Wikinger und was ich an ihnen nicht mag

Ich war noch nie in Skandinavien, und hatte auch noch nie das Bedürfnis das zu ändern. Eigentlich muss man da nicht hin, finde ich. An vielen Skandinaviern, vor allem Schweden, hat mich öfter etwas gestört, was ich nur diffus beschreiben konnte. Kürzlich hörte ich einen Vortrag der schwedischen Sexarbeiter-Aktivistin Pye Jacobsson, bei dem mir einiges klar wurde, was mein diffuses Unbehagen an Schweden ausmacht.

Seit ungefähr hundert Jahren versuchen Schwedens Regierungen, jahrzehntelang ununterbrochen von Sozialdemokraten gestellt, die „perfekte Gesellschaft“ zu schaffen, ein sogenanntes „Volksheim“. „Perfekte Gesellschaften“ – so etwas kennen wir ja von kommunistischen Diktaturen, wo diese Versuche unter Zwang stattfanden und natürlich schiefgingen. Das Besondere an Schweden ist, dort wurde und wird das von einem gesellschaftlichen Nahezu-Konsens unterstützt. Das Ergebnis sind nicht nur solch absurde Dinge wie die Öffentlichkeit sämtlicher Steuerunterlagen, damit auch deine Nachbarin sehen kann was du für ein Mensch bist, oder die extrem restriktive Alkoholgesetzgebung. Ein Ergebnis ist, dass viele Untersuchungen herausfinden, dass der Zwang zur gesellschaftlichen Konformität in Skandinavien durchaus höher ist als anderswo, aber auch das subjektive Gefühl, ein glücklicher Mensch zu sein. Wo leben die subjektiv glücklichsten Menschen der Welt? Angeblich in Dänemark.

Aber: Dazu gehört auch das „schwedische Modell“ der Kriminalisierung von Sexarbeit. Die Sexarbeiterin selbst wird formal nicht kriminalisiert, aber ihre Kunden. Sie kann aber ihre Kinder verlieren, ihre Wohnung und vieles mehr, weil sie von einem allmächtigen Obrigkeitsstaat als „ungeeignet für Kindererziehung“ befunden wird, oder weil der Wohnungsvermieter als „Zuhälter“ klassifiziert wird, wenn er das zulässt.

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Vieles andere mehr was man sonst nur aus totalitären Staaten kennt, wird durch dieses Gesetz ausgelöst – eine Frau, die öfter mal Herrenbesuch bekommt, kann beispielsweise von den Nachbarn gleich mal bei der Polizei denunziert werden. Pye beschreibt das hier sehr eindrücklich, was in diesem Land abgeht. Aus der „perfekten Gesellschaft“ Schwedens ausgegrenzt werden Drogenabhängige und Sexarbeiterinnen und ihre Kunden. Selbst die Vereinten Nationen haben Schweden aufgefordert, das Gesetz zur Freier-Kriminalisierung wegen seiner vielfältigen negativen Folgen zu überprüfen. Schweden tat dies zunächst nicht – jetzt tun sie es, aber mit dem Ziel, es noch schärfer zu machen.

Als im Europaparlament eine Abstimmung  anstand, wonach bei allen Fragen die Sexarbeiterinnen betreffen, diese auch angehört werden sollten, stimmten alle schwedischen Abgeordneten fraktionsübergreifend dagegen. Die Justizministerin erklärte empört im schwedischen Parlament, so ein Vorschlag widerspreche allem „wofür Schweden steht“.

Aus Schweden breitete sich diese totalitäre Ideologie auch auf das Nachbarland Norwegen aus, das aber immerhin noch einen gewissen Meinungspluralismus hat. Das 2009 von der rot-grünen Regierung Norwegens beschlossene Gesetz nach schwedischem Vorbild muss nach Ablauf von 5 Jahren im Juni 2014 evaluiert werden, und keine der 3 Parteien der jetzt regierenden konservativen Regierungskoalition hat damals für das Gesetz gestimmt. The Nordic Page berichtet über die Auseinandersetzungen  in Norwegen – es zeichnet sich ab, dass die Konservativen und Liberalen das Gesetz aufheben.

Ich hoffe sie haben den Mut. Sagt der liberale Abgeordnete Sveinung Rotevatn (welch ein Name), und er hat recht. Nein, ich bin keine Konservative und auch keine Liberale. Aber wenn es um den Widerstand gegen Gutmenschendiktaturen geht, bin ich nicht zum ersten Mal der Meinung, dass so manches Klischee der „progressiven“ Rot-Grünen  und der „reaktionären“ Liberalen nicht so ganz stimmt. „Perfekte Gesellschaften“, nein danke.

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Über sunflower22a

I am a mystery.
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11 Antworten zu Wikinger und was ich an ihnen nicht mag

  1. tom schreibt:

    Treffer – versenkt (wieder mal)! Auch wenn ich mich nun ganz und gar nicht Feminist nennen würde (auch nicht „sexpro“-Feminist) – nicht wenige Deiner hier im Blog vorgebrachten Positionen sprechen mich durchaus an – so auch hier.

    Zum Teil aggressiver Konformismus und Spießertum scheinen mir heutzutage eher in der „bürgerlichen“ Linken (Sozialdemokratien, Grüne usw.) zu hause zu sein, als im „konservativen“ oder „liberalen“ Milieu (und das gilt nicht nur für das sozialdemokratische Musterländle).

  2. Ronald.Z schreibt:

    Hallo Sonnenblume.

    Habe Dich über den Kiezneurotiker kennen und schätzen gelernt.

    Insbesondere Deine politischen Texte ergänzen/vervollkommnen den Blog.

    Einfach mal so als positives feeback:

    Mach so weiter!

    Ronald.Z

    PS.
    und Danke

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  5. Jan schreibt:

    Da ist noch eine Polemik Skandinavien betreffend. https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/die-ganze-wahrheit-ueber-skandinavien
    Habe längere Zeit im äußersten Norden verbracht und mache mir immer noch Gedanken darüber,
    hätte nicht gedacht, dass der rigide jetzt schon säkulare Protestantismus noch so eine starke Rolle spielt. Die ‚Moral‘ kommt oft klebrig und zeigefingerartig daher. Viele Grüße, Jan.

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