Die moderne Hexenjagd

Es kommt selten vor, dass mir eine Presseerklärung einer Partei so gut gefällt, dass ich sie fast hier gepostet hätte. Die Wiener Grünen-Politikerinnen Birgit Hebein und Monika Wurzer haben dieses Kunststück fertiggebracht. Zum Internationalen Hurentag am 2.Juni sprechen sie Klartext:

Der internationale Hurentag ist ein Aktionstag aus der internationalen SexarbeiterInnenbewegung und geht zurück auf die Besetzung einer Kirche in Frankreich durch Sexarbeiterinnen in den 1970er Jahren. „Damals wie heute geht es darum: Verbote führen zu Kriminalität, Gewalt und Illegalität auf Kosten der SexarbeiterInnen“, sagt Martina Wurzer, Frauensprecherin der Grünen Wien. „Die Welle der Kriminalisierung von SexarbeiterInnen zieht sich derzeit durch ganz Europa. Das sind besorgniserregende Entwicklungen, die zu bedrohlichen und prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen für SexarbeiterInnen führen“, betont Wurzer. „Die Verdrängung von SexarbeiterInnen aus der gesellschaftlichen Mitte und, ganz real, aus dem sichtbaren Stadtbild, ist eine der größten Gefahren für die Menschen, die in der Sexarbeit tätig sind“, so die beiden Gemeinderätinnen abschließend.

Genauso ist es. Diese Repression kommt nicht von den Rändern der Gesellschaft. Von irgendwelchen Rechtspopulisten, sondern aus der Mitte, aus dem radikalisierten Spießertum.  Gerade diese Leute machen sich gerne über schwächere Bevölkerungsgruppen her, die einen über Migranten, die anderen eben über Prostituierte. Aber die schweigen nicht mehr. In Brüssel haben sich 65 Straßen-Sexarbeiterinnen in einem offenen Brief gegen neue Polizeiverordnungen, mit denen sie von ihren bisherigen Standorten vertrieben wurden – aufgrund von Protesten der Anwohner, die keine Sexarbeiterinnen sehen möchten. Sie schreiben, jahrelang habe man friedlich zusammengelebt, und inzwischen herrsche ein Klima der Aggression und Einschüchterung. Sie bitten um Verständnis für ihre Situation – auch sie wollten nur Geld zum Überleben verdienen, und würden sonst auf der Straße leben müssen.

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Auch gegen andere Sexarbeiterinnen richtet sich immer mehr Hass, beispielsweise gegen Pornodarstellerinnen. Belle Knox, eine 19jährige Studentin der Duke University, hatte erhebliche Probleme die $60 000 Studiengebühren zu bezahlen und fing deshalb an, Pornodarstellerin zu werden. Sie sagt, es mache ihr auch noch wahnsinnig Spaß, es sei ein wunderbarer Job für den sie sich nicht schäme. Sie wurde an der Universität einer massiven Hetzkampagne ausgesetzt – aber sie hat beschlossen, das durchzustehen. Sie lasse sich nicht vorschreiben, wie sie ihre Sexualität auslebe und nicht verbieten, damit Geld zu verdienen.

Andere sind nicht so stark, wie etwa Alyssa Funke, die 19jährige Studentin die Selbstmord beging nachdem sie ständiges harassment erlitten hatte dafür, dass sie Geld mit Pornografie verdient. Ihre früheren Kommilitonen setzen sie intensivem cyberbullying aus, nachdem sie erfahren hatten, dass Alyssa in einem Pornostreifen aufgetreten war. Die University of Wisconsin River-Falls  nahm diese widerlichen Studenten auch noch in Schutz. Ihre Eltern hatten versucht in Alyssas Namen Geld für eine Kampagne gegen Cyberbullying zu sammeln – und kamen auf genau $165.

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Was glaubt eigentlich diese Meute, was sie tut? Wo ist der grundlegende Unterschied zu der primitiven Meute in Pakistan, die eine schwangere Frau steinigt, nur weil sie selbst bestimmen wollte, welchen Mann sie heiratet? Wo ist der Unterschied zu den primitiven Meuten, die im Mittelalter sogenannte Hexen verbrannt haben? Eine Meute, und zwar keineswegs nur eine männliche Meute, die es nicht ertragen kann, dass eine Frau selbstbestimmt die herrschenden Keuschheits- und Moralvorstellungen in Frage stellt.

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Dabei sind Sexarbeiterinnen keine anderen Menschen als der Durchschnitt der Bevölkerung – sie sind klug und intelligent, sie sind dumm und naiv, sie sind herzlich und freundlich, sie sind arrogant und egoistisch, sie sind leistungsorientiert, sie sind faul, sie sind gute Menschen und sie sind schlechte Menschen. Und viele passen  überhaupt nicht in die Klischees die die Meuten von ihnen haben.

Zum Beispiel Veronica Monet, die gläubige Escort-Lady die kein Glas Alkohol mehr anrührt. „I am speaking about God and prostitution in the same breath… Even though my path was shocking to many, it was empowering for me. Why was I so happy? Why was it such a good experience for me? My work as an escort was sourced in my spiritual life more than any profession I had before.  I prayed constantly to be of service to all my clients… What gave me joy was the opportunity to be a healing influence in the lives of others.

Woher kommt all der abgrundtiefe Hass gegen Sexarbeiterinnen, die kreuzzugsartigen Feldzüge auch von so vielen eigentlich ganz vernünftigen Menschen gegen diese Frauen? Ich verstehe das nicht.

sex workers graffiti

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3 Antworten zu Die moderne Hexenjagd

  1. Raze schreibt:

    Ach, so schwer ist das gar nicht zu verstehen. Man gehe einfach von folgendem aus:
    1) Kleinbürgerliche Regel: Arbeit muss dir Spass machen.
    2) Prostituierte haben jede Menge Sex – mehr jedenfalls als der „Durchschnittsbürger“. Ist ja ihr Job.
    Verquere logische Folgerung: Die haben mehr Sex als ich und auch noch Spass dabei! Sauerei! Warum hab ich das nicht?
    Oder anders gesagt: All die Gegner sind aus irgendwelchen Gründen neidisch. Sei es, weil ihnen ihr Sexleben zu mickrig vorkommt, weil sie auch gerne mal eine in Aspruch nehmen würden und sich nicht trauen – oder es sich nicht leisten können. Was auch immer.

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