Danke, Andrea Titz

Montage können so schrecklich sein. Ja, ich habe verschlafen. Es wurde gestern abend wieder spät. Dennoch, ich bin gut gelaunt, das Wetter ist schön, ich habe mich frühsommerlich gestylt. Gut, ich komme zu spät, diese schreckliche Besprechung in großer Runde hat schon angefangen. Es ist noch genau ein Sitzplatz frei. Ausgerechnet neben M., mit der ich in tiefer Abneigung verbunden bin. Kein Wunder, wer will schon neben der sitzen. Graue Maus, erzkonservativ, lächelt nie,  extremst pingelig, läuft rum wie in den 50er Jahren, dabei ist sie noch gar nicht so alt. Sie wählt bestimmt AFD und ist bei einer Puritanersekte, jede Wette. So eine Art Beatrix von Storch, aber vermutlich nicht so wohlhabend.

Als ich, gezwungenermaßen, neben ihr Platz nehme, verzieht sie das Gesicht und schaut mich für alle sichtbar verächtlich an. Ihr ganzer Gesichtsausdruck sagt: du Nutte. Ich ignoriere sie. Es dauert keine 5 Minuten, dann giftet sie mich an, ich solle mit meinen heute sehr zahlreichen Armreifen nicht dauernd so klimpern, das mache sie verrückt. Ich ignoriere sie und klimpere weiter. Ein weiterer Protest wird ebenso ignoriert.

Zwischen zwei Tagesordnungspunkten ergreift sie ungefragt das Wort und fragt, „Haben wir nicht eine Kleiderordnung hier? Wie kann es angehen dass man hier mit soviel klimperndem sogenanntem Schmuck, einem viel zu knappen roten Kleid und derart hochhackigen Schuhen zur Besprechung kommt? Darf die das überhaupt? Wie eine…“ Sie hält inne.

„Wie eine was?“ fragt der Sitzungsleiter.

Jetzt sagt sie nichts mehr. „Wie eine Nutte, wollte sie sagen“, antworte ich. „Aber in Wirklichkeit ist das der Andrea-Titz-Look. Der ist jetzt angesagt – und der Graue-Maus-Look ist schon lange out.“

Allgemeines Gelächter. Die Nummer habe ich gewonnen. Nach der Kaffeepause setzt sie sich woanders hin.

Andrea Titz können wir wirklich dankbar sein. Die Münchner Gerichtssprecherin hat ja keinen leichten Job. Mit Für ein Gericht, das beim NSU-Prozess nicht immer eine gute Figur gemacht hat, zu sprechen – sie hat dabei eine gute Figur gemacht. Rein professionell, aber auch vom Auftreten.

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Ihr rotes Kleid mit den lila High Heels – genial. Das Schlangenmusterkleid, der knappe Leopardenrock – ultrachic. Und in diesem Outfit ist sie inzwischen DIE Autorität am Münchner Oberlandesgericht.

Andrea-Titz

Andrea Titz hat mit der größten Selbstverständlichkeit gezeigt: diese ganzen Dresscode-Konventionen der Merkel-Ära, jede Woche reproduziert von Mainstream-Frauenzeitschriften à la „Die hochgeschlossene Bluse sorgt für Seriosität“ sind der reine Müll. Eine restaurative Gegen-Kulturrevolution, die schleichend die Gesellschaft durchsetzt. Besonders anfällig dafür: die protestantisch geprägten USA und Nordwesteuropa, wo Lebensfreude tendenziell schon als sündig gilt. Es sind auch die Zentren des Neoliberalismus. Gibt es da Zusammenhänge?

M. giftet in der Kaffeepause weiter. So eine wie Andrea Titz habe an einem Gericht nichts zu suchen. Zum Totlachen. Genauso wie der Leser-Kommentar in der Münchner tz : „Frau Titz in ihrem knappen Kleidchen im Schlangenmuster schreit ja nach einem tiefenpsychologischen Ansatz oder einem Rüffel durch ihren Dienstherrn ! Oder stakst sie beim nächsten Promiprozess dann in Strapsen und Catsuite zum Posing vor die Kameras ? ohmei, ohmei – nicht nur modisch ein Grenzfall…

Wir brauchen noch viel mehr Frauen wie Andrea Titz im öffentlichen Leben.

Titz2

 

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5 Antworten zu Danke, Andrea Titz

  1. Schirrmi schreibt:

    Wie wahr! In unserem Business sieht auch immer jede, aber auch jeder gleich aus. Auswechselbar, keine Spur von Individualität. Somit bin ich ebenso froh das es Ausnahmen gibt und ich setze ebenso ein Zeichen und ernte entsprechende Blicke🙂

  2. westendstorie schreibt:

    Und weiter mit den klimmpernden Armreifen. Sehr gut🙂

  3. Pingback: Wie die Frauen den Männern die Mode wegnahmen | sunflower22a

  4. Hans Giza schreibt:

    „Wir brauchen noch viel mehr Frauen wie Andrea Titz im öffentlichen Leben.“
    Das ist genau vollkommen richtig.Endlich mal eine Frau (Andrea Titz) die zeigt das sie eine Frau ist und sich weiblich elegant sowie anziehend kleidet.Denn diese Frau kann es sich leisten und das Andrea Titz attraktiv ist das ist ja nun keine Sünde.

  5. tgsflash schreibt:

    Jetzt müssen nur noch die Herren nachziehen und zu ihrer Körperlichkeit stehen und ihre Souveränität nicht alleine von Anzügen abhängig machen.
    Amüsant sind immer Kommentare die es ins extreme ziehen. Wahrscheinlich haben solche selber einen Fetisch und fühlen sich dabei ertappt.

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