Heimweh

Heimweh ist ein Gefühl, das ich nie kannte. Ich habe es nie wirklich verstanden, wenn andere Menschen Sehnsucht nach ihrer Heimat haben.  Abstrakt natürlich schon, aber emotional habe ich es nie richtig kapiert wie das ist. Wenn du in deiner Kindheit und Jugend alle paar Jahre woanders gelebt hast, fühlt sich Heimat anders an als wenn du an einem Fleck aufwächst. Heimat ist dann deine Familie, aber nicht ein Ort.

Wenn es mit der Familie dann vorbei ist, dann hast du keine Heimat mehr. Ich habe das nie vermisst, Heimat war für mich da wo ich gerade lebe.

Germany is a strange country, Germans are strange people. Heimat ist hier ein belasteter Begriff. Volkstümlich, dumpf, irgendwie braun. Germans don’t like to be Germans. Many say, they’re Europeans, or maybe Berliners. Mir san mir – Bayern als Identität, nicht Deutschland. I was  proud to be American (not any more) but never proud to be German. Now I’m embarrassed to be American but at least not embarrassed to be German.

Deutschland. Gehöre ich dazu? Diese Frage treibt mich um. Weiß, nicht muslimisch, nahezu akzentfreies Deutsch, sogar den roten Pass habe ich. Niemand hält mich für eine Türkin, Rumänin, Afrikanerin. Keine offene Diskriminierung.

Aber wenn in bester Partylaune deine liebsten Freundinnen nach einigen Gläsern Wein plötzlich von „uns“ und „euch“ sprechen – das ist mehr als eine Irritation. Das ist kein halb scherzhaftes Abgrenzen Berliner Pseudo-Lokalpatrioten gegen „die Schwaben“.  Es ist so gemeint wie es gesagt ist. Sie lieben mich uneingeschränkt, aber ich bin keine von ihnen. Immer noch nicht. Wahrscheinlich nie.

Es nagt an mir. Ich wollte es mir nicht zugeben, aber es breitet sich in mir aus wie Gift. Ich fange auch schon an, so zu denken. „Was ärgere ich mich über diese Sache, es ist doch eure Stadt, es kann mir egal sein“ – als mir das kürzlich rausrutschte, war ich selber platt. Eure Stadt, euer Land. Aber nicht meines, das ist die logische Implikation. Regt euch doch auf über die vielen Touristen, ihr provinziellen Idioten, ihr werdet noch darüber heulen wenn sie weg bleiben. Ich fange schon an, diese Stadt wie eine Touristin zu sehen. Eure Stadt. Euer blöder Flughafen. Euer blöder Bürgermeister, nicht  meiner. Gentrifiziert diese Stadt doch, es ist eure, nicht meine.

Jetzt entwickele ich immer stärker Heimweh. Heimweh nach einem Ort, den es nicht gibt, nämlich einer Heimat. There is no such place. Where is my home? Das New York City der 80er Jahre gibt es nicht mehr, dort habe ich mehr Kindheit und Jugend verbracht als irgendwo anders. New York City 2014 ist eine andere Stadt. The city that never sleeps has become the city that sleeps after work. Bürgersteige hochklappen, wahrscheinlich mit Deutscher oder chinesischer Technologie, das machen sie dort jetzt. I am a stranger in this city, in this nation.

Where is my home? I don’t know. Maybe I should just give up the dream, there will never be a place I’ll call home. Maybe it’s time to move again. A new country, a new continent. So habe ich es immer gemacht, so wollte ich es nicht mehr machen. Gawker schreibt, Krakow is becoming the next Berlin.

 L119

Should I learn Polish?

Über sunflower22a

I am a mystery.
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7 Antworten zu Heimweh

  1. kalypso schreibt:

    guten morgen meine liebe,

    oooohhh…..das hört sich echt traurig an.
    also so eine kleine provinmaus wie ich, findet es schon mal klasse, wenn es hört „ach, ich habe jahrelang in new york gelebt und dann noch in san francisco“.🙂
    beide städte kenne ich, und beide sind wunderbar!
    in meiner heimatstadt motzen die aboriginals immerzu, wie öde, langweilig und ach wie toll ist es doch wo anders.

    dazu einen schönen zen spruch: egal wohin du gehst – du nimmst dich immer mit!

    wir denken immer, die wiesen wo anders sind grüner, der moment in dem wir leben müsste anders sein, und überhaupt – ständig sind wir mit dem kopf beim nächsten – nur nicht im jetzt.

    deine heimat ist – wo dein herz ist!!!

    so einfach und doch so schwer.

    wir westler leben überwiegend im kopf – und das ist oftmals das problem.

    herzensentscheidungen sind ein miteinander von kopf, bauch und herz.

    oftmals laufen wir von etwas weg- was geradezu vor unserer tür liegt.
    wir sehen es nur nicht.
    und: der schatz den wir suchen – liegt immer in uns selbst!

    manchmal hilft es mir in solchen situationen einfach dankbar zu sein. für das was ich habe.
    es ist gut so – wie es ist.
    und nicht immer dem gedanken anheimfallen……..ach, es könnte doch noch etwas mehr sein.

    kennst du das märchen vom fischer und seiner frau?

    also ich freue mich, dass du hier in deutschland lebst – und wünsche dir in diesem sinne
    einen ganz bezaubernden sonntag und denk dran, traurigsein ist die andere seite von glücklichsein. ohne nacht kein tag! und sterne sind immer am himmel………nur tagsüber sehen wir sie halt einfach nicht.

    herzlichst
    kalypso

  2. sunflower22a schreibt:

    vielen dank liebe kalypso, du hast recht. danke. trotzdem ist meine grundstimmung zur zeit so wie Katja Petrowskaja heute im interview im tagesspiegel sagt: „In Estland bin ich eine russische Okkupantin, in Moskau eine ukrainische Provinzlerin. Überall halb fremd zu sein ist schwer. Dann lieber ganz fremd in Deutschland.“http://www.tagesspiegel.de/kultur/ukraine-die-schriftstellerin-katja-petrowskaja-lieber-ganz-fremd-als-halb/9590042.html
    ich werde dieses gefühl irgendwie nicht mehr los. aber vielleicht doch. wünsche dir einen sonnigen sonntag!

  3. kalypso schreibt:

    also ich kenne das gefühl ein wenig, da ich mit ende 15 von zuhause 360 km in die lehre geschickt wurde, und nur 1x im vierteljahr nach hause konnte (gastronomie)
    nach fast 20 jahren bin ich dann in meine heimatstadt zurückgekehrt. obwohl ich anfangs münchen, die berge, die menschen, die architektur, die isar und viele andere kleinigkeiten sehr vermisst habe
    doch hier hatte ich eine ganz andere existenzielle lebensgrundlage – und so, wie ich seit jahren lebe, wäre es in einer großstadt nicht möglich. ich habe ein 470 jahre altes fachwerkhaus mitten in der stadt geerbt, dieses 5x (sehr vieles in eigenregie) saniert, umgebaut, erweitert und restauriert. auch ein stück weit meine eigene heimat geschaffen!

    nun bin ich kein karrieretyp und wie gesagt, sind mir mittlerweile meine inneren landschaften weit aus wichtiger als das außen. und um ein kind großzuziehen ist die kleinstadt ganz famos.

    meine langjährigste freundin hingegen ist nie von hier weggezogen. ich denke, es ist vielleicht auch ein stück weit typ- und charakterbezogen.

    und gefühle sind gefühle………………sie kommen und sie gehen. keines bleibt das gleiche für ewig. alles ist im wandel. wichtig, ist was hinter den gefühlen steht. was wollen sie mir evtl.
    mitteilen?!
    ja, vielleicht wartet doch irgendwo anders ein ganz spezieller auftrag auf dich. diese frage kannst du nur dir selbst stellen und die antwort liegt auch in dir. manchmal muß man etwas warten, geduld haben und ausharren.

    du bist jung, klug und hübsch. wie heißt es so schön: einem jungen, interessierten menschen steht die welt offen.

    ich wünsche dir von herzen alle liebe und bin gespannt, was weiter passiert…….

  4. Johannes schreibt:

    Als stolz darauf, Amerikaner zu sein, geht nun heute wirklich nicht. Wer die Weltpolitik verfolgt, wozu es heute mehr Möglichkeiten als noch vor 20 Jahren gibt, kann das heute nicht mehr wirklich, als noch zu Zeiten der grossen Illusionen. Und dass Krakow das neue Berlin wird, glaubt wohl auch nur der Gawker. Schön wäre es allerdings, weil dann die Hipstermassen dort weiter schauspielern, die Immobilientypen sich andere Spielfelder suchen und es in Berlin für uns wieder etwas entspannter wird. Lasst uns Berlin runterschreiben, ist doch voll übel hier.🙂

  5. kultgenosse schreibt:

    Dein Text spricht mich emotional an und deshalb gibts von mir auch keine rationale Antwort. Ich habe zwei Nationalitäten, außerdem bin ich Schwabe und Rheinländer, ungetaufter Katholik, zigmal umgezogen und hab für mich irgendwann festgestellt, egal wo ich hinziehe, ich habe das Fremde in mir. „Eure Stadt, euer Land. Aber nicht meines, das ist die logische Implikation.“ Passieren kann dir das überall auf der Welt. Vielleicht gibt es sowas wie das Gefühl ein „heimloser Gesell“ zu sein? Aber jeder Jeck ist anders. Heimat ist ein großes Wort. In diesem Moment fühl ich mich auf deinem Blog heimelig, sorry – es bleibt deiner.

  6. Pingback: Zwei Jahre | sunflower22a

  7. Pingback: Die Nomadin | sunflower22a

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