Unterlassene Hilfeleistung

Heute scheint die Sonne, die Vögel zwitschern, ich bin gut gelaunt. Es gibt solche Tage, da bin ich mit allem im Reinen und finde die Welt einfach schön. Alles Negative prallt an mir ab, wird ausgeblendet. Ich steige in die S-Bahn und finde diese unglaubliche Vielfalt von Menschen einfach sympathisch. Die Schöne, die sich ungerührt mit dem Handspiegel vor dem Gesicht in der S-Bahn schminkt. Der alte Professor, der in seine Zeitung versunken nicht wahrnimmt was um ihn herum geschieht. Die zwei spanischen Touristinnen, die mit einer so unglaublichen Geschwindigkeit ihre Sätze abspulen, dass ich kaum noch etwas verstehe. Der Kapuzenpulli-Typ mit seinen überdimensionierten Weltraum-Kopfhörern, der sich an der Stange festhält und rhythmische Zuckungen zu irgendeinem Takt veranstaltet (ob er so Pole Dancing lernen will?). Die Mutter mit dem kreischenden Kind im Kinderwagen. Der Hipster mit seinem ipad, der irgendwelche obskuren Diagramme hin und herschiebt. Selbst die Controlletti, eine coole Lady mit Migrationshintergrund und einer wahnsinnigen keinen Widerspruch duldenden Stimme – ich könnte euch alle umarmen. You are my world, you are life, you are everything freedom stands for.

Dann ist da noch der abgerissene Typ, der jetzt leider sogar gegen den Fahrtwind der aufgeklappten Fenster so stark stinkt, dass mir fast schlecht wird. Ich weiß, ich bin da überempfindlich. Ich bin nach der Devise aufgewachsen, lieber zweimal zuviel duschen als einmal zuwenig. Gegen Buttersäuregestank bin ich allergisch. Mir kommt sofort ein Würgereiz.

Die Lady Controletti nimmt ihn mit.

Ich atme auf. Buchstäblich.

Die gute Laune ist gerettet. Vorerst.

Erst Stunden später denke ich nochmal daran, und frage mich, was wohl daraus wurde? Wahrscheinlich nichts. Er hat nichts, wahrscheinlich nicht mal einen Personalausweis, die können fordern was sie wollen, mit der nächsten S-Bahn fährt er weiter.

Der unsagbar blöde Song von Janis Joplin fällt mir ein. Freedom is just another word for nothing left to lose.Blöder geht es nicht mehr, du dumme Kuh.

Nein, ich muss mich nicht dafür rechtfertigen, dass ich auch mal gute Laune habe obwohl es anderen schlecht geht. Das Recht hast du.

Aber zu denken sollte dir dieses Video geben. Ein soziales Experiment, gestellte Szenen. Ein abgerissener Typ braucht auf offener Straße zusammen, und niemanden kümmert es sich. Ein „korrekt gekleideter“ Mann bricht zusammen, und es dauert keine 10 Sekunden und die Passanten kümmern sich um ihn.

Ich frage mich: hätte ich dem ersten geholfen? Auch wenn er unerträglich gestunken hätte? Ich rede mich raus, wahrscheinlich hätte ich per Smartphone Hilfe gerufen, das Problem delegiert.

Ja, ich bin keine Heilige. Wenigstens denke ich ab und zu mal darüber nach. Schwacher Trost, klar. Aber irgendeine Ausrede braucht der Mensch.

Angel lkacqrfe58gf9hhl0e4cvreht251190bc514dc0

Über sunflower22a

I am a mystery.
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