Sozialdemokraten

Eigentlich sollte man meinen, Homosexualität sei heute nichts mehr was Karrieren gefährdet, jedenfalls in Deutschland. Minister, Bürgermeister, Promis aller Art – das ist doch jetzt nichts Aufregendes mehr. Ist aber nicht so. So manche Führungskraft versteckt seine Homosexualität immer noch, warum auch immer. Einer von ihnen suchte unlängst eine weibliche Begleitung für eine Festivität, nachdem eine Freundin das nicht mehr machen konnte. Sie hat jetzt „einen anderen“, und das wissen viele Besucher dieser Festivität. So fragt er mich.

Gut, ich willige ein. Könnte interessant werden. Ich spiele die neue Freundin eines sozialdemokratischen Politikers, der lieber heimlich als offen schwul ist. Er bittet mich, nicht allzu aufgetakelt zu erscheinen, das könnte zu unvorteilhaften Vermutungen führen. Nämlich? Naja, druckst er herum, noch unliebsamer als Homosexualitäts-Gerüchte wäre es ihm wenn man herumerzählen würde, er käme mit einer Escort-Lady.

Ach je, was habt ihr für Probleme, denke ich mir.

Wir klären einige Dinge, wie haben wir uns kennengelernt, welche Story tischen wir auf, nenne ich meinen wirklichen Namen oder nicht, etc. Und ich soll möglichst nicht viel über Politik reden, das könnte schiefgehen, lieber über Kultur oder Mode oder Musik.

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Es ist eine interessante Party. Ein hohes Tier feiert einen runden Geburtstag. Viele bekannte Gesichter. Hier bekommst du eine seltene Chance, aus nächster Nähe zu sehen wie sie ticken. Viele ältere Herren, fast alle mit Begleitung, auch eine Reihe jüngerer. Auch die Begleiterinnen sind fast alle in der Partei verwurzelt, leiten irgendwelche Wahlkreisbüros, sitzen in Ministerien, aber fast immer sind es kleinere Nummern als ihre Männer. Abgesehen von den Begleiterinnen der Herren sind wenig Frauen hier, darunter eine veritable Ministerin, und diese Frauen sind wiederum fast alle ohne Begleitung.

Schnell erfasse ich eine Grundstimmung dieser Party, die zu beschreiben mir schwerfällt. I’m looking for the best German word. Arriviert. Das trifft es vielleicht am besten. Arriviert sind sie, sie haben es zu etwas gebracht, sie sind zufrieden mit sich, stolz auf sich.

Nein, es ging ihnen nie nur um die Karriere. Ideale, dafür sind sie in die Politik gegangen, in ihre Partei. Franz Josef Strauß stoppen, von diesen Zeiten erzählt sich eine Dreiergruppe. Aber die meisten reden nur von heute. Es geht nur um Personalfragen. Der eine will irgendein Amt, wie können wir ihm helfen. Ein Sohn muss irgendwo untergebracht werden, sehr gutes Staatsexamen, habt ihr nicht bei euch in der Landesregierung noch was für ihn? Ja, es sind existenzielle Fragen. Jedenfalls für die Betroffenen.

Eine der vielen Begleiterinnen, eine ältere und sehr charmante Lady, kommt mit mir ins Gespräch. Ja, mein „Freund“ sei eine Hoffnung in der Fraktion, der könne was. Der sieht das und ist wohl leicht alarmiert und kommt schnell hinzu, damit er mitkriegt was ich möglicherweise über ihn sage. Sie setzt ein schelmisches Lächeln auf und sagt ihm, er müsse aufpassen, er mache ja gut Karriere aber ihrem Mann solle er keine Konkurrenz machen, dem sei er nicht gewachsen. Er ist irritiert, weiß nicht was er antworten soll. Ich placiere einen dicken Kuss auf seine Wange und sage keck, keine Angst, er ist ein ganz Kluger, der macht nur der CDU Konkurrenz. Ich spüre, wie er vor Scham am liebsten im Boden versinken würde.

Als sie weg ist, zischt er mir zu, ich solle es nicht übertreiben. Ich wische ihm den zurückgebliebenen Lippenstift ab. Ich beobachte die Herren weiter. Vermögensanlage in Zeiten verschwindender Zinsen ist auch ein wichtiges Thema, da muss man auf vieles aufpassen. Alles was sie sind, was sie haben, verdanken sie der Partei. Sie ist eine Karrieregemeinschaft, und wer sie verlässt, ist weg. Irgendwann kommt die Rede auf Wolfgang Clement, der war vor 10 Jahren noch dabei. Schau, was aus dem geworden ist, mit dem will niemand  mehr auch nur gesehen werden. Sie reden über einen abwesenden Menschen, dessen Name mir nichts sagt. „Das soll dem XYZ eine Lehre sein, habe ich ihm gesagt.“

Arriviert sind sie, sie klopfen sich auf die Schultern. Sie haben die Früchte sozialdemokratischer Politik geerntet, viele sind aus einfachen Verhältnissen aufgestiegen, haben es zu etwas gebracht. Sie sorgen dafür, dass ihren Kindern dieses Niveau erhalten bleibt. Das ist ihnen wichtig.

Irgendwann frage ich einen der bekannteren Herren, was für Projekte denn die SPD in den nächsten drei Jahren Großer Koalition noch machen will, sie hätten doch schon fast alles in trockenen Tüchern. Noch bevor der seine ausweichende Antwort beendet, kommt mein „Freund“, offensichtlich besorgt darüber was ich jetzt schon wieder mache, und übernimmt gekonnt das Gespräch.

Was für eine Frage, wie kann ich so etwas fragen? Scheint eine Tabufrage zu sein. Darüber hat den ganzen Abend niemand diskutiert. Nur Personalfragen und Koalitionsoptionen. Respekt vor der CDU, aber einiges an Schadenfreude wenn im System Merkel es zu Störungen kommt und die AFD der CDU zusetzt. Aber man hat sich arrangiert mit dem Seniorpartner, freut sich dass man wieder dabei ist. Die Grünen, freundlich-abfällige Bemerkungen, die sind jetzt erstmal draußen, und mit der CDU können die zum Glück nicht, von ihren Höhenflügen sind sie runter, und diese zwei Witzfiguren an der Fraktionsspitze sind so was von harmlos. Hämisch-giftig lästern sie über die Linken und so wird dir klar: für die ist die Zukunft die Koalition mit der CDU, nicht rot-rot-grün.

Ein lehrreicher Abend, Anschauungsunterricht von innen. Ich hätte einen guten Eindruck gemacht, sagt mir mein „Freund“. – Danke. – Ob ich sowas nochmal machen würde, nein, nicht so oft, nur alle paar Monate. – Mal sehen. Läuft das immer so? – So ähnlich. Sei doch ganz interessant. Er würde sich freuen.

Crazy world.

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Über sunflower22a

I am a mystery.
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7 Antworten zu Sozialdemokraten

  1. tikerscherk schreibt:

    Was Du alles erlebst!
    Die Zukunft der SPD liegt in der Koalition mit der CDU. Wer hätte das jemals gedacht.
    Das Wort arriviert trifft es sehr gut, finde ich.

  2. Matthias Eberling schreibt:

    Spannende Geschichte aus dem Herzen der Finsternis. Großartig geschrieben – und ich erhoffe mir noch mehr Anekdoten vom Planeten Macht.

  3. waswegmuss schreibt:

    Meine Habibin war mal rechte von….
    Was du schreibst stimmt, leider.

  4. Pingback: Zwei Jahre | sunflower22a

  5. Pingback: Sozialdemokraten, Teil 2 | sunflower22a

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