Die Geister von 1914

Europa glaubt, es wäre das Zentrum des Universums. Selbstverliebt waren sie schon immer, die Europäer. Der sogenannte „Erste Weltkrieg“ war alles andere als ein Weltkrieg. Es war ein europäischer Krieg, richtig, aber mehr nicht. Niemand in Japan würde auf die Idee kommen den europäischen Krieg 1914-18 als „Weltkrieg“ zu bezeichnen, damit hatten die nichts zu tun und sie sind ja auch ein Teil der Welt. Für sie war der zweite Weltkrieg der einzige. Aber egal.

Diese selbstverliebten Europäer, die sich für die großen Vorbilder in Sachen friedliches Zusammenleben halten, sie spielen wieder mit dem Krieg. Hundert Jahre nach ihrer ersten Übung in Sachen „Weltkrieg“ spielen sie wieder mit dem Feuer. Mir wird speiübel angesichts der kecken Gesichter dieser Merkels, Hollandes, Barrosos und so weit wie sie dem Russentyrannen, Wladimir dem Schrecklichen, nun entschlossen entgegentreten. Denn Europa ist eine Wertegemeinschaft. Putin dagegen spielt den Stärkeren, die Sanktiönchen spielen ihm nur in die Hände, er steht auf für ein starkes stolzes Russland. Umfragen zufolge glauben selbst die Deutschen mehrheitlich diesem Geschwätz ihrer Kanzlerin nicht. Denn sie sind nicht glaubwürdig.

Ich verstehe wenig von der Ukraine, von der Krim. Aber dass man sich mit Leuten solidarisiert, die einen Fernsehsender stürmen und den Chefredakteur verprügeln und aus dem Job jagt, weil er unliebsame Sendungen ausstrahlt, das ist der traurige Höhepunkt einer verantwortungslosen Einmischungspolitik, die kaum jemand in Westeuropas Medien  noch zu kritisieren wagt. Ja, die russischen Medien sind gleichgeschaltet, aber die westeuropäischen sind auch ziemlich eintönig.

Wie dem auch sei. Es wird sicher keinen Krieg geben, dazu ist die Krim, die Ukraine nicht wichtig genug. Und es wäre wirklich schlecht für die Geschäfte.

Ich stelle mir mal einen Augenblick lang vor, 1914 hätten in Berlin, Wien, Paris, London und Moskau vernünftige Leute das Sagen gehabt und nicht durchgeknallte, militaristische Machos. Wie würde Europa heute aussehen?

Österreich-Ungarn, von diesem Vielvölkerstaat ging der krieg aus. Es war keine Nation, es war ein zusammengewürfeltes Nationengemisch von Untertanen des austrohungarischen Kaisers. Wären in Wien vernünftige Leute am Ruder gewesen, hätten sie das erste Experiment in Sachen „Europäische Gemeinschaft“ versucht. Sie hätten die aufkommenden Nationalgefühle der Tschechen, Kroaten, Slowaken, Rumänen, Bosniaken, Slowenen und so weiter unterstützt. Sie hätten ihnen weitestgehende Selbstverwaltung eingeräumt. Sie hätten ein austrohungarisches, freigewähltes „Europaparlament“ eingerichtet. Sie hätten nur auf eines bestanden: niemand in diesem Vielvölkerreich wird diskriminiert, wegen was auch immer, alle haben dieselben Rechte, alle Sprachen sind gleichberechtigt, es herrscht Freizügigkeit.  Das wird in aller Konsequenz durchgesetzt. Wer dagegen verstößt, der riskiert den Eingriff des Zentralstaats. Ansonsten darf jede Nation machen was sie will. Und der Kaiser Franz Joseph, der wäre so eine Art Ban Ki Moon mit etwas mehr Glamourfaktor geworden.

Niemand wäre wahrscheinlich auf die Idee gekommen, dagegen zu protestieren. Niemand hätte diese Völkergemeinschaft verlassen wollen. Im Gegenteil, die Bulgaren und Albaner hätten wahrscheinlich Aufnahmeanträge gestellt. Die Schweizer hätten sich gewundert, dass man ihr Vorbild auch auf Habsburger Art kopieren kann.

Die anderen beiden Kaiserreiche in Berlin und Moskau hätten es genauso gemacht. Die Polen hätten dennoch gesagt, wir hätten gerne unser eigenes Land wieder – man hätte sie abstimmen lassen und eine Republik Polen gebildet, unter einer einzigen Bedingung: die Polen dürfen keinen einzigen  Deutschen, Russen oder Marsmenschen in irgendeiner Weise diskriminieren oder vertreiben. Sie wären darauf natürlich eingegangen. Man hätte schon damals offene Grenzen machen können, so eine Art Schengen machen können.

Nie wäre es zum Krieg gekommen, Hassprediger wie Hitler, Lenin, Stalin und wie sie alle heißen wären nie über den Status einer Splitterpartei hinausgekommen. Berlin wäre eine ganz andere Stadt, mit gewachsener Bausubstanz, ohne die zerstörerischen Bombardements, nie geteilt und die glamourösen 1920er Jahre hätten sich jahrzehntelang fortgesetzt. Breslau und Danzig wären deutsche Städte. Es gäbe viele Juden in Europa, niemand von ihnen wäre auf die Idee gekommen Palästina zu kolonisieren, Europas Juden würden Urlaub machen in der souveränen Republik und hätten sich dort zu einem wichtigen Tourismusfaktor entwickelt. Lwiw und Czernowitz wären polnische Städte geblieben, Prag hätte eine blühende deutsche Subkultur, eine Sowjetunion hätte es nie gegeben, Riga und Tallinn wären nie okkupiert worden, die Krim wäre überwiegend tatarisch-muslimisch geblieben, Jugoslawien wäre nie entstanden und daher auch nie kriegerisch zerfallen, das Elsass hätte sich vielleicht in freier Selbstbestimmung der Schweiz angeschlossen, und so weiter. Unbestrittene Metropole des Kontinents, vor allem kulturell, wäre Wien. Berlin hätte ständige  Minderwertigkeitskomplexe, mit der Donaumetropole mitzuhalten. Brüssel wäre eine Kleinstadt im Westen des Kontinents. Who knows, German would be the lingua franca of the continent, English would not have had a chance. America would never have become part of the European game, it would be a faraway country like Brazil or Argentina.

Hätte, hätte, Fahrradkette. Es kam nicht so. Welch ein Leid, welch ein Elend, weil eine Handvoll durchgeknallter Machos 1914 alles falsch gemacht haben. Witzfiguren wie dieser Wilhelm, nicht einmal halb so clever wie Wladimir aus Moskau. Auch heute ist es eine Handvoll Politiker, im Gegensatz zu 1914 auch einige Politikerinnen, aber wenn sie wieder alles falsch machen, wird auch heute niemand sie stoppen.

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Lernt doch endlich aus eurer Geschichte. Ist es wirklich so schwierig?

Über sunflower22a

I am a mystery.
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6 Antworten zu Die Geister von 1914

  1. thom schreibt:

    -> Es war ein europäischer Krieg
    Nun, da irrt die Autorin, Ihre Nichtwahlheimat als auch Japan gehörten zu der Gruppe Entente und Alliierte, die anderen stellten die Mittelmächte dar. Einzig die meisten Opfer waren Europäer.😉

  2. Pierre schreibt:

    In der Tat ist es so, dass Österreich zweimal den „Weltkrieg“ verursachte und andere instrumentalisierte, erst Österreich-Ungarn und später Hitler, warum wird das eigentlich historisch nicht viel stärker beleuchtet?

  3. Pierre schreibt:

    Seinerzeit waren es die machtvollkommenen Aristokraten, die die Welt in Kriege stürzte. Auch im aufgeklärten Heute versuchen sie wieder auf allen Ebenen die Fäden zu ziehen. Und in Deutschland sind die Merkels die neue Aristokratie, das Parlament, selbst ohne komplexe Diskussionen mehr und Redebeiträe nur noch zu Protokoll gebend, ist nahezu bedeutungslos und soll zukünftig auch bei Auslandseinsätzen nach der Sicht einiger Wahnwitziger weiter an Gewicht verlieren. Es wird Zeit für ein Demokratiemodell nach Schweizer Vorbild, es wäre wohl weit verantwortungsvoller.

  4. Hades schreibt:

    @thom, was ist an ca. 17 Millionen Toten einen Smiley wert?
    Die Verursacher dieses Weltkrieges waren die Europäischen Monarchien, durch die verschiedenen Bündniskonstelationen wurde es ein Weltkrieg, einfach ausgedrückt.

    Hallo Sunflower, ein etwas anderer Film, mit Berichten eines französischen Soldaten:

    Gruß Hades

  5. Jens Schumann schreibt:

    Bis auf folgenden Artikel habe ich dazu nichts wieder gelesen (allerdings habe ich auch nicht aktiv danach gesucht). Ich glaube, dass letzte Wort zum ersten Weltkrieg ist noch nicht gesagt/geschrieben.

    http://fleischmagazin.at/index.php/fleisch-28-franz-ferdinand

  6. Andi Latte schreibt:

    Lern‘ du lieber Geschichte, liebe Sunflower!
    Thom hat es ja schon versucht zu erklären.
    „40 Staaten[3] beteiligten sich am bis dahin umfassendsten Krieg der Geschichte, insgesamt standen annähernd 70 Millionen Menschen unter Waffen.“

    Mitentscheidend für den Ausgang des Krieges war das Eingreifen der Amerikaner 1b 1918!

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