Ich werde die Ferienwohnung nicht denunzieren

Ferienwohnungen sind für Vermieter in touristisch attraktiven Städten wie Berlin oder New York lukrativer als normale Mietwohnungen.

Gentrifizierung ist in immer mehr Städten ein reales soziales Problem. Ich habe hier auch schon darüber geschrieben. Sie wird ausgelöst von einer Vielzahl von Faktoren. Die soziale Spaltung, die zunehmende Ungleichheit, sie machen sich auch im Wohnungsmarkt bemerkbar. Das billige Geld, die niedrigen Zinsen treibt Anleger in die Immobilie. Die Attraktivität einer Stadt verstärkt den Run auf diese Stadt und macht genau die Attraktivität kaputt. Stadtverwaltungen und Regierungen, die lieber tatenlos zusehen als gestaltend in Märkte einzugreifen. Nur zu oberflächlichem Handeln ist man ab und zu bereit. Man könnte Ferienwohnungen verbieten, so wie Berlin, obwohl die sicherlich nicht zu den Haupttriebkräften der Gentrifizierung gehören.  Wer in Berlin Wohnungen über AirBnb und andere Plattformen anbietet, lebt seit neuestem riskant – sofern die notorisch unfähige Berliner Verwaltung ihm überhaupt nauf die Schliche kommt.

Aber dafür gibt es ja den Denunzianten. Der kann da nachhelfen.

Denunziant, das klingt so schlimm. Damit will niemand etwas zu tun haben.

Aber man kann es auch anders sehen. Man will etwas Gutes tun, gegen Gentrifizierung nicht nur jammern sondern praktisch einschreiten, und den Vermieter kann man eh nicht leiden. Also, die Wohnung kann man ja anzeigen. Vielleicht sogar anonym, mit einem Robin Hood-Gefühl.

In unserem Haus befindet sich eine Ferienwohnung. Sie ist nicht gemeldet und nicht genehmigt. Strenggenommen also illegal.

Soll ich die Vermieterin denunzieren? Sie, die mit Gentrifizierung gutes Geld macht, alteingesessene und/oder einkommensschwächere Menschen um eine Wohnung bringt? Die die Invasion der Billig- und Sauf-Touristen nun auch in unseren Stadtteil bringt, wo es bisher kein sehr verbreitetes Phänomen war?

Nein, das werde ich nicht tun. Ich bin kein Hilfssheriff für eine unfähige Stadtverwaltung und keine Denunziantin.

Ich denke an die Gäste dieser Wohnung, viele sieht man gar nicht oder kaum, andere aber doch. Da war das Pärchen aus Belarus, das seine Hochzeitsreise in ihre Traumstadt Berlin führte und die sich kein Hotel leisten konnten. Der turbantragende indische Sikh mit dem meterlangen Bart, der Frauen grundsätzlich wie Luft behandelt und Männer höflich grüßt. Natürlich auch die jungen Leute aus Spanien oder England, die mal die Sau rauslassen wollten, wie ich es in dem Alter auch gemacht habe. Das kulturbeflissene Ehepaar aus Bayern, das von Berlin eigentlich nur die Museen sehen wollte.

Und da waren die drei polnischen Studentinnen, die ein Paket für uns angenommen hatten und es am Abend  vor ihrer Abreise vorbeibrachten, weil wir keinen Benachrichtigungszettel hatten…sie waren hin und weg vom großen Whirlpool mitten in der Wohnung. Das Angebot, ihn auszuprobieren, nahmen sie an und daraus wurde schließlich eine fröhliche Whirlpool-Party bis in die Nacht.

Ich möchte sie nicht missen, diese Menschen. Ich freue mich dass sie da sind. Auch deshalb werde ich die Ferienwohnung nicht denunzieren. All dieser Menschen wegen, und weil die Vermieterin nett ist. Aber wenn noch jemand eine zweite Ferienwohnung hier aufmacht, dann werde ich wohl doch was machen. Glaube ich jedenfalls.

closingdoorsbykatyatsyganova7

Über sunflower22a

I am a mystery.
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5 Antworten zu Ich werde die Ferienwohnung nicht denunzieren

  1. kiezneurotiker schreibt:

    Die Ferienwohnungen sind nicht das Problem. Wir haben hier auch eine, aber ich weigere mich aus Prinzip, jemanden zu verpfeifen, egal wen. Nein, die Politik hat den sozialen Wohnungsbau kaputt gemacht und die Wohnungsbaugesellschaften nebst Wohnungen privatisiert. Und jetzt fliegt ihnen die Stadt um die Ohren.
    Eine Bekannte musste für ihre Wohnung eine Bewerbungsmappe abgeben wie bei der Jobsuche und sich mit 50 Interessenten messen. Schufa, Führungszeugnis, drei Gehaltsnachweise, Bürgen, das volle Programm. Das wird die Regel werden bzw. ist es in den Innenstadtbezirken schon.

  2. swina schreibt:

    schade.
    finde wohnraumspekulation asozial.

  3. paule schreibt:

    „Und jetzt fliegt ihnen die Stadt um die Ohren.“

    UNS fliegt die Stadt um die Ohren, und glaub mal nicht dass auch nur einer der das zu verantworten hat eine Ferienwohnung über sich dulden würde.
    Was hat das Ganze eigentlich mit Denunziantentum zu tun?

  4. Alyeska schreibt:

    Wenn ich so nen Kommentar lese wie von kiezneurotiker, dann schlage ich 3 Kreuze, dass mich sowas glücklicherweise nicht mehr betrifft, weil ich ein eigenes Häuschen hab – allerdings in nem anderen Bundesland.
    Ich könnte mir aber sehr gut vorstellen, mir so eine „Suchaktion“ (nach ner Wohnung) mal „spaßeshalber“ selbst anzutun, um dem Makler erst mein deutliches Befremden zum Ausdruck zu bringen, dass ich keinen Kredit aufnehmen will, sondern mich lediglich für ne Wohnung interessiere und dann letztendlich sagen zu können „April, April, ich hab gar keine Wohnung nötig“ – vielleicht ist so ne Aktion aber wiederum auch zu kindisch… *überleg*

  5. Georg schreibt:

    Wie soll denn die Verwaltung all die illegalen Ferienwohnungen aufspüren? Soll sie 10.000e von Ordnungsamtsmitarbeitern einstellen, die allmonatlich durch jedes Haus der Stadt streifen und die Bewohner befragen und ihre Domizile inspizieren? Also wer kein Teil der Gentrifizierung sein will, der meldet solch ilegale Ursachen der Gentrifizierung, dann klappt es vielleicht auch mal wieder mit dem sozialen Zusammenhalt von Mietern in der Stadt. Wer die Ferienwohnungen toleriert, ist selbst mit Schuld an diesem Verdrängungskrieg.

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