Deutsche Selbstfixiertheit

Diese ganze Debatte um den Fall Edathy – oder war es der Fall Friedrich? Oppermann? Sonstwer? – ödet mich an. Abgesehen vom Rücktritt des Herrn Friedrich, den  er wahrscheinlich nicht einmal selber sonderlich schlimm findet, wird als einziges Ergebnis dieser aufgeplusterten Geschichte bleiben: der Ruf nach schärferen Gesetzen. Wie immer.

Moralisten, Law-and-Order-Staatsanwälte und protestantische Gutmenschen werden den Sieg aus dieser Sache davontragen. Stimmen der Vernunft wie Heribert Prantl, der vor einer Rückkehr zum „Strafrecht als Moralrecht“ warnt, werden routinemäßig überhört. Bei Kinderpornografie muss man ja als vernünftiger Mensch höllisch aufpassen – wenn du nur ein Jota vom allfälligen Mainstream abweichst, bist du ganz schnell moralisch erledigt, selbst als biologisch eigentlich unverdächtige Frau. Nur bei diesem Thema kommen Staatsanwälte damit durch, dass sie ermitteln ohne dass jemand tatsächlich etwas strafbares getan hat – wie wenn jemand ein Luftgewehr kauft und danach kommt die Hausdurchsuchung, weil wer so was kauft, der könnte ja auch eine illegale Kalaschnikow haben.

Ich zoome mal 10 Jahre weiter. Bis dahin sind 5 weitere Politiker abgeschossen worden, weil sie irgendwelche Nacktbilder von Kinder angesehen haben. Altgriechische Statuen nackter Jünglinge sind in den Museen in Spezialräume weggeschlossen worden, die man nur mit Sondererlaubnis und in Begleitung eines Psychologen betreten darf. Eltern bekommen Geldstrafen, wenn sie ihre minderjährigen Kinder irgendwo nackt am Strand oder im Freibad herumlaufen lassen. FKK-Strände an der Ostsee und anderswo werden für Kinder gesperrt. Der Sexualkundeunterricht in der Schule wird nur noch unter Aufsicht möglich. Kinder und Jugendlichen dürfen überhaupt nichts mehr unbeaufsichtigt machen, man weiß ja nie. Viele werden dadurch neurotisch und kommen in Therapien.

Ganz heimlich surfen die meisten aber schon mit 12 auf irgendwelchen Sex- und Pornoseiten herum, und freuen sich dass sie mit 12 noch nicht strafmündig sind.

Ich lasse es bei dieser Aufzählung. Die restaurative Grundstimmung, die Deutschland, Westeuropa und Amerika durchzieht, lässt solche Prognosen ohne weiteres als wahrscheinlich erscheinen. Zum Glück ist die konservative Kreuzzüglerin Alice Schwarzgeld als Steuerhinterzieherin und Subventionsbetrügerin jetzt selbst in den moralischen Abgrund gefallen, den sie selbst immer tiefer geschaufelt hat, so dass wenigstens die widerlichen Hetzkampagnen gegen Sexarbeiterinnen und Prostituierte jetzt einstweilen wieder verstummen. Mal sehen, für wie lange.

Ja, man kann schon die Panik bekommen angesichts solcher Tendenzen. Noch ein bisschen mehr wirtschaftlicher Abstieg, und dann können Leute wie Dieudonné auch hierzulande ein Massenpublikum begeistern. Rechtspopulistische Parteien werden es hierzulande dennoch schwer haben, dazu ist dieses Land zu sehr autoritäts- und stabilitätsorientiert und von der Nazivergangenheit geprägt. Die rechtspopulistische Politik werden dann die etablierten Parteien einfach selbst machen, ohne Schaum vor dem Mund, versteckt hinter knochentrockenen Paragraphen  und exekutiert von „eigentlich ganz netten“ jungen Nachwuchspolitikern ohne eigene Meinung, die den gängigen rechten Klischees nicht entsprechen.

Im Gegensatz zu anderen Ländern ist in Deutschland die Unterschicht und untere Mittelschicht immer noch politisch so sediert, dass sie nicht einmal Rechtspopulisten nachlaufen. Sie machen einfach gar nichts, außer sich individuell durchzuwursteln.  

Es ist verständlich, dass eigentlich nie um ein kerniges Wort verlegene Blogger wie kiezneurotiker nur noch verzweifelt stöhnen „ich verstehe die Dinge nicht mehr“ . „Mein Kompass rotiert. Was ist böse? Was ist gut? Wer will was und warum? Früher war das einfacher.“

Da hat er recht. Früher war es einfacher. Aber es hat keinen Sinn, dem früher hinterherzulaufen. Wir müssen mit dem hier und heute klarkommen, sonst machen es andere. Auch manche alte Denkmuster derjenigen, die sich im Westen für progressiv halten, liegen heute daneben. Kiezneurotiker erklärt die Aufständischen in der Ukraine für einen „mutmaßlich braunen Mob“ und verteidigt die „demokratisch gewählte Regierung“…nun, ich verstehe nicht viel von der Ukraine, und war auch nie dort, aber das Bild ist wohl etwas einfach. Nationalismus ist in einem Land, das erst seit 20 Jahren unabhängig ist und jahrhundertelangunterdrückt wurde, etwas anderes als in Deutschland oder den USA. Oder nehmen wir all die Vorurteile über den Islam, die doch nur eines offenlegen: die Unfähigkeit der westlichen Intelligenzia, andere Kulturen als gleichberechtigt anzuerkennen, ohne deshalb die eigenen Werte zu relativieren. Ich habe islamisch geprägte Kulturen lange auch für etwas Minderwertiges und Rückständiges gehalten, bis ich mit muslimischen Menschen in engeren Kontakt kam und mit einigen Muslimas enge persönliche Freundschaft schloss.

Kiezneurotiker hat recht, die Parteien kannst du vergessen. Wähle wen du willst oder lass es sein, sobald sie mitregieren machen sie keinen Unterschied mehr. Niemand in Berlin hat es gemerkt, dass die SPD den Koalitionspartner Linke durch die CDU ersetzte. Die Politik blieb dieselbe, Linke oder CDU, SPD oder Grüne, who cares.

Aber vielleicht ändert man die Welt anders als mit Parteien und Wahlen. Soziale Gerechtigkeit stand im rheinischen Kapitalismus der Kohl-Genscher-Blüm-Ära weitaus höher im Kurs als in der neoliberalen Schröder-Fischer-Merkel-Zeit. Die Gesellschaft hat sich geändert. Genauer gesagt: die gesellschaftsprägenden saturierten Mittelschichten haben sich geändert. Die Politik folgte. Sie rannten ab Ende der 90er einem neoliberalen Modell hinterher das bis dahin sich schon 20 Jahre in den angelsächsischen  Ländern seine destruktive Wirkung entfaltet hatte

Delegitimierung dieses Mainstreams aus dümmlichen Journalisten-Hofschranzen und Jasager-Politikern findet nicht statt, indem man sich nonstop über sie aufregt und an ihnen abarbeitet, sondern indem man sie weitestgehend ignoriert und versucht, eine andere Agenda aufzustellen. Denke ich, fühle ich, intuitiv meine ich das. Wie das genau geht, weiß ich auch nicht, und sicherlich nicht allein mit Bloggen. Im alltäglichen Anecken, aus der Reihe tanzen vielleicht. Mehr mache ich auch nicht, zugegeben. Aber ich jammere nicht. Leute, die jammern, sind unattraktiv.

Es gibt aber nochwas. Die Deutschen sind einfach so derart provinziell und auf sich selbst fixiert. Diese selbstzufriedene Fixierung auf sich selbst führt unvermeidlich zu der bornierten Weltsicht Merkel-Deutschlands und seiner Bewohner. Uns geht’s doch gut. Revolution in Kiew, Bürgerkrieg in Syrien, Restauration in der Türkei, soziale Verelendung in Spanien und Griechenland, wer von den Bankenrettungen profitiert…den Deutschen ist das so egal, alles ist so unwichtig verglichen mit der Frage, welche Telefonate irgend so ein Oppermann mit irgendwelchen Ober-Cops geführt hat. Welche Bobbycars ein Expräsident von einem Unternehmer geschenkt bekommen hat. Darüber führen sie ihre Talkshows. Auch die Kritiker und die am Merkelismus Verzweifelnden – sie sind meist auch nicht weniger provinziell.

„Ich verstehe die Dinge nicht mehr. Was ich für gut hielt, wurde schlecht. Was ich für schlecht halte, interessiert keinen mehr.“

Lieber Kiezneurotiker, bitte bleib hier nicht stehen. Streng dich an. Man kann die Welt verstehen und verändern. Wer nur jammert, wird Teil des Problems. You can do better.

 0577AP (253)

Das war jetzt aber ein anstrengender Text, puuh. Der nächste wird wieder leichter verdaulich, versprochen!

Über sunflower22a

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3 Antworten zu Deutsche Selbstfixiertheit

  1. Pat schreibt:

    Danke für diesen Text. Ich kann die Stimmung vom Kiezneurotiker gut nachvollziehen, mir geht es selbst oft genauso. Aber ich stimme dir zu, jammern hilft nicht und Resignation nützt nur dem Gegner.
    Ich bin froh, dass es Blogger wie dich, Kiezneurotiker, tikerscherk, usw. gibt. Bitte nicht unterkriegen lassen!

    Die treue Leserin von nebenan

  2. Anonymous schreibt:

    Anscheinend ist dir nicht klar der das Wort „Gutmensch“ genauso wie „Reichskristallnacht“ Nazi-Vokabular enstammt und heutzutage nur noch von Rechtskonservativen und Rechtsradikalen verwendet wird. Mit Gutmensch bezeichneten die Nazis abfällig Deutsche, die Juden halfen oder versteckten.
    Eine neutraler nicht negativ belasteter Begriff wäre Humanist, Altruist oder Philantroph.

  3. Pingback: Restaurativer Mief | sunflower22a

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