Ungleichheit und die Macht der Ideologie

Robert Reich war 1993-1997 Arbeitsminister in der ersten Clinton-Administration. Ein kluger Kopf. Er hielt es irgendwann nicht mehr aus in der immer neoliberaler werdenden Regierung und ist heute Professor an der University of California im schönen Berkeley. Reich ist, wenn es so etwas in den USA überhaupt gibt, ein Sozialdemokrat im besten Sinne des Wortes. Und er ist ein einsamer Rufer in der intellektuellen Wüste namens USA, genauer gesagt der Wirtschaftswissenschaften in diesem verrückten Land.

Reich hat jetzt einen Film gemacht, weil er offenbar meint, seine Botschaft anders nicht mehr in dieser neoliberalen Verblödung rüberzubringen. „Inequality for all“ räumt mit dem ganzen dummen Geschwätz auf, das die Wirtschaftswissenschaften von heute, die sogenannten „Ökonomen“ von sich geben. „Steuersenkungen schaffen Arbeitsplätze“, „die Millionäre schaffen Arbeitsplätze“, „wer die Reichen besteuert vernichtet Arbeitsplätze und verhindert Investitionen“. Bei Upworthy kann man einen Ausschnitt aus diesem Film sehen. Darin kommt Nick Hanauer zu Wort, ein Multimillionär, der ehrlich sagt, um was es geht. Je mehr Geld sich bei Leuten wie ihm anhäuft, desto schlechter für die Wirtschaft. Er könne sich noch so anstrengen, aber das ganze viele Geld, die vielen Millionen die sich auf seinen Konten ständig ansammeln, die könne er einfach nicht ausgeben. Er gehe noch nicht masl gern teuer essen, ein normales Essen sei ihm lieber als das ganze Gourmet-Gehabe. Kurzum: Millionäre horten das Geld, und wenn 100 Millionen statt bei einem Mann bei einer Million Menschen landen, würde das Geld fast komplett ausgegeben, schaffe Arbeitsplätze, kurbele die Wirtschaft an, kurzum: es sei einfach viel besser angelegt. Recht hat er. Eigentlich ganz einfach zu verstehen und logisch. Aber 95% unserer sogenannten Wirtschaftswissenschaftler sind zu doof dazu, das zu kapieren – und die Politiker sowieso. Das beste Beispiel für diese wahre Erkenntnis bin ich: alles Geld was reinkommt, wird gleich wieder ausgegeben. Ich bin ein lebendes Konjunkturprogramm…

Auch meine Lieblings-Soziologin Lisa Wade untermauert auf ihrem Blog mit ihren illustrativen Grafiken diese These. Was ist eine Rezession und was ist ein Aufschwung? Ist es ein Aufschwung, wenn die Löhne und Gehälter in den letzten 5 Jahren um lächerliche 3.9% gestiegen sind, die Arbeitsplätze aber um 0.9% abgenommen haben? Wohl eher nicht. Dennoch hat offiziell die Rezession in den USA im Dezember 2007 begonnen und im Juni 2009 war sie beendet, der Aufschwung begann. Warum? Ganz einfach: in derselben  Zeit gingen die Unternehmensgewinne um sagenhafte 44% und die Aktienkurse um sagenhafte 43% nach oben. Ein Widerspruch? Überhaupt nicht. Nur weil die Löhne so niedrig sind, sind die Profite und Aktienkurse so hoch. Aber – und das ist es wovor Robert Reich warnt – auf Dauer geht das nicht. Denn der aufgeklärte Multimillionär Nick Hanauer sorgt sich schon jetzt, wer immer weniger verdient, kauft eben auch immer weniger seiner Produkte. Soviel zur Kurzsichtigkeit der heutigen Austeritäts- und Weniger-Steuern-für-die-Reichen-Politik.

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Und warum kapieren so viele Leute das nicht, obwohl es doch so offensichtlich ist? Sie verdrängen die Realität. An der Tatsache, dass die Ungleichheit zugenommen hat, kommen selbst Republikaner nicht mehr vorbei. Sie geben es zu. Aber erstens finden sie es nicht schlimm, und zweitens sind sie mehrheitlich der Meinung dass die Regierung nichts dagegen tun sollte. Im Gegenteil, die Republikaner-Anhänger meinen, jede Politik gegen diesen Trend würde mehr Schaden als Nutzen anrichten. Sie meinen ´nämlich überwiegend, Arme sind eben arm weil sie faul sind, und Reiche sind reich weil sie fleißig sind. Sie geben individualistische Antworten auf die Ursachen von Armut und Reichtum, während der Rest der Welt eher zu politischen und strukturellen Antworten tendiert.

Hier hat der alte Marx offenbar geirrt: das Sein bestimmt nicht das Bewusstsein. Die Antworten fallen quer durch die sozialen Schichten ähnlich aus, Ideologie ist wichtiger als die eigene Klasse. Der republikanische Arbeiter erzählt denselben Mist wie der republikanische Millionär, der nicht-republikanische Arbeiter erzählt dasselbe wie Multimillionär Nick Hanauer. The power of ideology, powerfully illustrated by Lisa Wade.

Man muss keine Sozialistin sein, um festzustellen, dass das auf Dauer nicht gut gehen kann. Nicht einmal eine Sozialdemokratin oder Robert-Reich-Anhängerin.

Angel Gurría, Chef der OECD, ein Zusammenschluss der reichen Industrieländer, hat kürzlich in einer bemerkenswerten Rede prägnant gesagt, was das Problem mit so einer Entwicklung ist:

„Over the past decades, lower-wage workers in America have been working harder and harder, and this has not resulted in upward social mobility. While average working hours increased by 20 percent, incomes actually fell. At the same time, the richest 1% of Americans now earn 20% of pre-tax national income. To put it differently, the US average income grew at 1% per year from the mid-1970s to the late 2000s. But if you strip out the income growth that went to the top 1% of the income ladder, the rate drops to only 0.6%.

Inequality is a many-headed problem. When hard-working people cannot make ends meet, when the fruits of economic growth reach the pockets and tables of only a lucky few, when children start their lives in poverty and never grow out of it, inequality becomes a structural problem. It locks in privilege, trapping people in a vicious circle of exclusion and lack of opportunity from which it is very difficult to escape. And inequality of opportunity undermines growth, preventing societies from making the best use of their resources and talent base.”

Ich kann ihm nur zustimmen. Und wenn wir schon bei der OECD sind, und mit dem Internationalen Frauentag vor der Tür, Hut ab vor der OECD weil sie auch den Finger in die Wunde der Geschlechter-Ungleichheit legt – und auch nicht davor zurückschreckt, dem selbsternannten Wirtschafts-Musterschüler Deutschland die Leviten zu lesen. Nirgendwo in Europa liegt der Verdienst von Männern und Frauen soweit auseinander wie in Deutschland. 20.8% in Deutschland, im OECD-Durchschnitt 15%, und im angeblich so patriarchalischen Spanien nur 6%. Junge Frauen, die in der Ausbildung von Diskriminierung nichts bemerkt haben, merken im deutschen Berufsalltag recht schnell, wo der Hase lang läuft. Ich will hier gar nicht lange spekulieren, woran das im einzelnen liegt – es ist aber offensichtlicher Fakt, dass das in Deutschland weit krasser ist als in jedem anderen Industrieland.

Interessiert hier aber niemanden. Die Deutschen sind satt und zufrieden, türmen Exportüberschüsse in Rekordhöhe an und es ist ihnen sch..egal woher das eigentlich kommt, denn sie sind ja Spitze. Dass die Ungleichheit wächst, dass sie im gender pay gap unter allen Industrieländern am schlimmsten ist, who cares. The power of ideology. Auch die Merkel-Schäuble-Ideologie des „am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ gehört in diese Kategorie. Nicht nur die tumben amerikanischen Republikaner.

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Die Mainstream-Ökonomin sieht die Welt durch ihre eigene Brille, da kommt dann schon leicht ein anderes Ergebnis raus als das was ein normaler Mensch sieht…

Über sunflower22a

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Eine Antwort zu Ungleichheit und die Macht der Ideologie

  1. kultgenosse schreibt:

    „Der republikanische Arbeiter erzählt denselben Mist wie der republikanische Millionär“, Was willst du denn anderes erwarten, wenn an der Mythos vom „Tellerwäscher zum Millionär“ und das „anything goes“ immer wieder wiederholt wird?

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