Nah am Wasser

Immer wieder ist es mir peinlich. Wenn mich etwas emotional bewegt, kommen mir in Sekundenschnelle die Tränen. Das bedeutet noch lange nicht, dass ich traurig bin – nur dass mir etwas nahe geht. Kürzlich war ich bei einer Freundin eingeladen, und mir zuliebe legte sie Musik auf von der sie wusste, sie gefällt mir.

Ich musste weinen. Nur kurz, aber unübersehbar.

Ofra Haza hat sie aufgelegt. Die größte, wunderbarste Tochter Israels. Eine Sängerin, vor 14 Jahren viel zu früh gestorben. Sie war ein Kind jemenitischer Einwanderer in den Slums von Tel Aviv. Das ist das Letzte, das niedrigste, gerade noch über den schwarzen Juden aus Äthiopien in der zutiefst rassistischen Gesellschaft Israels. Viele Musikproduzenten lehnten es von vornherein ab, mit ihr zu arbeiten  – Jemenitin aus den Slums, vergiss es. Dennoch hat sie es geschafft, sie wurde zur ersten israelischen Popsängerin die weit über ihr Land hinaus bekannt wurde. Als sie 1983 beim Eurovision Song Contest den zweiten Platz belegte, war klar – aus der kann was werden. 1988 der Durchbruch mit Im Nin Alu, ein wunderbares schönes Stück aus dem Fundus der Tradition jemenitischer Juden, aufbereitet als moderne Popmusik . Ich habe dieses Lied geliebt.

Mindestens genauso schön ist Eshal, auf derselben CD wie Im Nin Alu 1988 veröffentlicht.

Wir haben ihre Lieder unter der Hand in Amman auf Kassetten kopiert, israelische Musik war in Jordanien natürlich verboten. Die Kassetten  waren der Renner. Arabisch klingen sie allemal, die jemenitischen Songs, und moderne Popmusik waren sie auch, hebräisch hin oder her.

Ofra ist vor 14 Jahren gestorben. Gerade mal 43 Jahre wurde sie alt. HIV. Damals noch das Todesurteil. Es war fast ein Staatsbegräbnis, Israels Establishment das sie so lange verachtete trauerte um sie. Ich auch, aus der Ferne. Als sie 1994 bei der Friedensnobelpreisverleihung an Arafat, Rabin und Peres auftrat, war sie im Olymp der israelischen Kultur angekommen.

Noch immer kommen mir die Tränen, wenn ich sie unerwartet höre.

Über sunflower22a

I am a mystery.
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5 Antworten zu Nah am Wasser

  1. tikerscherk schreibt:

    Zwei Beiträge hintereinander, die -vorsichtig formuliert- sehr israelkritisch, wenn nicht -feindlich sind.
    Wie kommt das?
    Du schreibst von der „zutiefst rassistischen Gesellschaft Israels“ und von den „Besetzern“, die zum Ziel haben palästinensiche Identität zu zerstören.
    Glaubst Du, das ist das Ziel? Wie kommst Du zu diesem Glauben?
    Ist Israel rassistischer als andere Staaten im Mittleren Osten, oder als europäische Länder oder die USA?

  2. tikerscherk schreibt:

    Nachtrag: ob Deine Beiträge israelfeindlich sind weiss ich nicht, und das möchte ich auch nicht unterstellen.
    Richtiger formuliert muss es heissen: sie klingen israelfeindlich. Und ich wüsste gerne, ob das so ist, und wenn ja warum.

  3. sunflower22a schreibt:

    Liebe Tikerscherk,
    leider kann ich dir hier in der Antwortfunktion nur ohne Links antworten. Daher – die Antwort kommt in einem neuen Beitrag. „Apartheid“ gleich.

  4. Pingback: Apartheid – Antwort auf die Fragen von tikersherk | sunflower22a

  5. Pingback: My dream for the New Year | sunflower22a

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