Der Spießrutenlauf muslimischer Frauen im „freien Westen“

Wenn man die Angehörigen des westlichen Kulturkreises, also die aufgeklärtesten und liberalsten und vernünftigsten Menschen aller Zeiten, fragt was sie am Islam stört, so kommen eigentlich immer zwei Dinge: der gewalttätige Fanatismus und die Unterdrückung der Frauen. Nun ist natürlich unbestreitbar, dass beide Phänomene vorkommen, und zwar vor allem das zweite ist durchaus weitverbreitet. Daher sollte man eigentlich annehmen, dass eine muslimische Frau erleichtert aufatmet, wenn sie im Westen ankommt, also in der Freiheit.

Viele tun das auch. Sehr viele saudische, jemenitische oder iranische Frauen nehmen in dem Augenblick ihre vorschriftsmäßigen Verhüllungen ab, in dem das Flugzeug den Luftraum ihres Heimatlandes verlassen hat – und die gleiche Metamorphose machen sie rückwärts bei der Heimreise auch. Sie wünschen sich, dass ihre Heimat etwas liberalere , toleranter wird und diese Vorschriften nicht nur juristisch, sondern auch gesellschaftlich gelockert oder abgeschafft werden.

Aber es gibt auch noch diese merkwürdigen Wesen, denen es nicht so geht. Die auch im Westen rumlaufen „wie ein Pinguin“. Oder die gar selbst im Westen leben, eventuell sogar dort geboren sind, und trotzdem die eine oder andere Variante der Verhüllung praktizieren. Freiwillig.

Damit können wir im Westen nicht umgehen. In welchem Ausmaß auch hier Diskussionen über die zulässige Kleidung muslimischer Frauen geführt werden, spottet jeder Beschreibung. Männer dürfen dagegen alles, die unglaublich hässlichen Taliban-Rauschebärte hat noch keiner verboten, obwohl man doch locker sagen könnte, dass das eine offen zur Schau gestellte Sympathie mit dem Terrorismus ist.

Ja, ich verstehe es auch nicht, warum eine Frau freiwillig diesen Verhüllungsunsinn mitmacht. Aber es gibt auch vieles, was diese Frauen an mir nicht verstehen. Wir müssen auch nicht alles verstehen, die Welt ist schöner, wenn wir alle verschieden sind. Es gibt aber viele wie die junge Amerikanerin mit palästinensischen Wurzeln, die unter dem Namen Mint Lemonade bloggt. Sie hat auf ihrem neuen Blog geschrieben, dass sie jetzt anfängt, sich zu verschleiern.

“The most difficult moments of the journey so far were in the months leading up to me actually putting it on. I was so nervous. Being in my mid-20s, I already have an established network of family, friends, and co-workers who might have different opinions about it. What would they think? What kind of questions would they ask? But I already made up my mind months before I wore it. I really wanted to wear it. I researched and I read. I talked to a few close friends and family who wore hijab and asked them questions on questions on questions about their experiences. I practiced wearing it here and there, to the grocery store or somewhere inconspicuous, to see how I felt. After deeply contemplating it, I had the desire burning inside of me. It was something I felt I needed to do on my own personal journey to strengthen my relationship with God. I made sure my intentions were in the right place and on October 18, 2013, I woke up in the morning and thought, Eff it, today is the day.

Ever since I put it on, I have never felt more comfortable. Despite some challenges, I have never felt more myself. Alhamdulilah. This is me.”

Eine lebensfrohe, kämpferische junge Frau Mitte Zwanzig macht sowas, fühlt sowas.

Auch wenn man das wirklich nicht versteht, hat dennoch niemand ein Recht, solche Frauen blöd anzumachen oder zu diskriminieren. Genau das passiert aber. Ein krasses Experiment ist hier zu sehen.

In einer gespielten Szene in den USA beleidigt ein Mann lautstark eine den Hijab tragende Frau als Terroristin und beschimpft sie, sie habe in Amerika nichts verloren. Ein Passant nach dem oder der anderen spaziert teilnahmslos vorbei, so gut wie niemand greift ein. Das Video endet mit dem Satz „The only thing necessary for the triumph of evil is for good people to do nothing.“ Genau das passiert.

Solche Szene zeigen auch, dass die Begründungen für viele Kopftuch-Verbote im Westen – man wolle ja den armen geknechteten Frauen helfen – verlogen sind. Die Frauen interessieren niemanden. Es geht um Islamophobie, um Rassismus und Intoleranz. Dagegen müssen wir eintreten. Aus Prinzip, aber auch weil diese Frauen es verdient haben, dass sie als normale Menschen akzeptiert werden. Auch dann, wenn sie von ihrem Familienclan gezwungen werden, Hijabs oder anderes zu tragen. Sie auszugrenzen, ist genau das falscheste was man tun kann, um ihnen zu helfen, diesen Zwang abzuschütteln.

Über sunflower22a

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2 Antworten zu Der Spießrutenlauf muslimischer Frauen im „freien Westen“

  1. waswegmuss schreibt:

    Oh doch, diese „Männer“ mit ihrem Gesichtsflokati, der die vollständige Absenz einer jeglichen Form von Humor, ja den manifestierten Dumpf, nur schwerlich verdeckt, gehen mir tausend Mal mehr auf den Senkel als diese wispernden Nijabfrauen.
    Ich schweife ab.
    In Frankfurt gibt ein Blumengeschäft namens Blumenbar (http://www.blumenbar.net/). Dort macht auch eine „Kopftuchfrau“ die Blumen schön. Das Schöne dabei ist, dass ihr die Chefin als Berufsbekleidung einige freundlich, bunte Kopftücher gespendet hat. Plötzlich wirkt das Fröhlich. Gut so.

  2. Pingback: Kleidervorschriften | sunflower22a

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