Valentinstag als emanzipativer Akt?

Ich mag den Valentinstag nicht. Erstens habe ich ohnehin Aversionen gegen verordnetes, gleichförmiges “jetzt machen wir mal alle an einem Tag dasselbe“. Ich bin auch nicht unbedingt scharf darauf, Blumen nur deswegen zu bekommen, weil es an einem Tag irgendwie üblich ist. Aber egal, ich habe auch nichts gegen den Valentinstag. Meist ist er mir keine Notiz wert.

In Indien ist vieles anders, auch die Bedeutung des Valentinstags. Ein Land, das durch seine exzessive, weitverbreitete Alltagsgewalt gegen Frauen und auch die vielen Demonstrationen gegen diese Gewalt von sich reden gemacht hat, und ein Land in dem arrangierte Heiraten noch immer die Norm sind. Junge Menschen begehren gegen diese alten Traditionen auf, wollen sie überwinden. Lisa Wades wirklich lesenswerter Blog „Sociological Images“ schreibt jetzt darüber, wie sie den Valentinstag dafür nutzen. Sich in jemanden zu verlieben und Beziehungen aus Liebe einzugehen, das ist immer noch höchst subversiv auch in indischen Mittelschichtsfamilien. Der Valentinstag repräsentiert alles, was diesen jungen Inderinnen und Indern wichtig ist: Individualismus, Romantik, Freiheit, Gegenkultur. Die Deccan Chronicle schriebt sogar, dass der Valentinstag von den ganz Progressiven dafür genutzt wird, Parties für die Liebe und für die Heirat über Kastengrenzen hinweg zu organisieren – die ultimative Herausforderung für traditionelle Hindus.

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Gerade weil Hindunationalisten den Valentinstag als unindisch, westlich ablehnen, ist er für diese jugendliche Gegenkultur attraktiv. Sie küssen sich offen auf der Straße, tauschen Geschenke aus und zwar am liebsten solche in der Form eines Herzens, eine Demonstration für die freie Wahl deines Lebens- und Liebespartners. Tolle Sache! Und wahrscheinlich viel subversiver als ernste Demonstrationen oder Menschenrechtskampagnen.

Was man vielleicht auch wieder einführen sollte, sind die „vinegar valentines“, die im englischen Sprachraum von etwa 1840 bis 1940 üblich waren. Der Valentinstag hatte damals nicht nur die Bedeutung, dass man nett zueinander war, sondern auch denjenigen, die man nicht leiden konnte, meist anonym beleidigende oder ironische Karten zu schicken. Karten, die der Empfänger meist auch noch bezahlen musste, weil es üblich war, dass der Empfänger das Porto bezahlt. Sie gingen an Nachbarn, Lehrer, Chefs, sogar an Freunde, an unerwünschte Heiratsantragsteller, oder auch an Leute die man einfach nur ärgern wollte weil sie hässlich oder dick sind.

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Wer glaubt, wir leben heute in einer Zeit der sozialen und kulturellen Freiheit, muss sich nur mal diese Karten anschauen, die im Collector’s Weekly zu bewundern sind. In unserem Zeitalter der Selbstzensur und politischen Korrektheit würden die meisten dieser Karten zu mittelschweren Skandalen, Entschuldigungsorgien oder gar Rücktritten führen. Am Valentinstag durfte man solche Grobheiten und Gemeinheiten begehen. Die Kunst- und Designhistorikerin Annebella Pollen hat dazu ein Forschungsprojekt gemacht, mit dem sie wirklich erstaunliche Schätze zutage gefördert hat. Schaut mal rein in ihre Ausstellung – und da gibt es auch eine ganze Reihe zum Herunterladen. Ich finde, diese Tradition sollte man wiederbeleben. Ich wüsste eine ganze Menge Leute, denen ich sowas schicken könnte…

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Über sunflower22a

I am a mystery.
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