Yves Saint-Laurent – Zwischen Genie und Wahnsinn

Es kann schon mal vorkommen, dass mir im Kino die Tränen kommen. Irgendwie ist mir das immer peinlich, obwohl es eigentlich niemand sieht. Bei der Berlinale-Vorführung von „Yves Saint-Laurent“  kamen mir so viele wie noch nie, vor Rührung, vor Trauer, vor Bewunderung.

Dieser Film ist hinreißend. Manchmal würde ich mich gerne mit einer Zeitmaschine in frühere Zeiten versetzen, so wie in „Midnight in Paris“. Die späten fünfziger und frühen sechziger Jahre standen dabei allerdings noch nie auf meinem Zeitreisen-Wunschzettel. Der Film beginnt genau da, zeigt einen jungen extrem schüchternen YSL. Pierre Niney spielt ihn – ein junger Schauspieler mit enormer Überzeugungskraft, wirklich unglaublich. Anfangs ist er ein lieber, geradezu süßer Junge, schon damals ein Sonderling, aber sehr sympathisch und beliebt. Ich glaube, ich hätte mich sofort in ihn verknallt. Er wird der Kreativchef des Hauses Dior, als Christian Dior stirbt, agiert derart unsicher, fast wie ein Kind, und schafft doch bereits geniale Mode – du schmilzt dahin vor Rührung. Leider ist er homosexuell…

Alles ändert sich mit der Einberufung in den Algerienkrieg, der Nervenzusammenbruch bringt ihn ins Militärkrankenhaus, wo er mit Drogen vollgepumpt wird. Die Drogen machen ihn kaputt. Dennoch holt er erstmal seine im Grunde übersprungene Jugend nach, seine Mode wird immer avantgardistischer. So erfolgreich er ist, im Grunde ist er überfordert mit dem Leben. Pierre Bergé, sein  Lebenspartner gespielt von Guillaume Gallienne, führt in fast wie ein Vater durchs Leben…mit den entsprechenden Konflikten. YSL versinkt immer mehr in Drogenabhängigkeit, feiert Exzesse in der Schwulenszene, fängt eine Affäre nach der anderen an, und geht doch als Mensch immer mehr vor die Hunde. Tränen der Trauer. Du spürst förmlich wie das enden muss.

Und natürlich seine genialen Mode-Durchbrüche. Kommerziell ein Erfolg, publicityträchtig, und doch… „Mode ist keine hohe Kunst, Mode ist noch nicht mal Kunst, Mode ist eben nur Kleider“ sagt er einmal resigniert zu Bergé. Ja, so ist es, so denken die meisten – und doch ist sie – kann sie – weitaus mehr Kunst sein als Architektur oder so manche Malerei, jedenfalls wenn man das Gemeinschaftswerk des Modedesigners und der Trägerin betrachtet.

Unvergessen seine Creation „Liberation“ mit „Le Smoking“ für Frauen, eine Provokation sondergleichen nicht nur mit dem bisherigen Modestil sondern mit dem Frauenbild überhaupt. Nicht mehr möglichst feminin, nein androgyn war sie nun – und damit auch eine direkte Herausforderung für den Mann als Herren der Schöpfung. So etwas konnte wohl nur ein Schwuler kreieren. Er liebte die Frauen, DIE Frauen – aber keine einzige.

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Anja Rubik in der Frühjahrskollektion 2013 des heutigen Hauses Saint-Laurent – wunderschön

So durfte keine einzige Frau in seinem Leben eine wirkliche Rolle spielen. Eine der traurigsten Szenen des Filmes dreht sich um die eine Frau die es wollte, Victoire Doutreleau, gespielt von Charlotte Le Bon. In einem Anfall von, nun ja, was auch immer, macht der blutjunge YSL ihr einen Heiratsantrag, den sie verblüfft ablehnt. Aber sie gehört später zu seiner Crew, sie haben eine besondere Vertrauensbeziehung, aber auch Rivalität. Die eskaliert als Victoire es auf YSLs Lebenspartner Pierre abgesehen hat, beim Abendessen die gespannte Beziehung zwischen Pierre und Victoire eskaliert und sie Sex mit ihm will und bekommt. Pierre erzählt das YSL, und danach ist es aus. Schauderhafte Szenen. Meistens identifizierst du dich mit jemandem in einem Film, für mich war sie das. Tränen der Trauer. Ich hatte schon gehofft sie kriegt ihn rum, und ich versetze mich in sie hinein…ach je.

Unglaublich stark ist der Film bei der filmischen Porträtierung der zerrissenen Persönlichkeit Saint-Laurents, wie er nach Freiheit strebt und doch nicht mir ihr umgehen kann, wie er in seinem Inneren nur und ausschließlich für die Mode lebt und doch immer wieder daraus ausbrechen muss. Die polyamoren Liebesbeziehungen und Sexabenteuer, die Rebellion gegen seinen Lebensanker, Lebenspartner und Ersatzvater Pierre Bergé. Eine Schlüsselszene ist, wie er Bergé aus einem Buch vorliest, dass nur Verrückte und Neurotiker die Welt voranbringen. Alle Künstler, alle Chefköche sind Neurotiker, und so habe er eben keine andere Wahl.

YSL war ein Genie, und wie so viele Genies (alle?) immer an der Schwelle zum Wahnsinn. Ich war vor langer Zeit mal bis über beide Ohren in ein Genie verliebt, es war eine kurze Zeit der Himmel, bald die Hölle und endete mit einer Katastrophe. Nie wieder ein Genie, habe ich mir geschworen – und zum Glück bin ich auch keines. Aber ich bewundere sie, oder viele von ihnen, und Yves Saint-Laurent war eines. Ein wahnsinniges Genie. „Les Modes passent, le style est eternel“ , wie wahr. Er liebte die Schönheit, und nirgendwo kam sie für ihn besser zum Ausdruck als in schönen Kleidern für schöne Frauen. Er hat recht: es gibt kein größeres Kunstwerk.

Schaut euch den Film an, ab 17.April in den deutschen Kinos. Unbedingt. Am besten Original mit oder ohne Untertitel.

Loulou & Betty FIX2

Über sunflower22a

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5 Antworten zu Yves Saint-Laurent – Zwischen Genie und Wahnsinn

  1. kultgenosse schreibt:

    Ich habe mich vorher nie sonderlich für Mode interessiert und lese jetzt und schon den dritten (2 1/2ten) Artikel von dir zum Thema. Is ja vielleicht was dran. Aber ich finde, du hast die Männermode neulich im Vergleich zur Damenmode zu hart angepackt. Aber das ist ja Geschmackssache. Wieder mal ein toller Beitrag.

  2. waswegmuss schreibt:

    @Kultgenosse: Männermode sind entweder Uniformen, dazu zählen auch die ganzen Anzugsgeschichten, oder peinlich. Dieser New-Dandyism-Stil hat was und wie die Japaner mit dem Thema umgehen ist auch ganz witzig.
    Walter von Beirendonk hat mal als größte Herausforderung „Mode für große, dicke Männer“ genannt und es auch versucht. Leider war das auch nicht so.

    • Aprpos „Uniformen“ und „Schwulsein“: Zu Theaterzeiten hatte ich derer viele – sowohl Uniformen, als auch schwule Kollegen (und manchmal die Einen in den Andern) – was aber dort sehr gut zu beobachten war: Obwohl das Theater Minderheiten eine wunderbare Nische bietet, gab es auch da nicht nur die Queers, die dem õffentlichen Cliché von Lack, Leder und Cockring Rechnung trugen, sondern auch die „Spiesser“ mit der Teakholz-Schrankwand zu Hause. Bedauerlich generell nur, dass außerhalb der Nische die Minderheit der Lackuniformen das öffentliche Bild prãgt und den „Ruf“ des Genres generell. Soviel zum Aspekt der ’schwulen Mode‘.

  3. Mrs. Mop schreibt:

    Dear sunflower, thanks a lot for commenting on my blog last night.

    (Just in case you wonder where it‘s gone: I‘ve published your comment, but – at least for the moment – bloody Google won‘t load all those comments following the blue „Weitere laden …“ at the bottom of the site, heaven knows what‘s going on there, I‘m truly sick of all these Google-doodle harassments.) Anyway:

    Nice to hear you‘re reflecting your blogging activity likewise. For now, I tend to think the language issue is an important one, yet, from where I stand, rather not the crucial one: To my mind, those days of individual blogging are gone, and (probably) never to return. Which means, I‘m in quest of alternative ways to write and communicate online, i.e. on a rather joint – oops, don‘t let that one bogart🙂 – or shared level instead of warbling away as a soloist.

    Please feel free to get into email contact with me if you‘d like to ‚pick up the scent‘ of what I mean. I read and enjoy your very open-minded, versatile, kind of maverick blogging style a lot.
    Again, thanks.

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