Die Invasion der Touristen

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Zuviele Menschen, Berlin vor dem Kollaps. Hilfe. Aber nicht nur die Springer-Presse bringt so was. Auch viele meiner Bekannten sagen das, viele vernünftige, freundliche, sympathische Leute. Sie lassen kein gutes Haar an den Touristen. Benimmt sich ein Berliner in der U-Bahn daneben, hat sich „einer“ daneben benommen. War es ein Tourist, dann hat sich „ein Tourist“ danebenbenommen.

Touristen. Nie gab es mehr davon, nie war es mehr Menschen möglich für wenig Geld in die weite Welt zu fahren. Tourismus ist eine der wichtigsten Wirtschaftsbranchen weltweit, unzählige Arbeitsplätze hängen am Tourismus. Eigentlich eine schöne Sache.

Aber je mehr Touristen es gibt, desto lauter auch die Klagen über die vielen Touristen. In dem kleinen Städtchen Venedig mit etwas mehr als 50 000 Einwohnern tummeln sich jährlich 30 Millionen Touristen, etwas über 150 000 an jedem beliebigen Sommertag. Und viele Einheimische wehren sich gegen die Invasion. In der 3 Millionen-Stadt Berlin sind es nur 24 Millionen Touristen-Übernachtungen im Jahr, aber die Klagen über die Touristen werden auch in Berlin immer lauter. Mehr als 2 Millionen auf einmal sind es in Berlin nie – venezianische Verhältnisse würden bedeuten, jeden Tag im Sommer 6 Millionen. Auf einmal. Kaum vorstellbar. Aber Berlin ist nicht Venedig.

Ich weiß nicht, aber mir sind solche Klagen unsympathisch. Ich bin eigentlich immer Gast in einer fremden Stadt. Manchmal wohne ich zwar in ihr, schon jahrelang, aber ich fühle mich dennoch oft wie ein Gast. Das halbe Jahr verbringe ich als Gast in anderen fremden Städten, in denen ich nicht wohne. Nicht unbedingt als Touristin, aber ob ich privat oder geschäftlich unterwegs , ist eigentlich egal. Ich freue mich immer, wenn ich als Fremde gastfreundlich aufgenommen werde, wenn sich Leute freuen dass ich ihre Stadt besuche. Eine Stadt, auf die sie stolz sind. Es ist ein beklemmendes Gefühl, wenn dir Menschen zeigen, dass du bei ihnen nicht willkommen bist. Weil du weiß bist, wei8l du schwarz bist, weil du westlich bist, weil du Muslimin bist, weil du eine Frau bist, weil du dich anders verhältst, weil du reich aussiehst, weil du keine von ihnen bist. Oder wenn das alles nicht zutriffst, weil du eine ganz normale Touristin bist, von denen es leider schon zuviele gibt.

Wenn mir jemand wieder mit diesem Gejammer über „die Touristen“ kommt, stimme ich inzwischen immer zu und setze die Geschichte fort, aber dann sage ich statt „Tourist“ ganz einfach „Ausländer.“

„Ja, ich habe kürzlich auch eine Horde besoffener Ausländer in der U-Bahn getroffen. Sollen sie doch alle wieder zurück dahin, wo sie herkommen. Es kommen immer mehr. Wir müssen uns wehren. Das kann so nicht weitergehen.“

Dann ist das Gespräch schlagartig beendet.

Man kann nicht leugnen, dass zuviele Touristen ein Problem sind. Natürlich. Was „zuviele“ sind, ist keine objektive Größe, sondern ein subjektives Gefühl.

Aber darf man seine Abneigung gegen „zuviele“ Touristen an ihnen auslassen? An Menschen, die gekommen sind, deine Stadt als Gast zu sehen? An Menschen, bei denen du vielleicht später selbst zu Gast sein willst? Nein. Auch wenn es die einfachste Art ist, zu reagieren.

Tourismus muss man, wie so vieles, politisch steuern. Wenn in Venedig tagtäglich 10-12 Kreuzfahrtschiffe anlegen, jedes mit einigen 1000 Touristen, dann ist es kein Wunder wenn die Stadt überquillt. Das muss man stoppen. Qualitätstourismus statt Massentourismus. Das Problem sind nicht die Touristen, sondern diejenigen, die für Tourismuspolitik verantwortlich sind. Die am Tourismus verdienen und damit immer mehr verdienen wollen.

Aber die anzugehen, ist so viel mühsamer als gegenüber den Touristen, die dir gerade begegnen, unfreundlich zu sein.

 

 

Über sunflower22a

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3 Antworten zu Die Invasion der Touristen

  1. tikerscherk schreibt:

    Ich kenne das Gejammer über Touristen, und stimme selbst oft genug in das Lied ein.
    Warum?
    Es sind ja nicht „die Touristen“, die nerven, sondern die, die mit Easy Jet zum Saufgelage anreisen und die Hauseingänge und Brücken zupinkeln und vollkotzen. Die ihre Flaschen auf den Radweg schmeissen, weil sie ganz Berlin für eine einzige Partymeile halten.
    Das hat mit Tourismus, wie ich ihn verstehe nichts mehr zu tun.
    Das ist Vandalismus im großen Stil, und der nervt einfach.
    Ich bezweifle, dass die Venedigbesucher sich so aufführen.

    Womit Du grundsätzlich Recht hast, ist dass wir Berliner sehr viel offener sein sollten, den Gästen unserer Stadt gegenüber. Nämlich jenen, die aus echtem Interesse hierher kommen, und sich wie Gäste benehemn, und nicht wir Berserker.
    Sie sind eine echte Bereicherung für die Stadt.

  2. Düsselbarsch schreibt:

    In Bonn gab es nach dem Wechsel der Hauptstadtwürde nach Berlin reichlich Amusement über Klagen, in Berlin würden jetzt zu viele Demonstrationen stattfinden. Bonn (300.000 Einwohner) hatte diese mit Haltung ertragen. Trotz Platzverhältnissen, als würden alle Demonstrationen Berlins in SO 36 stattfinden. Der Berliner scheint eben besonders empfindlich zu sein.

  3. Samuel schreibt:

    Der Unterschied liegt darin, dass nach Venedig keine primitiven, grölenden und schlagenden Billigsauftouristen kommen, die hingegen in Berlin dauerhaft anzutreffen sind. Auch Bonn blieb seinerzeit davon verschont und zu Demonstrationen kam doch auch kaum jemand in die Provinz, was in der weit interessanteren Stadt Berlin ganz anders aussieht, wo auch die kritische Masse für kritisches Denken weit stärker ist. Also nicht Pferdeäpfel mit Birnen vergleichen.

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