Alte Männer

Alte Männer regieren die Welt, die Wirtschaft, sind die Quelle allen Übels. So hören wir es oft, so sagen wir es oft, so schreiben wir es oft. Ich auch. Ist ja auch nicht völlig falsch, wenn auch inzwischen einige alte Frauen mit dazugekommen sind.

Alte Männer. Wer sind sie? Eigentlich ist der Begriff gänzlich nichtssagend. Sie sind so unterschiedlich wie Menschen eben sind. Sie sind steinalt und noch nicht ganz so alt, sie sind klug und sie sind dumm, sie sind schön und sie sind hässlich, sie sind charmant und sie sind unfreundlich, sie sind interessant und sie sind langweilig, und so weiter.

Ein bisschen mehr Differenzierung wäre nicht schlecht. Das merkst du erst, wenn du viel mit ihnen zu tun hast. Es reicht eigentlich, einer davon.

Nein, er würde sich nie als „alter Mann“ bezeichnen. Er ist ja noch nicht im Ruhestand, ich bitte Sie, was denken Sie. Ich würde Sie doch auch nicht so begrüßen.

Ja, stimmt. 1:0. Eigentlich schon 4:0. Ich wollte das Gespräch nicht als Abendessen haben, das ist kein professionelles Setting für ein Gespräch über Business. Sicher, es geht um ihn, ein Porträt des Managers und des Unternehmens, aber das macht man in einem Büro, tagsüber. So war es geplant. Aber er sagte kurzfristig ab. Mist. Die einzige Alternative war abends. Das war schon das 1:0 für ihn. In so einer Umgebung wird man freundlicher, unkritischer. Prompt komme ich im kleinen Schwarzen, weil ich in diesen Businesskostümen nicht auch noch abends rumlaufen kann – 2:0. Das 3:0 war dass ich einwilligte, keine Tonaufnahmen des Gesprächs. Macht sich ja auch nicht gut bei einem Abendessen. Aber darum ging es ihm bestimmt nicht. Keine Aufnahmen, die ihn erpressbar machen. Jetzt muss ich dauernd auf einem Notizblock rumkrakeln während des Essens, wie nervig. Also versuche ich möglichst viel einfach im Kopf abzuspeichern.

Er könnte mein Vater sein, vom Alter her. Aber er wirkt nicht alt, im negativen Sinne, auch nicht „junggeblieben“, dieses schreckliche Wort trifft auf ihn nicht zu. Erfahrung ist das beste Wort, das auf ihn zutrifft. Er hat Stil, Charme, Kultur. Jeder Zentimeter ist ein Ausdruck der jahrtausendealten Kulturnation, der er entstammt, der Stadt, die eine Metropole war als in Amerika noch nicht einmal Inkas und Azteken Städte bauten und die Völker Nordeuropas noch gar nicht wussten, was Städte sind. Tadellos gekleidet, Maßanzug natürlich, Manschettenknöpfe vom Juwelier, alles perfekt. Ich muss wirklich aufpassen, seinem Charme nicht zu erliegen. Ein Glück, dass wir hier keine Verhandlungen führen bei denen es um Geld geht. Ich würde wohl alles unterschreiben. bianca-balti-by-john-russo-for-esquire-mexico-november-2013-3

Mein Verstand, mein professioneller Ethos zwingt mich das Gespräch durchzuziehen, mit den vorher überlegten Fragen, wenngleich es mir sehr schwerfällt. Der Ärger  mit dem Kartellamt, die Auswirkungen der Ukraine-Krise, das USA-Geschäft mit und ohne Freihandelsabkommen. Auch ich entfalte all meinen Charme, versuche ihn um den Finger zu wickeln, ich mache ihm Komplimente, ich will alles wissen.

Das Spiel macht uns beiden Spaß. Er versichert mir, so viel hätte er nie verraten dürfen, und bitte schreiben Sie das nicht. Verspreche ich natürlich. Und wir wissen, dass ich das Versprechen natürlich nicht einhalten werde. Das feinsinnige Lächeln, mit dem er darum bittet, ist unwiderstehlich. Irgendwann bin ich mit meinem Programm durch, passenderweise zum Dessert. Meine professionelle Ethik ist gerettet. Käme das raus, was sich hier abspielt, ich wäre erledigt – er nicht. Er würde sogar noch bewundert.

Ich beende formell und offiziell das offizielle Gespräch. Aber ich bleibe noch.

Jetzt gerät der Verstand in den Hintergrund, noch ein Rotwein, sein Charme zieht mich in seinen Bann. Ich stehe irgendwie neben mir und wundere mich über mich selbst. Sein wann faszinieren dich alte Männer? Als Mann, wohlgemerkt?

Warum er sich nicht zur Ruhe setze, sich all den Stress noch antue, er könne sein Leben auf einer Jacht genießen. Niemals, das wäre sein Ende. Langeweile sei nichts für ihn. Er müsse unter Menschen sein, nur das mache den Sinn des Lebens aus. Wäre er im Ruhestand, würde er jetzt nicht mit mir dinieren.

Stimmt. Was halten Sie von Frauen, will ich wissen. Die Fangfrage, entlarve ich den Macho? Natürlich nicht. Er war vor langen Jahren verheiratet, die Frau hat ihn verlassen, mit samt dem kleinen Sohn, er hatte zuwenig Zeit für sie. Ja, er hatte anfangs große Schwierigkeiten, Frauen als ebenbürtige Businesswomen zu akzeptieren. In seiner Generation war das normal. Er habe viel Lehrgeld dafür bezahlt, sie hätten ihm auf die ganz harte Tour gezeigt, dass sie es können. Sie können dich brutaler über den Tisch ziehen als ein Mann.

Es gebe heute viele Businesswomen, und für Männer wie ihn sei es rational gut so, aber emotional merke er immer noch, er gehe mit Frauen anders um als mit Männern. Ein Gentleman zieht eine Frau nicht über den Tisch, das tut man nicht. Aber das müsse man heute eben auch, das sei eben die Kehrseite der Emanzipation.

Ich glaube ihm kein Wort. Natürlich kann er das, Frauen über den Tisch ziehen. Und wie. Er tut es gerade. Aber wie er das tut, es ist…unwiderstehlich. Und versichert mir mit seinem feinsinnigen Lächeln, ich sei es die ihn gerade über den Tisch zieht.

Wir reden zunehmend über Belangloses, aber das Spiel die Form zu wahren und dennoch da hinzukommen, wo man natürlich auf keinen Fall hinkommen darf, ist eine Kunst, die er blendend beherrscht. Ich dachte, ich sei darin auch gut, aber ich kann noch viel von ihm lernen.

Nie hätte ich das für möglich gehalten. Noch einen halben Tag früher hätte ich über Ladies süffisant gelächelt, die zwanzig Jahre ältere Männer attraktiv finden. Aber es stimmt – einen Abend, eine Nacht bin ich gerne die junge Lady, die die Geborgenheit von Lebenserfahrung,  den kultivierten menschlichen Umgang aus einer vergangenen Zeit, die schönen Hände eines Sechzigjährigen genießt. Ein formvollendeter Kavalier, unwiderstehlich, wirklich, I can’t believe it. ..Nur dass er so haarig ist, das hat mich wirklich gestört😦

Liegt es daran, dass ich schon lange meinen Vater aus dem Gedächtnis gestrichen habe? Nein, ich glaube nicht. Väter sind nicht erotisch. Dieser Mann ist es. Ich befürchte, Männer wie er sterben langsam aus. Für sie ist die Form wichtiger als der Inhalt, aber sie haben auch Inhalt. Die jungen Männer heute kennen nur noch die Inhalte, sie sind auf gnadenlose Effizienz getrimmt, da stört die Form nur. Sie gilt als reine Zeitverschwendung. Welch ein Kulturverlust.

Am nächsten Tag bin ich wieder die toughe Lady, mit beiden Beinen im Jetzt, die Jugend ist der Maßstab, alles wie vorher. Aber ich habe eine Seite von mir kennengelernt, die mich noch immer erstaunt.

Über sunflower22a

I am a mystery.
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5 Antworten zu Alte Männer

  1. westendstorie schreibt:

    Und genau das ist der springende dramatische Punkt. Hab da lange drüber nachgedacht und bin mit mir, Bauch, Kopf und Herz einstimmig zu dem Ergebnis gekommen, das ich genau das an Mann mag. Ich mag „gentleman like“. Ich mag das Spiel zwischen Mann und Frau. Ich mag das Geborgensein usw. Ich müsste jetzt nen 4Seiten Absatz verfassen, erspare es sowohl dir zu lesen, und mir zu schreiben😉

  2. Luc schreibt:

    Keine Sorge, solche Männer wird es immer geben. Es sind nur nicht sehr viele, aber das war auch schon immer so.

    • westendstorie schreibt:

      Genau. Nicht viele. Aber sooooo alt sollte er auch nicht sein😀
      Allerdings war ich mal vor vielen Jahren in einer Latinodisco und in einem Moment stand ein eleganter „alter“ Mann vor mir, verneigte sich und bat um einen Tanz. Meine Güte wär das ein eleganter Herr, mit einem Hüftschwung eines 20jähringen Latinlovers. Anschließend verneigte er sich noch einmal höflich und Dankte für den Tanz. Das hat mich schon beeindruckt. Allerdings, wenn ich jetzt darüber nachdenke, vielleicht war er damals genauso alt wie ich jetzt. Und ich bin doch auch jetzt noch nicht alt😀

  3. waldstern schreibt:

    Nun ja, es gibt ja viele Frauen, die alte Männer bevorzugen. Hintergrund ist wohl die hohe Scheidungsrate in der Mitte der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts und das damit einhergehende vaterlose Aufwachsen vieler. Das Körperhaarthema vernahm ich in diesem Zusammenhang jetzt das erste Mal, meistens wurde der nicht mehr feste Körper und der faltige Hals als tendenziell abturnend angeführt.

  4. Pingback: The sexiest politician alive | sunflower22a

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