Das Internet wirft alles über den Haufen – auch das Sex-Business

Das Internet verändert die ganze Welt, und es verändert die Wirtschaft. Es verändert auch die Branche der sexuellen Dienstleistungen von Grund auf. Sexkinos sind schon weitgehend verschwunden, dahingemeuchelt vom Highspeed-Internet. Die Branche steht vor weiteren tiefgehenden Veränderungen, und wie immer gibt es dabei Gewinner und Verlierer.

Vor einer düsteren Zukunft steht wohl die Pornoindustrie. Die Filme  und Bilder erleiden genau dasselbe Schicksal wie die Musikindustrie: warum bezahlen, wenn ich es auch umsonst haben kann, denkt sich der Kunde. So brechen den Produzenten nicht nur die Profite weg, sondern mittlerweile geht es schon an die Existenzgrundlagen.

Ein Pornodarsteller redete kürzlich Klartext auf nerve.com: Why One Porn Star Thinks the Industry Is Destroying Itself lautet das Interview, Christopher Zeischegg schämte sich nie für seine Tätigkeit, er trat für die Rechte der Darsteller ein und bekannte sich zu seinem Job. Wegen der sinkenden Margen wird Druck auf die Darsteller ausgeübt, sie bekommen wenigr Geld, weniger Drehs, Gesundheitstests müssen sie selbst bezahlen, Sozialleistungen gibt es gar keine, wer nicht mehr kann fliegt eben raus. Viele Produzenten kommen selber kaum noch über die Runden. Die größeren überleben, und dafür gehen die kleineren drauf. Webseiten wie YouPorn bestehen überwiegend aus, nennen wir es einmal so, widerrechtlich kopiertem Material – und YouPorn duldet es jedenfalls solange, wie es sich nicht um Material der Besitzerfirma MindGeek handelt. MindGeek hat damit viele Konkurrenten vernichtet. Oder soll man sagen, die Nutzer waren es?

Die Konsequenzen sind dieselben wie in anderen Branchen: die Beschäftigtem sind härterem Druck ausgesetzt (machen Szenen,  auch gesundheitlich riskantere, die sie sonst vielleicht abgelehnt hätten), oder weichen in andere Tätigkeiten aus wie Escort oder Prostitution. Als Escort verdienen viele weit mehr – aber dort sind sie wiederum anderen Risiken ausgesetzt.

Ähnlich geht es auch den Aktmodellen in der erotisch-pornografischen Bilderwelt, die noch leichter zu kopieren ist als Filme. Auch hier sinken die Honorare, es gibt ein Überangebot, Raubkopien sind allgegenwärtig. Der Druck, immer explizitere Bilder zu machen steigt auch hier. Eine schöne, selbstbewusste Frau lässt sich gerne fotografieren für Bilder, auf denen eine schöne selbstbewusste Frau zu sehen ist. Aber die immer häufigeren Detailaufnahmen ihrer Pussy oder Masturbationsszenen machen eben keinen Spaß, dazu muss sie sich überwinden, aber ohne das ist sie inzwischen schnell aus dem Geschäft. An dem Grundproblem der Gratiskultur löst das aber nichts,abgesehen davon dass hoffentlich auch viele User lieber schöne Frauen sehen  wollen als Innenaufnahmen der weiblichen Anatomie.

Auch MindGeek wird am Ende vor der Gratiskultur in die Knie gehen, wie die Musikgiganten. Letztlich wird es die Produktionen nur geben, wenn die Darsteller bezahlt werden, sonst können sie gleich kellnern. Wie das im Internetzeitalter funktionieren soll, wenn alles kopiert und verbreitet wird, das ist letztlich offen.

Lux Alptraum (welch wunderschöner Name) war kürzlich auf nerve.com etwas drastischer. Sie sagt klipp und klar „Sorry, Adult Industry, but No One Is Going to Pay for Porn”. Kampagnen wie “Pay for your Porn” haben zwar recht, wenn sie sagen dass es ohne Einnahmen letztlich keine Produktionen gebe, und man von den Darstellern nicht erwarten könne umsonst zu arbeiten. Aber eine ganze Generation sei mit der Realität aufgewachsen, dass es Pornos leicht und umsonst gibt – sonst hätten viele sie gar nicht gesehen. An diesem Verbraucherverhalten werde sich nichts mehr ändern. Natürlich gebe es Nischen, die eine oder andere Website erzielt vielleicht mit Werbung viel Geld, aber das sei eben nicht der Gesamttrend.

Vielleicht liegt ja mittelfristig der Trend eher bei nonprofit-Seiten wie „Make Love Not Porn“, bei der Amateure ihre selbstgedrehten Szenen einstellen und so wenig geld dafür wollen, dass sich Piraterie kaum lohnt. Aber ob diese Szenen auf Dauer so attraktiv sein werden, darf auch bezweifelt werden, auch wenn ich die Idee gut finde. Wenn Leute meinen, die Kommerz-Pornos seien realer Sex, treten oft echte Schwierigkeiten bei Paaren auf, wenn solche Ideen auf wenig Gegenliebe stoßen. Wirklich brauchbare Sex-Anregungen sind eher von Makelovenotporn zu erwarten.

Völlig anders sehen die Realitäten in einer etwas direkteren Form von Sexarbeit aus, der Prostituion. Das Internet ist für die Sexarbeiterinnen (und ihre wenigen männlichen Kollegen) eine weit überwiegend sehr positive, befreiende Innovation. Ausgerechnet der Economist, meine geliebt-gehasste dienstliche Pflichtlektüre, hat in seiner neuesten Ausgabe eine bestens recherchierten Survey über die Verändernungen des Sex-Business durch das Internet präsentiert. Allein schon das ungläubige Staunen mancher Kolleginnen beim Anblick der Titelseite war ein Genuss.

Sie hat nichts zu verlieren als ihre Ketten – und dies tut sie.

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Der Economist analysiert, dass das Internet Sexarbeiterinnen die Möglichkeit gegeben hat, ihre Arbeit sicherer und diskreter zu machen, für ihre Kunden  gilt dasselbe, und Zuhälter und Bordelle tendenziell entbehrlichmacht. Es wird viel einfacher, Sexarbeit in Teilzeit anzubieten, anonym und diskret, ganz freiberuflich und ohne Zwischeninstanzen. Die Markttrends in der Analyse sind ausgesprochen interessant und lesenswert…einschließlich der leider wahren Ausage, dass weltweit die Preise für ihre Dienstleistungen sinken. Verstärkte Konkurrenz durch billiger anbietenden Immigrantinnen, ein weitaus größeres Angebot von Gratis-Konkurrenz wie z.B. Seitensprung-Webseiten, aber auch die schlechtere Wirtschaftslage die viele Kunden zum Sparen zwingt. In der politischen Schlussfolgerung hat der Economist 100% ins Schwarze getroffen: nämlich mit einer klaren Absage an die moralisierenden Verbotspolitiker und ihr elendes „schwedisches Modell“.

Prostitution is moving online whether governments like it or not. If they try to get in the way of the shift they will do harm. Indeed, the unrealistic goal of ending the sex trade distracts the authorities from the genuine horrors of modern-day slavery (which many activists conflate with illegal immigration for the aim of selling sex) and child prostitution (better described as money changing hands to facilitate the rape of a child). Governments should focus on deterring and punishing such crimes—and leave consenting adults who wish to buy and sell sex to do so safely and privately online.”

Dem ist nichts hinzuzuifügen. Schaut rein, wirklich lesenswert.

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Über sunflower22a

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Eine Antwort zu Das Internet wirft alles über den Haufen – auch das Sex-Business

  1. Nina Tabai schreibt:

    Die Union will derweil bei der angestrebten Reform des Prostitutionsgesetzes Freier kriminalisieren (schwedisches Modell) und das Mindestalter von Prostituierten auf 21 Jahre anheben. Dogmatische, tabubeladene, realitätsferne Politik hat Sexarbeiterinnen über die Menschheitsgeschichte mehr Schaden zugefügt, als es die schlimmsten Zuhälter vermögen würden. Ob im Berliner Elfenbeinturm schon einmal jemand auf die Idee gekommen ist, einfach die Sexarbeiterinnen zu fragen, was sie an Veränderungen durch den Gesetzgeber wollen?

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