Der Ideendetektiv erforscht die Pornographie

Jon Millward ist ein „ideas detective“ , jemand der ungewöhnliche Dinge untersucht. Zurzeit beschäftigt er sich mit einer geradezu soziologischen Untersuchung über Pornostars. „Deep inside: A study of 10 000 porn stars and their careers“ . Er hat die Datenbank iafd.com ausgewertet, 7000 weibliche und 3000 männliche Darsteller in den USA über den Zeitraum der letzten 40 Jahre analysiert und kam zu einer Reihe Ergebnisse, die ziemlich unspektakulär sind und genau deshalb einer Reihe von Stereotypen nicht entspricht. Fragen Sie mal jemanden, wie die archetypische weibliche Pornodarstellerin aussieht. Die Antwort wird höchstwahrscheinlich lauten: Blond und beeindruckend große Brüste. Falsch. Im statistischen Durchschnitt fand Millward heraus, sind weibliche und männliche Pornostars viel normaler als erwartet. Sie sind ungefähr genauso groß wie der Durchschnitt, bei Frauen ist die Körbchengröße gerade mal B und sie ist brünett. Also zeimlich durchschnittlich. Dunkelhaarige kommen doppelt so oft vor wie Blonde. Die sind damit immer noch erheblich überrepräsentiert verglichen mit der Normalbevölkerung, ohne Berücksichtigung des Faktors dass man Haare auch färben kann. Nur beim Gewicht sind Pornodarsteller beiderlei Geschlechts deutlich leichter als die Normalbevölkerung.

Auch das durchschnittliche Gesicht ist ziemlich – durchschnittlich:

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Erstaunlich konstant ist das Alter, in dem Frauen in dieses Business einsteigen – seit 40 Jahren mit etwa 22. Männer dagegen tun es heute viel früher – mit 24. In den 70er Jahren war es noch mit 29. Allerdings sind heute die Zeiträume deutlich kürzer, die Leute in dieser Branche verbringen: Frauen nur noch 3 statt 9 Jahre, Männer nur noch 4 statt 12 Jahre. Markant sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern, wenn es darum geht, wie lange sie durchhalten. Nina Hartley ist die Pornodarstellerin mit der höchsten Zahl von Filmen, 938, und hatte dabei Sex mit 199 Männern. Der männliche Rekordhalter heißt Tom Byron und bringt es auf 2549 Filme und Sex mit sage und schreibe 1127 Frauen. Das ist fast schon eine Parodie auf die üblichen Geschlechter-Stereotypen.

Für Männer scheint es erheblich schwieriger zu sein, in die Branche einzusteigen, ohne Beziehungen geht wohl kaum etwas, während es Frauen viel leichter haben. Eine der tausendfach zitierten Behauptungen bei Anti-Porno-Kampagnen ist „“Most girls who enter the porn industry do one video and quit. The experience is so painful, horrifying, embarrassing, humiliating for them that they never do it again.” Die Realität ist aber eine andere. Nur 10-30% hören nach der ersten Produktion auf, mehr als die Hälfte macht mehr als drei. Warum sie dann aufhören, konnte er nicht ermitteln. Andere Untersuchungen fanden heraus, dass Pornodarstellerinnen durchaus glückliche Menschen sind – das habe ich hier auch schon mal geschrieben.

Die meisten Darsteller amerikanischer Produktionen kommen mit weitem Abstand aus dem Inland, verglichen mit der Größe des Landes ist auffallend dass die Plätze zwei und drei Ungarn und die Tschechische Republik belegen. Deutschland liegt auf Platz 8.

Die Künstlernamen sind heute erstaunlich „normal“ geworden verglichen mit den 70 Jahren: die „typischen, durchschnittlichen“ Namen sind Nikki Lee und David Lee. Natürlich werden solche Namen strategisch gewählt – statt Superstar-Namen sind es heute Durchschnittsnamen, weil das Publikum sich heute offenbar lieber an Allerweltsnamen orientiert statt Superstars anzuhimmeln.

Interessant ist auch die Analyse, welche Begriffe in den häufig ziemlich lächerlichen Filmtiteln am häufigsten vorkommen. „Teen“ ist einsame Spitze, gefolgt aber von „MILF“ und „wife“. Die Durchschnitts-MILF ist 33 Jahre alt. Der simple plot der wife-Filme ist allerdings keine Hymne an die Ehe, sondern ausnahmslos geht es um Sex mit eben nicht der eigenen Frau. Sexuelle Fantasien der Porno-Kunden spielen sich offenbar nicht mit der eigenen Frau ab.

Das Wesen sexueller Fantasien ist sicherlich, dass viele eben „verboten“, gesellschaftlich nicht akzeptiert oder stigmatisiert sind. Das hat seinen Reiz, aber trägt auch dazu bei, dass das „akzeptierte“ Sexualleben vieler Menschen anscheinend ziemlich langweilig ist. Da bleibt bei vielen nämlich nicht mehr viel übrig, was „akzeptiert“ ist. Daher können Pornos oft noch so abgedroschen und dämlich sein, sie haben deswegen ihren Markt. Bestimmen sie, wie Porno-Kritiker meinen, mit ihren Bildern die sexuellen Präferenzen ihrer Kunden, oder bilden sie vielmehr die heimlichen Begierden und Fantasien ihrer Kunden ab?

Spannender wäre vielleicht, mal den Markt zu testen für Wife- und MILF-Pornos, und zwar mit der eigenen Wife und MILF. „Hey, liebste Frau und verehrte MILF, meine Fantasien beziehen sich auf DICH, und schau mal hier sind ein paar Anregungen.“ Das wäre doch was. Aber die Gefahr, dass die liebste Frau und verehrte MILF  dann schockiert ist und schreiend rausläuft, ist wahrscheinlich bei vielen Paaren sehr hoch. Schade eigentlich. Für alle.

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Hey, I’m your wife and I need you right now!

Über sunflower22a

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2 Antworten zu Der Ideendetektiv erforscht die Pornographie

  1. Bill schreibt:

    mich hat’s vom Kiezneurotiker hier her versurft. War eine gute Idee, hab jetzt ein kleines Lächeln im Gesicht und auch schon mal tief durchatmen müssen bei dem Eintrag über die Flaschensammlerin in München.
    Ein Blog mehr, welches ich regelmäßig lesen werde.
    Einen schönen Abend noch und Danke!

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