Die mutigsten Bloggerinnen der Welt

Zurzeit läuft die Berlin Feminist Film Week. Es sind nur eine Handvoll Filme, aber  bestimmt ist „Forbidden Voices“ der beeindruckendste. Mich jedenfalls hat er sehr beeindruckt.

Verbotene Stimmen, das sind Yoani Sánchez aus Cuba, Zeng Jinyan aus China and Farnaz Seifi aus dem Iran werden hier porträtiert.

„Ich lebe in ständiger Angst. Jeder Mensch hat seine eigene Art, mit so etwas umzugehen“

„ich bin total verzweifelt, ich weiß nicht wie das alles weitergehen soll. Zwei Agenten verfolgen mich auf Schritt und Tritt.“

„Alles das steigert nur meine Entschlossenheit.“

Wie schaffen es diese Frauen, all der Brutalität und Subtilität ihrer so verschiedenen, so ähnlichen Regime zu widerstehen?

Am meisten beeindruckt hat mich Yoani Sánchez‘ Satz: „Am meisten habe ich davor Angst, dass mein Sohn mich eines Tages fragt,. Was ich gegen diese Zustände unternommen habe, und ich muss sagen ‚nicht genug‘“. Mir kamen die Tränen als sie das sagte.

Yoani wird im staatlichen Fernsehen öffentlich als grösste Staatsfeindin bloßgestellt. Sie wird von Zivilpolizisten krankenhausreif geschlagen, im Krankenhaus sagen die Ärzte, sie können nichts feststellen. Sie kämpft für hungerstreikende politische Gefangene. Sie darf das Land nicht verlassen. Private Internetverbindungen gibt es in Cuba nicht, sie muss es von sündhaft teuren Hotels aus machen. Und dennoch, monatlich hat sie 14 Millionen Klicks aus aller Welt. Yoanis Familie lebt im permanenten Ausnahmezustand, und sie stehen dennoch alle hinter ihr. In Kuba ist ihr Blog geblockt, sie verbreitet ihre Botschaften mit allen erdenklichen Methoden bis hin zum, ganz altmodisch, Papierflugblatt.

Farnaz hat all das nicht mehr ertragen. Sie hat als Frau unter Klarnamen gebloggt, welche Häresie, und wurde rasch verhaftet. Das berüchtigte Evin-Gefängnis überleben viele nicht. Sie kam wieder frei, machte weiter, erneute Verhaftung, sie machte unter Pseudonym weiter, erneute Verhaftung. Das Regime setzte ihr so sehr zu, dass sie schließlich das Land verlassen musste, verlassen konnte. Ohne Familie, ohne Freunde- die dürfen nicht raus. Jetzt lebt sie in Bonn, Germany – sicher, aber traurig im Exil. Sie macht weiter, versucht den Kontakt mit der Heimat zu halten, für die Freiheit ihres Landes das zu tun was sie tun kann.

Jinyan lebt seit Jahren unter Hausarrest, ihr Mann wurde dreieinhalb Jahre ins Lager gesperrt, ihre 2jährige Tochter wächst im Hausarrest auf. Sie hat nur sporadisch Zugang zum Internet, und doch – sie macht weiter, unbeugsam.

Vor diesen Heldinnen kann ich mich nur voller Bewunderung verneigen. So viel Mut, so viel Widerstandsgeist, so viel Opferbereitschaft für meine Ideale – ich glaube das ist mir versagt. Wie trivial ist mein Blog-Geschreibsel gegen das, wofür diese Bloggerinnen stehen. Sie stellen das Machtmonopol, das Informationsmonopol totalitärer Regimes in Frage – und nehmen dafür alles in Kauf. Für die Freiheit. Eine Freiheit, die den saturierten Westlern längst egal geworden ist.

Über sunflower22a

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3 Antworten zu Die mutigsten Bloggerinnen der Welt

  1. tikerscherk schreibt:

    Solange der Westler konsumieren kann, und in den Zeitungen steht, dass er frei und andere unfrei sind, ist ihm die Freiheit vollkommen egal, weil die Wahl der Konsumgüter schon mit Freiheit gleich gesetzt wird.
    Ja, Respekt vor diesen Frauen (und auch Männern), die für die Freiheit alles riskieren.

  2. Mrs. Mop schreibt:

    Was die Bloggerin Yoani Sanchez betrifft, möchte ich einen Tropfen Wermut in die Begeisterung träufeln: Sie gilt als äußerst schillernde, umstrittene Figur unter (auch regimekritischen) Kubanern, unter (politisch gemäßigten) Exilkubanern in Miami sowie unter (US-regimekritischen) Amerikanern.

    Eine sehr gute Zusammenfassung der Ungereimtheiten, mit denen sich Sanchez seit vielen Jahren umgibt, findet sich bei Counterpunch,“The Curious Case of Yoani Sanchez“; viele Fragen werden dort gestellt, die von Sanchez bislang nur ausweichend oder gar nicht beantwortet wurden. Alles höchst zwielichtig. Ich selbst hatte Sanchez‘ Blog Generaciòn Y lange Zeit gelesen, sukzessive jedoch mit wachsendem Unbehagen, weil sie mir immer mehr vorkam wie ein stereotypes, CIA-gesponsertes menschliches U-Boot, bis es mir zu blöd wurde und ich sie aus meinem Feedreader schmiss. Die Lobeshymnen in dem erwähnten Film würde ich daher mit Vorsicht genießen.

    • sunflower22a schreibt:

      berechtigte Frage. Farnaz Seifi arbeitet jetzt für die Deutsche Welle, persischer Dienst. Sozusagen jetzt auch feindliche Agentin. Aber ich finde, darauf kommt es nicht an. Würden die Menschen in einem Land wie Cuba frei bloggen dürfen wie wir, würde sich die Bedeutung schillernder Figuren sehr schnell relativieren.

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