Etwas mehr Respekt, bitte

Im Herbst soll das neue Prostitutionsgesetz im Bundestag verabschiedet werden. Das Gesetz sieht unter anderem eine gesetzliche Meldepflicht für Prostituierte vor. Weiterhin sollen Bordelle und andere Arbeitsstätten dazu verpflichtet werden, Listen der bei ihnen tätigen Sexarbeiterinnen zu führen. Dagegen wehren sich die Betroffenen, leider stehen sie weitgehend allein. Demokraten und Bürgerrrechtler, die sich sonst um die Bürgerrechte jedes Salafisten sorgen, halten die Klappe. Es sind ja nur Huren. Die darf man diskriminieren. Die sind weniger wert als ein Nazi, ein Salafist, ein Gewaltverbrecher. Bei diesen Typen achtet die liberale Öffentlichkeit peinlich darauf, dass sie auf keinen Fall unfreundlich behandelt werden, sondern jedes Promille ihrer Bürgerrechte voll ausschöpfen können. Sexarbeiterinnen haben dieses Privileg nicht. Die sind entweder Dummchen, Opfer, oder Hexen.

Es gibt viele zweifelhafte Berufe, oder sagen wir mal Tätigkeiten, die man zumindest schärfer kontrollieren, wenn nicht gleich verbieten sollte. Hedgefonds-Manager, Hassprediger, Immobilienspekulanten, Waffenhändler, und noch einiges mehr fällt mir da so ein. Keine derartigen Initiativen sind in Sicht. Es gibt eigentlich keinen einzigen Beruf, bei dem es eine gesetzliche Registrierungspflicht gibt. Aber die deutsche Regierung hat sich vorgenommen, die Sexarbeiterinnen schärfer zu kontrollieren. Eine Zwangsregistrierungspflicht ist vorgesehen. Die Konsequenz ist nicht nur das Zwangsouting sondern auch ständige Kontrollen, die auch in den privaten Wohnungen stattfinden können.

Schikanen gibt es ja schon genug, von kommunalen Sexsteuern bis Sperrgebieten, verdachtsunabhängigen Razzien ohne richterlichen Durchsuchungsbeschluss und so weiter. Nur für Sexarbeit bieten Jobcenter „Ausstiegshilfen“ an, statt Beratung wie die Sexarbeiterin ihre Rechte besser wahrnehmen kann und Marktchancen besser nutzen kann, um ihr Einkommen zu steigern. Und natürlich, leider gibt es auch viele Kunden, die sich mies benehmen, weil sie genau wissen, eine Sexarbeiterin die anonym bleiben will oder muss, hat leider weniger Möglichkeiten sich zu wehren.

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Was soll dieser Drang, ständig „etwas gegen die Prostitution“ machen zu müssen? Was soll diese Verachtung gegenüber Sexarbeiterinnen? Dabei geht es keineswegs nur um Gesetze. Fast alle Sexarbeiterinnen verschweigen selbst ihrem engeren Umfeld diese Tätigkeit, oft genug in Teilzeit ausgeübt, zur Finanzierung des Studiums, von ein bisschen Luxus, oder des reinen Überlebens. Kommt es raus, sind sie stigmatisiert, werden aus der „ehrenwerten Gesellschaft“ ausgeschlossen. Dabei sind fast alle von ihnen weitaus anständigere, ehrlichere Menschen als die Spitzen der „ehrenwerten Gesellschaft“.

Was soll diese elende, verlogene Doppelmoral? Sexarbeiterinnen tun nicht nur niemandem etwas zuleide, im Gegensatz zu vielen anderen Berufsgruppen,  sondern machen viele Menschen – in allererster Linie Männer – glücklich. Für eine kurze Zeit, ab und zu, regelmäßig oder unregelmäßig. Für viele einsame Männer ist die Sexarbeiterin ihres Vertrauens schon fast eine Seelsorgerin: manche kommen, nur um mal jemanden zum Reden zu haben, mit ein bisschen Zärtlichkeit. Natürlich ist es eine Illusion, es ist nur eine Geschäftsbeziehung. Aber der katholische Priester als Seelsorger ist auch nur eine Illusion, und zwar eine langweiligere  – der tut nämlich auch nur seinen Job.

Der Mensch hat sexuelle Bedürfnisse, so wie Essen und Trinken, ein warmes Zuhause, und vieles andere. Noch nie war die traditionelle abendländische Ehe der alleinige Ort, diese Bedürfnisse zu erfüllen. Im Gegenteil – der Versuch, dieses „Idealmodell“ durchzusetzen, endet oft genug in Frustration und Einsamkeit.

Warum kann eine reife, liberale, tolerante Gesellschaft nicht sexuelle Dienstleistungen als die Bereicherung des Lebens anerkennen, die sie de facto schon immer waren? Warum ist es okay, wenn eine Frau nach einem anstrengenden Arbeitstag sich im Fitness-Studio weiter anstrengt, aber nicht wenn sie sich bei einer Tantra-Massage erholt? Warum muss sich ein Mann schämen, wenn er zu einr Sexarbeiterin geht, aber nicht wenn er in den Spielsalon geht? Ist eine professionell erbrachte sexuelle Dienstleistung  von Menschen nicht viel schöner, als vereinsamt zuhause mit elektrischen Geräten zu spielen, seien es Sextoys oder Computer?

Wieviele Paare trauen sich nicht einmal, offen über Sexualität zu sprechen, über Wünsche und Vorlieben, die deshalb oft Jahrzehnte unterdrückt werden? Sie kommen nicht einmal auf die Idee,dass ihre Beziehung vielleicht sogar harmonischer werden könnte, wenn man nicht alle Aspekte der Sexualität in dieser einen Beziehung suchen muss. Viel gefährlicher sind heimliche Affären, aus denen wirklich Liebe entstehen kann – bei professionellen Dienstleisterinnen besteht diese Gefahr nicht.

Unsere angeblich so tolerante und aufgeklärte Gesellschaft muss hier noch sehr viel dazulernen. In früheren Jahrhunderten war man teilweise viel offener und realistischer. Als 1414-1418 das katholische Kirchenkonzil in Konstanz tagte, gehörten Hunderte von  Sexarbeiterinnen selbstverständlich zum Tross der angereisten Kirchenfunktionäre. In Konstanz wurde deshalb 1993 mit der „Imperia“ das weltweit größte Denkmal für eine Prostituierte errichtet – bemerkenswerterweise auf einem Grundstück, das der Deutschen Bahn gehört. Imperia hält zwei nackte Männlein in den Händen, einen Papst und einen Kaiser.

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Ich bewundere diese mutige Entscheidung, diese Statue aufzustellen. Tatsächlich haben die Sexarbeiterinnen des Konzils mehr Respekt verdient als die Kirchenfunktionäre, die den Reformator Jan Hus mit falschen Versprechungen nach Konstanz lockten und ihn dann bei lebendigem Leib als Ketzer verbrannten. Ich wünsche mir noch viele mehr solche Denkmäler wie die Imperia.

Political Correctness, religiöser Fundamentalismus, radikale Bürger-Spießigkeit und individuelle Verklemmtheit sind die Melange, die diese Intoleranz gegenüber professionell angebotenen sexuellen Dienstleistungen hervorbringen. Dienstleistungen, die das Leben schöner machen können, die wir schätzen, weiterentwickeln und schöner machen sollten, statt sie verkrampft zu bekämpfen. Die Menschen, die diese Dienstleistungen erbringen, haben Respekt und Anerkennung verdient, denn sie tun der Gesellschaft mehr Gutes als viele andere Berufsgruppen.

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Auch sie verdient Respekt

 

 

Über sunflower22a

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5 Antworten zu Etwas mehr Respekt, bitte

  1. guinness44 schreibt:

    Als Hedgefonds Manager muss man sich bei der zuständigen Behörde (BaFin, SEC, FSA, etc.) registrieren lassen. In USA z. B. mit Fingerabdrücken, damit man nicht unter anderem Namen trotz Verbot wieder auftaucht. Man muss einen ziemlichen Aufwand betreiben und Tests machen, z. B. den sogenannten Series 7 Test (http://en.wikipedia.org/wiki/Series_7_Exam) . Man muss in Deutschland z. B. seine Kunden in sehr erheblichen Maße über Risiken aufklären und sich schriftlich bestätigen lassen (http://de.wikipedia.org/wiki/Richtlinie_2004/39/EG_%C3%BCber_M%C3%A4rkte_f%C3%BCr_Finanzinstrumente).
    Bin mir nicht sicher, ob diese Art von Regulierung und Registrierung für Sexarbeiterinnen so erstrebenswert ist.

  2. Georg schreibt:

    Bist Du eine Prostituierte? Sorry, falls ich falsch liege, ist nicht persönlich gemeint, nur so aus Interesse.

  3. carol1234567890 schreibt:

    danke für diese gute Text!!! it was a pleasure to read it.

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