsweise. Ich möchte, dass freie Bauern und nicht irgendwelche Lizenznehmer von ekligen australischen Konzernen diese Apfelsorten kultivieren und bewahren, dafür gutes Geld bekommen, auch von mir. Und die Russen sollen doch ihre Äpfel einfach selber anbauen, und wenn sie das nicht hinbekommen, können sie meinetwegen die Chile-Äpfel gerne haben.

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Über sunflower22a

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6 Antworten zu An apple a day…

  1. kalypso schreibt:

    ……..falls du skurile filme magst:

    „adams äpfel“

    schönen wochenanfang!

  2. kultgenosse schreibt:

    Schöner Text, er macht Spaß auf den Apfel aus dem Nachbargarten.🙂

  3. anonym schreibt:

    du fragst warum das so ist,

    konzerne

    sie wollen verdienen und wir sind egal

  4. waswegmuss schreibt:

    Im Egapark Erfurt gibt es ein Gärtnermuseum. Dort sind ein paar Hundert Apfel- und Birnensorten als Holzmodell zu sehen.
    Diese dienen den Pomologen als „Musterdatenbank“ alter Schule.

    Ansonsten schmecke Äpfel nur frisch vom Baum oder zu Apfelwein gekeltert.

  5. Pingback: Deutschlands großer Schatz | sunflower22a

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