Lila

Ein heißer Sommertag, leider kein Wochenende. Wer weiß, vielleicht einer der letzten in diesem Sommer. Eine lange Bahnreise steht bevor, auf die ich wirklich keine Lust habe. Leider ist der Termin wichtig. Und das Werk, das ich präsentieren soll, immer noch nicht fertig. Es fällt mir nicht leicht, schon das ärgert mich, es gibt in dieser Materie einfach keine klare Linie, zuviele Widersprüche und Unklarheiten.

Dennoch, ich lasse mir davon die Laune nicht verderben. Ich habe noch genug Zeit bis zuir Abreise, und ich habe Lust auf ein anderes Outfit. Lila. Heute und morgen alles lila. Ein schönes leichtes lila Sommerkleid, lila Wäsche, lila Schuhe, lila Nagellack an Fingern und Zehen. Lila Lippenstift. Lila Armreif, lila Ohrhänger, nur eine lila Halskette habe ich nicht. Die darf dann schwarz sein, das sieht auch gut aus. Ein lila Strähnchen wäre die ideale Abrundung, aber das geht nicht so auf die Schnelle.

Ist das zu schrill? Wahrscheinlich. Was ich sagen werde, ist eigentlich jetzt schon egal, die einen finden mich wegen des Outfits toll, die anderen werden mich genau deswegen ablehnen. Naja, das ist auch ein bisschen eine Versicherung dagegen, dass ich möglicherweise inhaltlich nicht sehr brillant sein werde, wenn mir auf der Reise nicht noch eine Reihe gute Ideen kommen sollten.

Der Zug ist gut gefüllt, aber nicht überfüllt. Dennoch, gut dass ich einen Platz reserviert habe. Selbst in der ersten Klasse nicht mehr viele freie Plätze. Aber zum Glück, direkt gegenüber an meinem Tisch: ein freier Platz. Wie gerne würde ich jetzt die Beine ausstrecken und auf den gegenüberliegenden Sitz legen. Aber das ist unhöflich.

Ich fasse mir ein Herz, ich frage den jungen Mann schräg gegenüber obe r was dagegen habe, wenn ich meine Beine auf den Sitz neben ihm lege. Nein, hat er nicht, sagt er freundlich.

Vertieft in meine Lektüre merke ich nach einer Viertelstunde, dass er ununterbrochen meine Beine ansieht. Ich sehe ihn an. Er ist höchstens Mitte zwanzig, sehr „korrekt gekleidet“. Wie kann man bei diesem Wetter mit Anzug und Krawatte herumlaufen. Blond, feine lange Hände. Er merkt, dass ich merke, dass er meine Beine bewundert. „Sie haben sehr schöne Beine“ sagt er verlegen. Holländischer Akzent. Er sieht mich mit einem fast schon verliebten Blick an.

„Danke. Ja, danke.“

Ich grübele weiter in meinen Texten, werde langsam nervös weil mir einfach nicht recht einfallen will, welchen roten Faden meine Präsentation haben soll. Ich komme gar nicht erst auf die Idee, dass mich seine Bewunderung für meine Beine stören könnte. Eigentlich nehme ich sie nur am Rand war.

Irgendwann, nach einer gefühlten halben Ewigkeit, habe ich allmählich Klarheit was mein roter Faden wird. Laptop raus, jetzt geht es an die Arbeit.

Die Beine sind jetzt unter dem Tisch. Der junge Holländer sieht jetzt mit schönen blauen Augen unentwegt den Teil von mir bewundernd an, der über dem Tisch zu sehen ist.

Merkt er nicht, dass er viel zu jung für mich ist?

Egal. Eigentlich stört es mich nicht. Die meisten Frauen würde es stören. Er hat Glück. Mich stört es nicht. Nein, es gefällt mir sogar zunehmend.

Bei einem irgendwann fälligen Besuch der Toilette kommt mir eine verwegene Idee. Typisch für mich. Ich ziehe den BH aus. Er ist sowieso unbequem, aber mein einziger in lila. Das Kleid ist eigentlich einen Hauch zu transparent dafür, aber das ist mir jetzt einfach egal.

Ich gehe an meinen Platz zurück. Der Holländer schaut mich ungläubig an, ich lächele und mache mich wieder an die Arbeit am Laptop.

Seine Augen hängen an mir, wie an einer Göttin. Gut gelaunt arbeite ich weiter. Ich glaube langsam, mit diesem Werk brauche ich wohl doch nicht zu verstecken. Der Text sprudelt nur so in die Tasten, kaum zu fassen. Ich fange schon an zu glauben, es wird doch eine gute Präsentation.

Als ich fertig bin und den Computer zuklappe, sieht mich der junge Mann erwartungsvoll an. Nein, auf ein Gespräch habe ich jetzt aber echt keine Lust. Ich frage ihn, ob ich die Beine wieder hochlegen darf. Natürlich hat er keine Einwände. Ich döse noch ein bisschen, eine kleine Verschnaufpause vor dem Auftritt. Etwas Schöneres hätte ihm gar nicht passieren können, er betrachtet mich mit einer Verzückung als wäre ich Mona Lisa.

Als er aussteigen muss, fällt mir zum Glück noch rechtzeitig ein, dass ich auch bald am Ziel ankommen werde und vielleicht besser nochmal in die Toilette sollte und den unbequemen lila BH wieder anziehen sollte.

Beschwingt spaziere ich zu einer erfolgreichen Präsentation. Aus einer vermeintlich nervigen Anreise ohne gute Idee mit folglich unvermeidlich schlechter Präsentation wurde eine reizvolle, produktive Fahrt, bei der ich einen jungen Gentleman ohne jeden Aufwand glücklich gemacht habe. What a wonderful day…

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Über sunflower22a

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