Modefotografie – immer sinnlicher, immer schöner

Mode war schon immer etwas Erotisches. Mode ist dazu da, ihre Trägerin – und in früheren Jahrhunderten auch ihre Träger – schön, begehrenswert, elegant erscheinen zu lassen. Natürlich ist Erotik immer ein Spiel mit Verhüllung und Enthüllung. „Ganz unverhüllt“  ist oft genauso wie „ganz verhüllt“ einfach weniger sexy als „ein bisschen verhüllt“. Das Spiel mit Andeutungen ist die Kunst, es regt die Vorstellungskräfte an und die Neugier. Hier tritt die Mode auf die Bühne – das Wie des „ein bisschen Verhüllens“ ist die große Kunst.

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In den 1970er und frühen 1980er Jahren war der Umgang mit Nacktheit in der Fotografie noch recht simpel – nach der angeblichen „sexuellen Revolution“ der späten 60er Jahre waren halbnackte Frauen in der Werbung sehr populär. Der „Befreiungscharakter“ dieses Phänomens ließ rasch nach, stattdessen kam die feministische Kritik, Frauen würden zu Sexobjekten degradiert und vermarktet. In der Plumpheit der 70er-Jahre-Werbung war das eine nachvollziehbare Kritik. Mit Mode hatte das nichts zu tun, und mit Modefotografie auch nicht. Und Modefotografie wollte damit auch nichts zu tun haben.

Die 70er sind lange vorbei. Modefotografie transportiert Emotionen, Vorstellungen darüber wie du selber sein möchtest, welchen Lebensstil du gerne hättest. Wenn dabei viel nackte Haut im Spiel ist, werden dazu auch noch erotische und sinnliche Assoziationen transportiert. Beides passt gut zusammen – wenn du dich traust, dich selbst als erotisches Wesen zu sehen. Als Frau, die nicht nur schön und „attraktiv“, sondern sinnlich ist – die nicht nur begehrenswert ist, sondern auch selbst begehrt. Platt gesagt, die nicht nur Objekt ist, sondern auch – oder noch mehr – Subjekt, vielleicht gar dominantes Subjekt.

Sexualität ist heute bei vielen Menschen von viel Unsicherheit geprägt  – in einem Widerstreit größerer Toleranz in der gelebten Realität einerseits und wachsender gesellschaftlicher Prüderie und Konservatismus andererseits. Nacktheit in der Werbung wird deshalb heute anders präsentiert als in den 1970ern mit ihrer Überdosis platter, pseudo-provokativer Busenfülle. Calvin Kleins Werbung mit nackten Körpern ist heute unvergleichlich erotischer als die 1970er Jahre Werbung oder die damaligen Titelbilder etwa des stern oder des Spiegel. Nacktheit um der Nacktheit willen ist immer mehr „out“, Nacktheit oder die Andeutung von Nacktheit als Medium für sinnlich-erotische Assoziationen dagegen überhaupt nicht. Sie wird vielmehr immer kunstvoller inszeniert.

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Damit verschwimmen die Grenzen zwischen dem kunstvollen Genre der Modefotografie und dem, was gemeinhin abqualifizierend als „Pornografie“ bezeichnet wird. Helmut Newton, vielleicht der künstlerischste Fotograf aller Zeiten, hat dies schon in den frühen 1980er Jahren exemplarisch gezeigt. Aber dennoch, Akt und Mode blieben auch bei ihm noch getrennt – nicht zuletzt, weil er in keinem Magazin publiziert wurde und Internet nicht existierte. Newton porträtierte Frauen, keine Mode.

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Aber man kann auch beides gleichzeitig. Und die Models tun es genauso wie die Fotografen. Wenn Supermodel Kate Moss jetzt für den Playboy posiert, ist das kein Aufreger mehr. Daria Werbowy,

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oder Karlie Kloss

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zeigen sich abwechselnd mit  viel, wenig und mit sehr wenig modischen Klamotten – seit Naomi Campbell ist das alles kein Tabu für ein Model mehr. Die Grenze zwischen Nacktmodell, Fashion model, Supermodel verschwimmt immer mehr.

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Die Kunst ist, diese ganze Bandbreite zu beherrschen. Ein Supermodel transportiert Emotionen, und das tut sie heute mit viel, wenig oder auch mal gar keinen Kleidern. Es wäre eine künstliche Grenzziehung, nach der Wahl der Kleidung oder Nicht-Kleidung eine Unterscheidung zwischen Modefotografie oder Nicht-Modefotografie zu ziehen. So bleibt inzwischen selbst der Vogue-Kalender Modekalender, obwohl er kaum Mode zeigt, sondern Daria Werbowy – und sie transportiert mit sehr wenig Mode am Körper dennoch Emotionen wie in einem Modekalender.

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So etwas kann man sich an die Wand hängen und wird dafür bewundert – im Gegensatz zum Pirelli-Kalender mit seinen eher tumben nackten Girls. Die sind eher peinlich, sprechen immer weniger Menschen an – um genauer zu sein: immer weniger Männer, und Frauen sowieso nicht.

Auch die Fotografen (und Fotografinnen, natürlich) werden nicht mehr so strikt einklassifiziert. Terry Richardson ist längst ein berühmter Modefotograf für alles was Rang und Namen hat, von Vogue bis Harper’s Bazaar – und publiziert Bildbände mit geradezu pornografischen Aktaufnahmen. So sehr seine Anfänge in der pornografischen Fotografie liegen, so wenig hätten Models die etwas auf sich halten, sich früher von ihm fotografieren lassen. Mario Testino ging den umgekehrten Weg, der berühmte Modefotograf macht heute auch erotische Aktaufnahmen, selbst Kate Winslet lässt sich von ihm mal ohne alles ablichten.

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In der Welt der Mode erwarten wir – Frauen wie Männer – heute geradezu diese Sinnlichkeit, die in anderen Lebensbereichen immer mehr unter den Druck neoprüder Puritaner gerät. Eigentlich war das auch schon in der Malerei vergangener Jahrhunderte so: niemand würde sagen, wenn Rembrandt eine Nackte malt, kommt das Bild in den Kasten „Pornografie“ und ist minderwertig, wenn er eine Frau in schönen Kleidern malt, ist es hochwertig. Aber das ist Geschichte, so wie die nackten Statuen der alten Griechen und Römer. Fotografie ist im Gegensatz zur Malerei nicht nur Kunst, sondern vor allem auch Alltagsgebrauchsgegenstand. Je mehr sie Kunst wird, desto eher toleriert man vermutlich nackte Menschen. Diese Trends der Modefotografie sind Gegenwart, eine schöne und spannende Gegenwart. Vieles davon ist Illusion, photoshopgeschönte Illusion, vieles von blöden unrealistischen Schönheitsidealen geprägt. Stimmt alles. Aber ich glaube, die werden wir auch hinter uns lassen.

Über sunflower22a

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Eine Antwort zu Modefotografie – immer sinnlicher, immer schöner

  1. kalypso schreibt:

    guten morgen sunflower,

    also für mich ist die modebranche überhaupt KEIN thema!
    mein sohn und ich haben uns gestern „zoolander“ mit ben stiller angeguckt und uns schlappgelacht. wenn du sinn für humor hast………………..

    einen schönen sonntag!

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