Superreiche

Dinner mit einer illustren Gruppe Menschen an einem schönen Ort in Helvetien. Ich lasse vor meinem inneren Auge die letzte Stunde Revue passieren. Ein Gespräch mit besonderen Menschen. Einem besonderen Menschen. Ein Superreicher. The billionaire elite. The most misunderstood people in the world. Sie wollen etwas geraderücken. Sie sind Philanthropen, Mäzene. Sie wollen etwas Gutes tun. Und sie wollen, dass die Welt das wertschätzt. Eigentlich ist ihnen das am wichtigsten. Wertschätzung.

Leider missversteht die Welt sie.

Ja, ein bewundernswerter Mensch. Voller Tatendrang. Er weiß, was er will, er setzt sich durch. Alt, aber sexy. Ein Machtmensch. Anders als wir alle. There’s nothing that can stop him. Er hat was erreicht, die Welt verändert.

How did I get here? Ich verstehe es selber nicht. Da sitze ich jetzt mit einer Handvoll normaler Menschen, einem HNWI und seinem Mitarbeiterstab. HNWI, High net worth individual. So heißen sie, die globale Elite. Einer der 85, die soviel besitzen wie die ärmste Hälfte der Welt. Ja, 85 Menschen besitzen soviel wie die ärmere Hälfte der Menschheit. Wahrscheinlich ein krasseres Missverhältnis als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit.

Sie werden missverstanden, nein, es geht ihnen nicht darum, ihr Eigeninteresse durchzusetzen. Sie wollen die Welt verbessern. Also, ehrlich gesagt, er wolle das, die anderen 84 vielleicht nicht unbedingt, aber er wolle es. Die Welt verbessern, das könne man nur mit Geld, mit viel Geld. Guter Wille allein reiche nicht. Die Gutmenschen, ja, sie meinen es gut, aber sie haben keine Ahnung.

Vermutlich stimmt das.

Ich stelle mir vor, wieviele zigmillionen Afrikaner dieses HNWI aufwiegt, einkommensmäßig. Statistisch hat die Welt 7 Milliarden Einwohner, 85 besitzen soviel wie 3,5 Milliarden, also 411 Millionen pro HNWI, durchschnittlich. 411 Millionen, das ist mehr als 5mal Deutschland.

Jeff Bezos, also Amazon,  kauft die Washington Post. Er sagt wo es langt geht. The obscene lifestyles of the global super-rich, habe ich kürzlich gelesen.

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Nein, sie prassen nicht nur. Sie verschieben mit ihren Milliarden auch die Prioritäten in der Forschung. Billionaires with big ideas are privatizing American science, schreibt die NYT. Die öffentliche Hand folgt den Vorgaben der Superreichen. Bill Gates privatisiert die Entwicklungshilfe, er sagt jetzt wo es lang geht in Afrika. Nein, nicht er allein, Melinda Gates auch. Toll. Ein emanzipierter Mann.

Das geht mir durch den Kopf.

Das HNWI ist umgeben von vielen Helferlingen, gut gebildet, gut angezogen, gut aussehend, perfekte Umgangsformen, eine globale Elite. Perfekte Menschen, was mag wirklich in ihnen vorgehen? Sie lesen dir jeden Wunsch von den Lippen ab, und sie entscheiden sofort, ob sie ihn dir erfüllen. Oder nicht. Makellose Menschen, ich weiß nicht ob ich Angst vor ihnen haben soll, ob ich sie bewundern soll, beneiden soll, oder bemitleiden soll. Ob ihr Herr sie klonen wird?

Das HNWI doziert weiter.

Ja, man darf eine Nachfrage stellen.

Wie ist das mit der demokratischen Willensbildung, was ist wenn die öffentliche Hand andere Prioritäten hat? Ob es denn legitim sei, durch geballte Geldmacht diese Prioritäten zu verschieben?

Ja, die Frage sei berechtigt. Natürlich verschiebe er die Prioritäten der Regierungen. Aber wissen Sie, Regierungen machen Fehler, vor allem demokratische Regierungen, ihre Entscheidungen seien immer Kompromisse, meist faule Kompromisse. Kompromisse seien nutzlos. Regierungen machen Fehler, Staaten seien keine perfekten Gebilde, sie seien eigentlich Versager. Ich solle nur den Zustand er Welt ansehen. Das komme heraus, wenn man die Welt Regierungen überlasse. Es sei gut, wenn es jetzt ein Korrektiv gebe. Leute wie er.

Nachfrage? Nein, keine Nachfrage.

Welch eine Anmaßung. Ein Hohepriester einer globalen Elite spricht zu mir. So viel wert wie 411 Millionen Afrikaner. Es ist klar, so jemand hat das letzte Wort. Wie komme ich darauf, eine Nachfrage stellen zu wollen?

How did I get here? Solche all-expenses paid trips sollte man immer ablehnen. Das weißt du doch. But my superiors said, this is your job.

Nein, darüber schreibe ich nichts. No way.

Wir essen weiter. Nebenan kämpft einer der Eingeladenen mit einem Hummer. Er blamiert sich. Wie geht man mit so einem gepanzerten Vieh um? Ein Glück, dass ich das rechtzeitig kapiert habe. Nein, ich blamiere mich hier nicht. Kein Hummer. Ich tue so, als wäre so etwas mein alltäglicher Umgang. Rindfleisch. Schauspielern kann ich sehr gut. I am the perfect actress, I believe.

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Bei der gepflegten Konversation über das perfekte Rindfleisch kann ich mühelos mithalten. Kobe, Wagyu, die Argentinier haben ja schwer nachgelassen, klarer Fall. Ja, in Kobe gibt es nur eine Handvoll Restaurants, in denen man das wirkliche Rindfleisch bekommt. Steak Land ist zu verwestlicht, Rokudan, da muss man hingehen. That’s authentic Japanese. Da können die Helferlinge nur noch passen. Sie waren noch nie in Kobe. 1:0 für mich.

Ich stehe neben mir und betrachte mich. Ich finde mich, nun ja, abstoßend. Aber auch faszinierend. The Great Gatsby. Ja, ich bin dabei. Ich gehöre dazu.  Faszinierend. Isn’t it wonderful? Didn’t you always want to be part of it? Yes you did.

No you didn’t.

Oh holy shit.

Ich weiß nicht, wie eine demokratische Gesellschaft so etwas auf Dauer aushalten kann. Sie kann es nicht.  Man muss etwas dagegen tun. Hier kannst du zur Kommunistin werden. Nein, das ist es auch nicht. Ich habe darauf keine Antwort. Es ist kein Traum, kein Alptraum, es ist Realität. Ich will hier weg. Nein, ich mache keinen Propagandatext daraus. Auch keinen Verriss. Einfach nichts. Ich will es nicht. Ich kann es nicht.

 

Über sunflower22a

I am a mystery.
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7 Antworten zu Superreiche

  1. kiezneurotiker schreibt:

    Du Wanderin zwischen den Welten.😉

  2. Ronald.Z schreibt:

    Ein geiler Text.

    Danke.

    Irgendwann muss ich wieder anfangen kaputt zu machen.

  3. Samuel schreibt:

    Wenn solche Typen sagen, die Demokratie wäre keine Lösung, dann bin ich zu 100% sicher, dass die Demokratie die Lösung ist, freilich eher nach dem Modell der Schweiz. Solchen Typen darf man nie trauen, solche Beträge sammelt keiner durch Ehrlichkeit und Wahrheit an.

  4. tikerscherk schreibt:

    Guter Text, tolles Kleid.

  5. schwarzmaler20 schreibt:

    Ich bin zutiefst davon überzeugt. diese Leute sind zu bemitleiden. Ich würde mein Leben um kein Geld der Welt (😀 ) mit ihnen tauschen wollen. Allerdings treffen würde ich so jemanden schon gern, allerdings fürchte ich, nicht so mit ihm reden zu können, wie ich es gern würde, von gleich zu gleich. Schöne spannende außergewöhnliche Texte hast du hier, ich bin froh deinen Blog gefunden zu haben.

  6. kalypso schreibt:

    also mein resümee bei „reich und schön“ war irgendwann:
    einfach nur absolut langweilig – spießig und oberflächlich.
    bis auf ein paar ganz sehr wenige ausnahmen!

    und da möchte ich als kreativer freigeist nun wirklich nicht meine zeit verbringen. grins……

  7. DasKleineTeilchen schreibt:

    „Die Welt verbessern, das könne man nur mit Geld, mit viel Geld. Guter Wille allein reiche nicht.
    Vermutlich stimmt das.“

    nö. abgesehen davon, daß guter wille *alleine* natürlich nicht reicht, tut es das nicht. und abgesehen von der definition des bedeutungsinhaltes „verbessern“. ist natürlich klar, warum mister-ich-bin-so-ein-philanthrop-superreicher solch selten dämlichen kalendersprüche des kapitalismus als weisheit vertickt.

    schön hässlicher einblick in die gedankenwelt einer grössenwahnsinnigen parallelgesellschaft, thnx.

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